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| 14:11 Uhr

Interview mit Lutz Seiler
Nachdenken über die Möglichkeiten von Freiheit

Der Schriftsteller Lutz Seiler ist in der Reihe Lausitzer Lesart zu Gast in Cottbus..
Der Schriftsteller Lutz Seiler ist in der Reihe Lausitzer Lesart zu Gast in Cottbus.. FOTO: Juergen Bauer / juergen-bauer.com
Cottbus. Lausitzer Lesart: Der preisgekrönte Autor von „Kruso“ kommt am 27. März in die Stadt- und Regionalbibliothek Cottbus. Von Ida Kretzschmar

Lutz Seiler (Jahrgang 1963) kommt am 27. März nach Cottbus. In einem Werkstattgespräch in der Reihe Lausitzer Lesart, gemeinsam veranstaltet vom Brandenburgischen Literaturbüro, der RUNDSCHAU und der Stadt- und Regionalbibliothek Cottbus, wird er Einblick in sein literarisches Schaffen geben. Im RUNDSCHAU-Interview spricht der vielfach preisgekrönte Autor von „Kruso“ über sein Schreiben.

Lutz Seiler, Sie sind 2014 für Ihren bewegenden Roman „Kruso“ mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden. Wie hat sich seitdem Ihr Leben verändert?

Seiler Es hat sich gar nicht so viel geändert. Als ich den Preis bekam, war ich schon 20 Jahre im Literaturbetrieb unterwegs. So hat der Preis auch nicht alles umgestoßen. Schreiben geschieht im Grunde ganz unabhängig von allem, was einen umgibt. Am Ende ist es doch wieder das weiße Blatt und die neue Geschichte, die du unbedingt schreiben musst. Und damit ist man allein. Warum man schreibt, ist unbeantwortbar. Man muss es tun oder nicht. Lange, bevor ich mit „Kruso“ meinen ersten Roman schrieb, habe ich die Poesie für mich entdeckt. Es gibt keine vernünftigen Gründe, Gedichte zu schreiben. Es gibt eher gewichtige Gründe, es nicht zu tun. Nach den Gedichtbänden kamen die Essays, dann der erste Erzählband. Erst um 2010 hatte ich Lust, auch die große Form zu probieren. Es gibt eine Unbedingtheit, mit der sich das Schreiben im eigenen Leben durchsetzt, die sich einer rationalen Begründung entzieht. Natürlich war es dennoch unheimlich schön für mich, diesen Preis und auch den Uwe-Johnson-Preis für meinen ersten Roman zu bekommen.

Es gab sehr viel Aufmerksamkeit... Seiler ... und ich habe unzählige Lesungen gemacht. Was mich besonders freut: Das Buch wurde und wird in 23 Sprachen übersetzt. Und in diesem Jahr wird eine Verfilmung zu sehen sein.

Waren Sie selbst daran beteiligt?

Seiler Drehbücher sind nicht mein Metier. Ich habe mich mit dem Regisseur Thomas Stuber und dem Drehbuchautor Thomas Kirchner einige Male getroffen und den Stoff diskutiert. Ich hatte eine Art Beraterrolle und war auch mal am Set. Alles machte einen sehr guten Eindruck.

Wer ein Buch gelesen hat, ist manchmal skeptisch, ob die Verfilmung dem standhalten kann. Hat diese Sorge auch, der das Buch geschrieben hat?

Seiler Nein, ich gehe davon aus, dass eine Verfilmung etwas vollkommen anderes ist. Da muss etwas Neues entstehen, und das wird es auch.

In Thüringen aufgewachsen, mit Zwischenstationen in Halle und Berlin, leben Sie heute in Wilhelmshorst bei Potsdam und in Stockholm. Wie kam es dazu?

Seiler Meine Frau ist Schwedin, und damit hängt natürlich alles zusammen. 14 Tage bin ich in Deutschland, 14 Tage in Stockholm. Das war auch mein Schreibort für „Kruso“. In Stockholm kann ich sehr gut arbeiten, bin ein wenig weg von allem.

Wie nützlich ist eine solche Distanz für Ihr Schreiben?

Seiler Man geht an einen anderen Ort und verlässt die Dinge, die einen sonst umgeben. Früher dachte ich: Das wird nicht so viel ausmachen, man ist ja eh mit der Welt verbunden durch die elektronischen Medien und geht nicht wirklich weg. Aber dieses An-einen-anderen Ort-, In-ein-anderes-Land-gehen macht doch etwas mit einem. Man ist außerhalb, hat eine andere Position in der Welt, auch der eigenen Herkunft, dem bisherigen Leben gegenüber. Diese Außenperspektive zu haben, spielt schon einen wichtige Rolle.

Ist man dennoch nah dran an dem, was Menschen hier bewegt?

Seiler Ich schreibe ja nicht über ein Geschehen in der unmittelbaren Gegenwart. Mein Schreiben beschäftigt sich vorwiegend mit Stoffen, die in der Vergangenheit liegen, auch wenn dann das Gegenwärtige einfließt und das Verhältnis zur Geschichte mitbestimmt. Und ich bin eben ja auch nicht aus der Welt, sondern aller 14 Tage in Deutschland.

Nach Cottbus kommen Sie mit einer neuen Erzählung, die den Arbeitstitel „Meine Wohnung“ trägt. Verraten Sie schon etwas darüber?

Seiler Eigentlich nicht so gern. Im Wesentlichen geht es darum, wie man sich in dieser verrückten, anarchischen Zeit nach dem Mauerfall zurechtfinden konnte und musste. Ich war damals 26 Jahren alt und habe in Berlin gelebt. Und meine Eltern sind in den Westen gegangen. Das ist der Stoff.

„Kruso“ haben Sie im letzten Sommer vor dem Mauerfall auf Hiddensee angesiedelt. Fluchtpunkt und Sehnsuchtsort zugleich. Eine verschworene Gemeinschaft von Saisonkräften und Aussteigern träumt von der Freiheit. Ist es das Seelenleben Ostdeutscher, das Sie besonders beschäftigt?

Seiler Nein. „Kruso“ ist für mich in erster Linie die Geschichte einer zärtlichen, schwierigen Männerfreundschaft. Und ein Nachdenken über die Möglichkeiten von Freiheit, nachdem wir alle Utopien verabschiedet haben. Konkrete Orte und ihre Aura sind wichtig, aber im Vordergrund steht nicht, wo etwas spielt. In diesem Sinne gibt es keine speziell ostdeutsche Literatur über „ostdeutsches Seelenleben“, auch keine norddeutsche oder süddeutsche. Berlin war, als die Mauer fiel, ein internationaler Ort, an dem Leute aus allen Teilen der Welt eine vollkommen neuartige Szene gebildet haben, nicht zu vergleichen mit dem, was es vorher im Westen noch im Osten gab. Das war eine Zeit, in der sich Lebensläufe neu definierten, Umbrüche stattfanden, das Leben neu versucht wurde oder auch gescheitert ist. All das, was eine welthistorische Zäsur ausmacht. Wenn man ein Schriftsteller meiner Generation ist, gibt es eigentlich keinen größeren Stoff, zumal wir die Zeit vor und nach der Zeitenwende gleichermaßen miterlebt haben. Es ist ziemlich schwer, von diesem Stoff abzusehen.

Wie zu hören ist, machen Sie sich bei Lesungen inzwischen rar. Wie kommt es, dass Sie ausgerechnet nach Cottbus kommen?

Seiler Weil mein Freund Hendrik Röder vom Brandenburgischen Literaturbüro mich gefragt hat. Das soll dann für längere Zeit meine allerletzte Lesung sein, nach „Kruso“ habe ich ja mehr als 100 Lesungen gemacht. Irgendwann muss man aufhören damit, um auch wieder zum Schreiben zurückzufinden. Cottbus ist also eine absolute Ausnahme. Natürlich habe ich von den Auseinandersetzungen in der Stadt gehört. Ich habe die Stadt schon aus meiner Kindheit in sehr guter Erinnerung und freue mich auf ihre besondere Aura.