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| 16:16 Uhr

Im Lernzentrum
Außenseiter trifft Realität

Ingo Schulze stellte am Montagabend im Lernzentrum Cottbus der Stadt- und Regionalbibliothek sein Buch „Peter Holz. Sein glückliches Leben“ vor. Es erzählt von ihm selbst“.
Ingo Schulze stellte am Montagabend im Lernzentrum Cottbus der Stadt- und Regionalbibliothek sein Buch „Peter Holz. Sein glückliches Leben“ vor. Es erzählt von ihm selbst“. FOTO: Michael Helbig
Cottbus . Ein besonderer Wenderoman stand in Cottbus auf dem Programm der Lausitzer Lesart.

Mit dieser Lausitzer Lesart, einer Gemeinschaftsveranstaltung mit dem Brandenburgischen Literaturbüro und der LAUSITZER RUNDSCHAU, am Montagabend in der Stadt- und Regionalbibliothek ging der 26. Cottbuser Bücherfrühling erfolgreich – wie Bibliotheksmitarbeiterin Uta Jacob erklärte – zu Ende.

Außenseitern hatte er in diesem Jahr seine besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Einem ganz besonderen Exemplar dieser Spezies begegneten die Besucher nun in Peter Holtz bei der Lesung mit Ingo Schulze. „Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst“ ist ein moderner Schelmenroman. Eulenspiegelhaft nimmt die Titelfigur ihre Mitmenschen beim Wort, was zu vielen surrealen Situationen führt, witzig ist und überdies zwei Gesellschaftsentwürfe mit den Mitteln der Satire beschreibt. „Peter Holtz“ ist ein Wenderoman der besonderen Art.

Die Geschichte setzt 1974 ein, da ist die Titelfigur zwölf Jahre alt und bereits mit der nervenden Hartnäckigkeit ausgestattet, die es ihr und den Mitmenschen schwer macht. Peter wächst im Kinderheim „Käthe Kollwitz“ auf und ist ein glühender Anhänger des Kommunismus. Alle Schlagworte und Parolen hat er in sich eingesogen und versucht, sie nach Kräften umzusetzen. Zunächst in einem Ausflugslokal. Er hat es sich gut gehen lassen, die Rechnung kann und will er aber nicht bezahlen. Warum sollte er auch, wo im Kommunismus das Geld doch ohnehin abgeschafft wird. Er könnte doch mithelfen, diese unsinnige Verwendung von Geld im Sozialismus zu beenden. Die Zuhörer in der Bibliothek amüsieren sich köstlich, wie der Junge beseelt von seiner Aufgabe versucht, die etwas sprachlose Kellnerin agitpropmäßig zu überzeugen. Peter Holtz nimmt ernst, was ihm der Leiter seines Kinderheims an antifaschistisch-kommunistischer Erziehung mitgegeben hat. Zunehmend spürt er aber auch, dass andere seine Überzeugung nicht teilen.

Enthusiastisch und aus ehrlichem Herzen setzt er sich für den Sozialismus ein, will, dass es allen Menschen gut geht und wird zwischendurch sogar zum Christentum bekehrt, das ihm gar nicht so weit entfernt erscheint von seiner Haltung. Hier begegnet er Brüdern und Schwestern, ist aber zugleich überzeugt, diejenigen, die sich wirklich für eine bessere Welt einsetzen, sind seine Genossinnen und Genossen. Klar, dass ein so überzeugter Kampfgefährte der Stasi nicht entgeht. Peter Holtz freut sich so sehr darüber, angeworben zu werden, dass er es überall herumerzählt...

Als die Wende naht, zieht der Weltverbesserer daraus seine eigenen Schlüsse. Die Losung „Einig Vaterland“ findet er gar nicht schlecht, schließlich gilt es ja auch die Arbeiterklasse in Westdeutschland zu befreien. Ingo Schulze liest eine Stelle des Romans, in der sich sein Protagonist selbst einen Eindruck vom Kapitalismus verschafft und natürlich seine eigenen verqueren Schlüsse daraus zieht. Wunderbar grotesk die Szene, in der er auf einen Obdachlosen stößt, dem er erklärt, warum er die hundert D-Mark Begrüßungsgeld als demütigend empfindet und sie auf keinen Fall abholen wird.

Trotz seiner ablehnenden Haltung gegenüber dem kapitalistischen System wird Holtz nach der Wende schnell Millionär. Weil er Maurer ist, hatten ihm zu DDR-Zeiten Besitzer von zunehmend verfallenden Häusern diese für wenig Geld aufgeschwatzt, nun ist er ein Unternehmer – und unglücklich. Was war an welcher Stelle schiefgegangen, dass aus ihm ein Millionär wurde?

Alle Versuche, das Geld wieder loszuwerden, scheitern. Selbst Unternehmungen wie eine Kunstgalerie bringen eingesetzte Investitionen potenziert zurück. In seiner Hilflosigkeit setzt er sich schließlich auf dem Alexanderplatz unter die Weltzeituhr und verbrennt 1000-Mark-Scheine. Er landet in der Psychiatrie, wird mehrfach in der Hoffnung, er sei geheilt, entlassen, um sofort wieder unter die Weltzeituhr zu eilen. Man lässt ihn einfach nicht sein Geld vernichten.

Mit zunehmender Aufenthaltsdauer findet Holtz seine Unterbringung gar nicht so schlecht. Man ist versorgt, braucht kein Geld, kommunistische Zustände – auch wenn die Mitbewohner zugegebenermaßen etwas merkwürdig sind.

Was für eine Geschichte! Simplicius Simplicissimus lässt grüßen. Ingo Schulze allerdings lässt seinen Helden im Präsens, nicht zurückblickend erzählen, was dessen naive, manchmal treu-doofe Grundhaltung unterstreicht. Als unterhaltsame Urlaubslektüre sehr zu empfehlen. Das Publikum jedenfalls war von diesem Peter Holtz fasziniert und hatte noch manche Frage.