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| 17:07 Uhr

Cottbus
Bilder, die im Schädel bleiben

Helfried Strauß: Aus der Serie: Die Fähre, 1979-1981, Silbergelatineabzug
Helfried Strauß: Aus der Serie: Die Fähre, 1979-1981, Silbergelatineabzug FOTO: Helfried Strauß
Cottbus. Etwa 200 Arbeiten des Leipziger Fotografen Helfried Strauß erzählen im Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst im Cottbuser Dieselkraftwerk vom Leben. Von Renate Marschall

Eine „Bild-Erzählung“ sei das, sagt Carmen Schliebe, die für Fotografie zuständige Kustodin im Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst in Cottbus, über die Fotostrecke „Die Fähre“ des Leipziger Fotografen Helfried Strauß.

Es ist nichts Spektakuläres, was da erzählt wird, nur eine Geschichte vom Leben und seinen Mühen, vom Glücklichsein und einer Zufriedenheit, die nicht viel braucht.

Von 1979 bis 1981 begleitete der Fotograf im kleinen Ort Höfgen bei Grimma eine Fährfamilie, deren Dreh- und Angelpunkt Mutter Brigitte ist, mit der Kamera.

Wenn der Kahn zu Wasser gelassen wird und selbst der Schäferhund beim Schieben hilft.

Wenn sich Brigitte und ihr Mann einen Augenblick der Ruhe gönnen, am Brunnen sitzen, dem Fotografen den Rücken zugewandt, das Motorrad steht unbenutzt auf dem Weg, nur der Hahn kann die Füße nicht still halten. Helfried Strauß erwischt ihn beim Schritt über eine kleine Begrenzung.

Was allein dieses Bild erzählt. Aber da ist noch die Familie beim Baden im Fluss mit den Kindern oder am großen Esstisch versammelt. Wie sie da so sitzen, spürt man Nähe, Verbundenheit – Familie, wie sie sein soll. Dass der Tisch zu groß für den kleinen Raum erscheint, ist kein Wunder, er steht dort sonst nicht. Helfried Strauß, der viele Jahre an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) in Leipzig lehrte und Generationen Fotografen ausbildete, erinnert sich, wie er die Familie zufällig bei einem Sonntagsausflug kennenlernte und warum das Tischerücken begann. „Es war um die Mittagszeit und ich fragte, ob ich ein Foto machen könnte, wie diese große Familie gemeinsam isst. Brigitte war sofort einverstanden. Und dann begann ein Rumoren im Haus.“ Brigitte sei der Küchentisch nicht repräsentativ genug gewesen. So wurde der Wohnzimmertisch zerlegt, in die Küche geschleppt und wieder zusammengebaut.

Allein diese Bilderserie mit ihrer freundlichen Nähe zu den Menschen wäre es wert, in die Ausstellung zu kommen, die den treffenden Titel „Vom Leben“ trägt.

Aber da ist ja noch so viel mehr vom Leben – nahezu 200 Fotografien, über Jahrzehnte entstanden.

Der 1943 in Plauen geborene Helfried Strauß inszeniert seine Bilder nicht, er wartet auf den Augenblick. Ein Halbwüchsiger steht in einem Moskauer Museum vor einem Gemälde mit tobender See, in der ein Schiff versinkt. Die Mannschaft hat es auf ein Rettungsboot geschafft, doch auch ihr Schicksal scheint besiegelt. Helfried Strauß drückt den Auslöser in dem Moment, da sich der Junge umdreht, von der grausigen Szene des Gemäldes beeindruckt, aber ebenso verwundert, gerade selbst Teil eines Bildes geworden zu sein.

Oder bei dem witzigen Bild eines Vogel Strauß, der hinter einer Eisenstange hervorlugt, der Hals verdeckt, ein Auge rechts und eines links.

Helfried Strauß hat seinen eigenen Humor, beispielsweise trägt er am Tag der Ausstellungseröffnung eine Krawatte mit vielen bunten Straußen. Der humorvolle Blick auf seine Umgebung zeigt sich auch in der Serie „Schrebergärten“. Ins Auge gefallen seien sie ihm bei einer Radtour am Leipziger Kanal, weiß er noch – die zum Teil skurrile „Volksarchitektur“. „Mir war klar, das muss ich in Farbe fotografieren.“ Zum ersten Mal 1996. Da ist der röhrende Hirsch an einer Hauswand ebenso zu sehen wie der schicke Whirlpool oder zwei Bilder weiter das in die Jahre gekommene aufblasbare Planschbecken. Blicke über den Gartenzaun, bei denen er bewusst auf Menschen verzichtet habe, sagt Strauß, der fast ein Cottbuser geworden wäre. Von 1965 an war er zwei Jahre zweiter Bassist im Chor des Cottbuser Theaters. „Ich habe das nur wegen einer Frau gemacht, die Sängerin war, und bis ich meinen Studienplatz an der Hochschule für Grafik und Buchkunst hatte“, erinnert er sich. „Die Frau habe ich nicht gekriegt, aber mein Leben wurde bunter.“ Die Freude war groß, als ihm der Intendant des Staatstheaters, René Serge Mund, ein Jubiläumsbuch des Hauses überreichte, in dem auch Helfried Strauß verzeichnet ist.

Neben ihrem künstlerischen Wert sind dessen Fotografien zeitgeschichtliche Dokumente, was in der großen Bildfolge vom Osterreiten in der Oberlausitz besonders augenfällig wird. Vom Aus-dem-Stall- Holen der Pferde und der Formation des Zuges in Ralbitz bis zur Auflösung des Osterritts in Wittichenau hat er jedes Detail im Bild festgehalten. Dabei schwenkt die Kamera auch auf die Zuschauer, ein Kinderwagen, Trabis am Wegesrand – Zeitkolorit. „18 Kilometer bin ich mitgelaufen und häufig musste ich ja schneller sein als die Pferde“, kann Helfried Strauß der Strapaze noch immer nachfühlen.

Strauß schaut genau hin, ob er nun die Grabkultur auf Moskauer Friedhöfen erkundet oder einer syrischen Familie beim Picknick auf einer Aussichtsplattform zuschaut. Zu ihren Füßen eine moderne Großstadt – Damaskus 2003. Ein Foto, das heute nicht mehr möglich ist. „Ein gutes Bild ist für mich eines, das mir nicht aus dem Schädel geht“, sagt Helfried Strauß. Davon gibt es in dieser Ausstellung viele. Man sollte sich Zeit dafür nehmen.
Ausstellung im BLMK Cottbus, Am Amtsteich, bis 6. Januar 2019, Dienstag bis Sonntag geöffnet von 10 bis 18 Uhr.

Helfried Strauß: Aus der Serie: Moskau, 1970-1973, Silbergelatineabzug
Helfried Strauß: Aus der Serie: Moskau, 1970-1973, Silbergelatineabzug FOTO: Helfried Strauß