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| 17:52 Uhr

Beschäftigte wollen zurück zum Flächentarif
Trotz Vertrag Gehaltseinbuße am Staatstheater?

 Das Staatstheater Cottbus prägt die Region. Die Belegschaft hofft nun auf die Rückkehr zum Flächentarifvertrag.
Das Staatstheater Cottbus prägt die Region. Die Belegschaft hofft nun auf die Rückkehr zum Flächentarifvertrag. FOTO: dpa / Patrick Pleul
Cottbus/Senftenberg . Für die einen ist er Grund zum Aufatmen, für die anderen Diskussionsstoff: Der neue Theater- und Orchesterrahmenvertrag stellt Finanzausstattungen im Land Brandenburg auf sichere Füße. Am Staatstheater reicht das offenbar nicht, die Mitarbeiter sobald nach Flächentarif zu bezahlen. Von Ida Kretzschmar

Über einen Förderbescheid vom Land in Höhe von rund 440 500 Euro für 2019 konnte sich am Dienstag das Piccolo-Theater in Cottbus freuen. Damit erhält das größte Kinder- und Jugendtheater des Landes Brandenburg mehr als doppelt so viel wie im Vorjahr. „Es war ein glücklicher Tag, ausgerechnet am 28. Geburtstag unseres Theaters. Besonders glücklich sind wir, dass wir nun vier Jahre weit in die Zukunft planen und auch tarifähnliche Gehälter zahlen können. Gute Arbeit wird so honoriert“, freut sich Theaterleiter Reinhard Drogla.

Die Finanzierung erfolgt auf der Grundlage des in der vergangenen Woche unterzeichneten Theater- und Orchesterrahmenvertrages des Landes Brandenburg.

Auch der Intendant der Neuen Bühne Senftenberg ist zufrieden mit der neuen Regelung. „Wir haben immer alles dafür getan, dass es keine Abstriche an der Kunst gibt. Nun besteht endlich die Chance, dass auch Künstler nicht länger Abstriche in Kauf nehmen müssen“, betonte er im RUNDSCHAU-Gespräch. In den nächsten zwei Jahren sollen die Mitarbeitergehälter an den Flächentarifvertrag des öffentlichen Dienstes herangeführt werden. Außerdem wolle man wegkommen von Mindestgagen im künstlerischen Bereich, auch für freie Schauspieler und Regisseure, so Manuel Soubeyrand.

In einer gemeinsamen Erklärung begrüßen auch Künstlergewerkschaften und Verdi den neuen Vertrag des Landes Brandenburg. „Dies ist ein richtiger Schritt für eine nachhaltige Entwicklung der großen Kulturbetriebe“, heißt es darin. Allerdings gebe es einen „gravierenden Schönheitsfehler“. Das Staatstheater Cottbus habe sich im November 2013 tarifvertraglich verpflichtet, spätestens zum 1. Januar 2020 alle Beschäftigten nach vollem Flächentarif zu bezahlen. Diese Verpflichtung erfolgte mit Zustimmung des Landes und des Stiftungsrates der Brandenburgischen Kulturstiftung Cottbus – Frankfurt (Oder), heißt es darin. „Obwohl allen Rechtsträgern seit sechs Jahren bekannt ist, dass zum 1. Januar 2020 die volle Tarifvergütung an alle Beschäftigten des Staatstheaters zu zahlen sei, reichen die jetzt eingestellten Mittel dafür immer noch nicht aus“, sagt der Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung (DOV), Gerald Mertens. Von mehr als einer Million Euro, die fehlen, ist die Rede. „Jeder einzelne Beschäftigte hat seit 2004 zum Erhalt des Theaters auf mehrere Zehntausend Euro Lohn verzichtet und fordert jetzt mit Recht die Einhaltung der Tarifverträge“, sagt Verdi-Gewerkschaftssekretär Hikmat El-Hammouri. „Die volle Vergütung muss – wie für alle Beschäftigten des öffentlichen Dienstes – am 1. Januar 2020 auch im Staatstheater Cottbus kommen“, so seine Forderung.

Während sich also an der Neuen Bühne Senftenberg und am Piccolo-Theater neue Perspektiven für die Beschäftigten eröffnen, sind viele Mitarbeiter am Staatstheater Cottbus verunsichert: „Jahrelang hat das ganze Haus, haben Schauspieler, Musiker, Sänger, Tänzer bis Techniker und Verwaltungsmitarbeiter Gehaltseinbußen in Kauf genommen und dennoch mit viel Engagement den Spielplan mit Leben erfüllt. Das Land hat sich gern mit den Leistungen seines Staatstheaters geschmückt. Da ist es eine Sache der Fairness, dass auch die Beschäftigten entsprechend bezahlt werden“, gibt Steffen Picl, der als Delegierter der Orchestergewerkschaft DOV in der Tarifkommission am Haus mitwirkt und auch Stadtverordneter (Linke) ist, den Unmut der Beschäftigten wieder. „Die Rückkehr zum Flächentarif wurde immer wieder verschoben. Auch jetzt gibt es keinerlei schriftliche Zusagen. Nicht mal ein neues Angebot der Kulturstiftung. Die Geduld ist aufgebraucht“, sagt er. Das Staatsorchester Frankfurt bekomme im Februar schon 100 Prozent Tarifgehalt. In Brandenburg und Potsdam funktioniere das auch. „Warum geht das nicht in Cottbus?“, fragt Steffen Picl. „Das hat auch mit Perspektiven zu tun, ob jemand gern zu uns kommt und ob wir als erstrangige kulturelle Einrichtung wahrgenommen werden. Für uns ist es unverständlich, warum gerade das Staatstheater Cottbus unterfinanziert ist. Zur Zeit werden wir rund sechs Prozent unter dem Flächentarifvertrag bezahlt“, unterstreicht er.

Stephan Breiding, Pressesprecher im Brandenburgischen Kulturministerium, verweist auf eine Absichtserklärung im 3. Änderungstarifvertrag, das Vergütungsniveau des öffentlichen Dienstes der Länder spätestens bis Dezember 2022 anzustreben. Auch René Serge Mund, Verwaltungsdirektor der Kulturstiftung Cottbus – Frankfurt (Oder) betont, dass es sich um eine „gemeinsame Absichtserklärung von Arbeitgeber und Gewerkschaften und keine Verpflichtung“ handele. „Im vergangenen Haushaltsjahr wurden der Brandenburgischen Kulturstiftung öffentliche Zuwendungen in Höhe von 22 765 600 Euro zur Verfügung gestellt. 2019 werden es noch 2,3 Millionen Euro mehr sein. Und doch wird es Engpässe geben. Ich kann nur ausgeben, was ich habe“, so der Verwaltungsdirektor. Die Tarifsteigerungen im Laufe der Jahre seien höher ausgefallen als angenommen. „Wir werden zur Fläche zurückkehren. Aber je höher das Verhandlungsergebnis, das im März erwartet wird, umso schwieriger wird es für uns, diesen Schritt schon am 1. Januar 2020 zu vollziehen. Die Schere, die im Laufe der Jahre durch Lohnverzicht entstanden ist, lässt sich nicht von heute auf morgen schließen“, unterstreicht er: „Auch wenn ich selbst mehr erhofft habe. Die Zuschussgeber kompensieren diese Schere nicht. Wir müssen eine Kompromisslösung finden.“

Axel Lucke, der die Künstlergewerkschaft GDBA (Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger) in der Tarifkommission vertritt, fordert indes einen verbindlichen Fahrplan, der das Staatstheater bis 2022 zu 100 Prozent an den Flächentarifvertrag heranführt.

„Es kann nicht sein, dass es keine Rolle spielt, dass im aktuellen Verhandlungsangebot der Stiftung die Prognose des zu erwartenden Tarifabschlusses im öffentlichen Dienst prozentual zu gering angesetzt worden ist“, sagt der Maskenbildner. „Wir wollen, dass eingehalten wird, was versprochen wurde. Dabei haben für mich die Arbeitsplätze oberste Priorität. Es sind bereits fast 100 Stellen in den vergangenen Jahren eingespart worden. Was auf keinen Fall passieren darf, dass wir Sparten schließen müssen, um zur Fläche zurückzukehren“, ist ihm wichtig. „Wenn man die Tarifverhandlungen aber mit einem Fußballspiel vergleichen würde, befinden wir uns ja jetzt erst in der ersten Halbzeit. Aber es gibt einen wesentlichen Unterschied: Wir spielen um Existenzen.“

 Das Staatstheater Cottbus prägt die Region. Die Belegschaft hofft nun auf die Rückkehr zum Flächentarifvertrag.
Das Staatstheater Cottbus prägt die Region. Die Belegschaft hofft nun auf die Rückkehr zum Flächentarifvertrag. FOTO: dpa / Patrick Pleul