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| 17:16 Uhr

Interview mit Desiree Nick
„Ich fördere zutage, was in den Menschen brodelt.“

Desiree Nick behauptet in ihrem Buch: Nein ist das neue Ja.
Desiree Nick behauptet in ihrem Buch: Nein ist das neue Ja. FOTO: Severin Schweiger
Cottbus. Die Bestsellerautorin und Satirikerin fordert am 23. Oktober im Cottbuser Filmtheater Weltspiegel: Bloß nicht alles abnicken! Von Ida Kretzschmar

Am 23. Oktober stellt Désirée Nick im Cottbuser Filmtheater Weltspiegel ihr brandneues Buch „Nein ist das neue Ja“ vor. Vorab sprach die RUNDSCHAU mit der 62-jährigen Bestsellerautorin über noble Streitkultur und Widerspruchsgeist.

Désirée Nick, noble Streitkultur ist uns völlig abhandengekommen, behaupten Sie in Ihrem neuesten Buch. Sie sind ja auch eher als Lästerzunge bekannt. Was verstehen Sie unter nobel?

Nick Für die Leute hat ja Streit einen ganz negativen Beigeschmack. Schon Kindern wird vermittelt: Bloß nicht streiten! Das macht aus den Menschen Ja-Sager. Ja-Sager sind leichter kontrollierbar. Und wer leichter kontrollierbar ist, ist auch leichter zu manipulieren. Mit Streitkultur meine ich die Fähigkeit, eine konstruktive Debatte zu führen. Man sieht es auch an der Politik. Da haben Wörter wie Arschloch und Drecksau Einzug gehalten. Eine Streitkultur zeichnet sich nicht dadurch aus, dass man pöbelt. Sie setzt eine Idee voraus, über die es sich überhaupt verhandeln lässt. Zweitens gebietet sie höchsten Respekt vor dem Gegenüber. Und drittens ermöglicht sie einen Kompromiss. Einen Konsens zu erarbeiten, dazu ist die Mehrheit der Menschen gar nicht mehr in der Lage. Weil sie alle gedrillt sind, immer schön unter der Oberfläche mitzuschwimmen, ohne Widerspruch. In einer Gesellschaft, in der die Bildung abgeschafft wird, verlernt man zu argumentieren. Und am Ende fliegen die Fäuste.

Als Sie unlängst in einer TV-Talkshow darüber sprachen, dass man öfter mal Nein sagen müsse, um nicht in der Depression zu landen, sorgten sie für Fassungslosigkeit mit dem Satz: „Andere springen vom Schiff“. Sind Sie mit dieser Anspielung auf Daniel Küblböck, der von einem Kreuzfahrtschiff über Bord ging, zu weit gegangen?

Nick Überhaupt nicht! In welcher Weise denn? Ich habe den Namen nie genannt. Das kam mir gar nicht in den Sinn. Ich wollte gerade Luft holen und sagen: „Jährlich springen 30 Menschen von Kreuzfahrtschiffen.“ Das ist von denselben Medien verbreitet worden, die das Ableben von Daniel Küblböck vorher ausgeschlachtet haben. Schon beim Luftholen wurde ich abgewürgt. Worte wurden mir in den Mund gelegt, die ich nie gesagt habe. Nicht mal gedacht. In keiner Talk-Show habe ich mich dazu geäußert, habe das strikt abgelehnt, obwohl ich viele Anfragen hatte, weil ich wie Küblböck im Dschungelcamp war. Aber ich denke nicht daran, auf seinem Grabe zu tanzen. Worüber ich sprechen wollte, ist das soziale Klima auf einem Kreuzfahrtschiff. Dass man sich zur Mottoparty umzieht, jeder freundlich nickt und keine Antennen hat für die Not der anderen. Deshalb ist es ein Unterschied, ob man sagt, ich nehme mir einen Strick und gehe in den Wald. Es ist Ableben in einem Lifestyle-Kontext, der uns alle glücklich machen soll. Das ist weitab von einem Einzelfall. Nur machen die anderen Fälle keine Schlagzeilen. Hauptsache die Stimmung wird nicht getrübt. Das ist die Tragödie.

Bedauern Sie, dass es missverstanden wurde?

Nick Ich bedauere, das die Moderatorin nicht konkret nachgefragt hat. So empfinde ich es als perfide Unterstellung. Ich muss mich nicht für Worte entschuldigen, die ich nicht gesagt habe. Ich widerspreche.

Warum ist Ihnen Widerspruch eigentlich so immens wichtig?

Nick Wir leben in einer Phase der Desensibilisierung. Da müssen wir unsere eigenen Grenzen hinterfragen. Wir müssen selektieren, Wichtiges von Unwichtigem trennen. Wir müssen unsere Werte neu bestimmen und Selbstschutzmechanismen entwickeln. Diese sind nur möglich mittels der Vokabel Nein! Das heißt, aufstehen, Farbe bekennen, sich positionieren.

Aber man angelt nicht gerade Sympathien, wenn man immer auf Krawall gebürstet ist.

Nick Ich bin nicht auf Krawall gebürstet. Aber ich lasse mich auch nicht gern zum Enfant terrible machen. Da warten manche förmlich auf Krawall. Wollen mich vorführen. Das geschah ja bei jener Talkshow schon bei der Anmoderation. Da ist eine, die polarisiert. In Klammern: Die muss man nicht gern haben.

Ein widerspenstiger Geist wie Sie will doch nicht von jedem geliebt werden?

Nick Natürlich will ich nicht everybodys darling sein. Aber seit 30 Jahren schiebt man mich in eine Schublade. Dass ich eigentlich eine ganz andere bin, das zu erklären, ist vergeblich. Genau darüber schreibe ich auch in meinem Buch. Über vorgefertigte Schablonen. Jeder soll das erfüllen, wofür andere ihn bestimmt oder abgestempelt haben. Es gibt nichts Wertvolleres als Marken, die polarisieren. Nichts ist schlimmer als eine konturlose Marke. Man beraubt der Satire ihre Berechtigung, wenn man ihr die Spitze nimmt. Der Satz ist natürlich nicht von mir, sondern von Kurt Tucholsky. Im Gegensatz zu einem Comedian, der die Leute nur zum Lachen bringen muss, ist es die Aufgabe des Satirikers, auf Missstände hinzuweisen, ein soziales Klima zu beschreiben, gesellschaftliche Stimmungen aufzugreifen. So sehe ich seit mehr als 30 Jahren meinen Beruf. Und auch in diesem Buch fördere ich zutage, was in den Menschen brodelt.

Es ist nicht Ihr erstes Ratgeberbuch. Woher nehmen Sie Ihre Weisheiten?

Nick Vielleicht hat diese Art Ratgeberliteratur damit zu tun, dass ich Theologie studiert habe und mich schon immer mit dem befasst habe, wonach der Mensch sucht: Verständnis, Hoffnung, Liebe, Ruhe... Experten, Psychologen, Soziologen, Klinikchefs haben mir auf Facebook zu der Klugheit gratuliert, in lockerer Form so tiefgreifende gesellschaftliche Phänomene zu beschreiben. Als Satirikerin reagiere ich sensibel auf meine Umwelt. Daher muss ich keine großen Studien treiben, sondern nur genau hinsehen. Wie es Nachbarn geht, den Kollegen. Wie mit den Kindern umgegangen wird. Vielen wird schon abtrainiert, dass sie überhaupt einen eigenen Willen empfinden. Nein sagen heißt doch nicht renitent zu sein, sondern Alternativen zu finden, andere Optionen zu haben. Nein hat die Macht, Dinge nicht so zu akzeptieren wie sie sind. Da gibt es auch ein Kapitel „Nein zum Shopping-Wahn“. Wie komme ich aus dem Schnäppchendelirium raus? Viele Leute sind verschuldet. Das sind doch alles Zeiterscheinungen. Ich bespiegele durch die satirische Brille ganz einfach unsere Zeit.

Die auch immer mehr von den neuen Medien bestimmt wird.

Nick Die Menschen sind am Limit. Einen großen Beitrag dazu leisten die sozialen Netzwerke. Man muss auch da lernen, Nein zu sagen, weil man sich sonst selbst verliert. Jedes Nein führt ja dazu, dass man Zeit zu einem Ja findet für Dinge, die einem wirklich am Herzen liegen. Wir werden zugemüllt von Trash und Informationen, von einer Flut von Dingen, die uns persönlich gar nicht weiterhelfen. Ich soll alles liken, alles gutheißen. Das ist wie eine neue Währung. Ich vergleiche diese Zeit mit der Zeit, in der das Feuer entdeckt wurde. Bevor man damit umzugehen lernte, haben sich viele verbrannt, sich weh getan oder eine Explosion ausgelöst. Und auch heute weiß man mit diesem neuen Medium in der Mitte der Gesellschaft noch nicht sensibel umzugehen.

Welches Nein war Ihnen persönlich besonders wichtig?

Nick Als mir Anfang der 90er als freiberufliche alleinerziehende Schauspielerin der Untergang prophezeit wurde. Da habe ich gesagt: Nein, Ihr werdet euch noch wundern! Und viele Leute wundern sich, dass ich immer noch da bin.

„Man muss schließlich nicht jeden Quatsch mitmachen“, fordern Sie in Ihrem Buch das Nein-Sagen heraus. Zum Dschungelcamp haben Sie Ja gesagt.

Nick Weil das ein klasse Format ist. Wenn das nicht Erfolg ist, eine Sendung, die fünf Kontinente erobert, die in 19 Ländern dieser Welt läuft!

Auch Massenphänomene können Geschmackssache sein.

Nick Nur übers Theater hätten mich so viele Menschen gar nicht kennengelernt. Traurigerweise gab es zu meiner Zeit noch nicht mal soziale Netzwerke. Das heißt, die zwölf Millionen Menschen, die mich da gesehen haben, konnten mich nicht mal liken. Das bedauere ich wirklich.

Aber haben Sie nicht gerade davor gewarnt, sich an den sozialen Netzwerken die Finger zu verbrennen?

Nick Nur fünf Prozent meiner Energie fließt da rein. Aber mitmischen gehört zu meinem Beruf. Das ist das Klima, in dem ich mich bewege. Wäre ich Bergsteiger, kann ich mich zwar über die Kälte auf dem Berg beschweren, aber ich muss rauf. Ich bin das auch meinen Fans schuldig, die wissen, dass sie bei mir ehrliche Informationen bekommen und nicht verzerrte. Aus erster Hand, denn ich betreibe das selbst. Aber nochmal zurück zum Dschungel. In England ist zum Beispiel Cliff Richard reingegangen. Da werden alle alten Fans abgeholt. Das hat dort ganz anderes Ansehen. Wir aber leben in einer Kultur der Niedermache. Und es werden Promis hereingeholt, die gar keine sind. Deren Lebensgeschichte nur aus Reality-Formaten besteht.

Sie aber haben sich auch in der Lausitz schon als Schauspielerin, Tänzerin, Ulknudel und Revuegirl präsentiert. Wie schwer ist es, dieses Publikum zu erobern?

Nick Ich glaube, dass es grandios sein wird, weil es bodenständige Menschen sind. Ich kenne den Spreewald und Lausitzer Autoren.

Ich habe zum Beispiel in dem wunderbaren Stück „Nichts Schöneres“ von Oliver Bukowski, der in Cottbus geboren wurde, am Berliner Renaissancetheater in einem Zwei-Stunden-Monolog dieses Einpersonenstückes brilliert. Ein Riesenerfolg. Vom Rest des Publikums werde ich mich überraschen lassen.

Mit Désirée Nick
sprach Ida Kretzschmar

23. Oktober, 19.30 Uhr im Filmtheater Weltspiegel Cottbus, Autorenlesung mit Autogrammstunde. Tickets im Vorverkauf: 20 Euro, an der Abendkasse 25 Euro.