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| 12:04 Uhr

Gysi in Cottbus
Der linke Welt-Erklärer

Gregor Gysi im Cottbuser Weltspiegel FOTO: Michael Helbig
Cottbus. Gregor Gysi plaudert im ausverkauften Cottbuser „Weltspiegel“ aus seinem außergewöhnlichen Leben. Von Jan Siegel

Gregor Gysi braucht kein Manuskript, nicht mal einen Spickzettel, um sein Publikum eineinhalb Stunden lang zu unterhalten, ja zu fesseln. Der in Cottbus neben ihm sitzende Moderator Hans-Dieter Schütt, der ihm bei der Erarbeitung des Buches unterstützt hatte, genügte als vereinzelter Stichwortgeber. Es ist keine Lesung im klassischen Sinne. Gregor Gysi muss nichts ab- oder vorlesen. Er plaudert einfach.

Kein Wunder, es ist ja seine eigene Biografie in dem Gysi sehr viel erlebt hat und aus der er Dinge Berichten kann, die auch viele Ostdeutsche einst nur ahnten.

Gysi, ein kleiner Mann von Wuchs, ist ein begnadeter Selbstdarsteller, das aber im besten Sinne des Wortes. "Ich gelte als bester Rhetoriker im Bundestag", sagt Gysi mit der ihm eigenen Eitelkeit und schiebt gleich nach: "Das sagt wenig über mich - und viel über die anderen."

Gregor Gysi ist unbestritten ein rhetorisches Naturtalent. Wer weiß schon, dass diese Art seiner Karriere bereits als Kindersprecher im Defa-Synchronstudio angefangen hat.

Es ist die Fähigkeit des Altpolitikers, der inzwischen nur noch Hinterbänkler im Deutschen Bundestag ist, einigermaßen ironisch auch auf sich selbst blicken zu können, mit der er sein Publikum auch im Cottbuser „Weltspiegel“ für sich einnimmt.

In seiner Biografie und der gerade laufenden Werbetour dafür, greift Gregor Gysi nicht nur in den überreichen Fundus seines eigenen Lebens. Sein durchaus außergewöhnlicher familiärer Hintergrund bietet weiteren, scheinbar unendlichen Stoff.

Den Vorfahren seiner Mutter gehörten Fabriken im zaristischen Russland, die der Zar im Ersten Weltkrieg enteignete. Sein Vater kämpfte gegen die Nazis, war danach Kulturminister in der DDR und Staatssekretär für Kirchenfragen. Seine Tante Doris Lessing erhielt den Literaturnobelpreis.

Und es klingt irre, ist aber historisch belegt. Es war ein Urahn Gregor Gysis, der als erster Präsident eines Geflügelzuchtvereins in Deutschland in die Geschichte einging. Das war Ende des 19. Jahrhunderts Robert Oettel in Görlitz. Bis dahin hatte es in Deutschland nur Landhühner gegeben. „Die waren dürr und legten nur einige Monate im Jahr ein paar Eier“, erzählt Gysi. „Und dann führte Robert Oettel asiatische Hühner ein. Die hatten Fleisch und legten das ganze Jahr über Eier. Und so entstand überhaupt erst die Geflügelzucht.“

Die Schnurren, Anekdoten und politischen Einschätzungen Gysis gehen in seinen plaudernden Erzählungen ineinander über. Den Faden verliert er nie und wenn, überspielt er es souverän.

Was den Hang zum Tierischen betrifft, scheint sich die Familientradition auch mit Gregor Gysi selbst fortgesetzt zu haben. Eher durch Zufall erlernte er neben dem Abitur nämlich den Berufe des Rinderzüchters. Davon profitiert hat er auch direkt in der Politik, davon ist er selbst überzeugt.

Rinderzüchter zu sein, sei die beste Voraussetzung, für Politiker. Aus drei Gründen: Erstens könne er künstlich besamen. „Wenn Sie das nicht können, gehen Sie nicht in die Politik.“ Zweitens: „Ich kann ausmisten. Das müssen Sie auch können, wenn Sie in die Politik gehen.“ Und die dritte, die und wichtigste Voraussetzung sei: „Ich kann mit Hornochsen umgehen.“

Gregor Gysi im Cottbuser Weltspiegel FOTO: Michael Helbig