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| 16:04 Uhr

Landesmuseum für moderne Kunst
Von der Quadratur des Sperlings

 Jörg Sperling mit Werken aus seiner letzten Ausstellung im Landesmuseum: „Papier ist (un)geduldig“.
Jörg Sperling mit Werken aus seiner letzten Ausstellung im Landesmuseum: „Papier ist (un)geduldig“. FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Der Kustos Bildende Kunst im BLMK Cottbus verabschiedet sich mit der Ausstellung „Papier ist (un)geduldig“ in den Ruhestand. Von Ida Kretzschmar

Zum Abschied hat Jörg Sperling die Rollos heruntergelassen. Mehr als das – einen „Aufrollungsversuch für Sperrgut“ gestartet, wie der 65-Jährige augenzwinkernd bemerkt. Denn das fragile Material sei in die Jahre gekommen, die Rollomalerei, ein Kunstphänomen in der DDR, müsse dringend konserviert werden. Gelder dafür aufzutreiben, ist ihm bislang nicht gelungen. Aber er gibt die Hoffnung nicht auf: Vielleicht könne da die Ausstellung für Aufmerksamkeit sorgen.

Fast 33 Jahre lang hegte, pflegte und mehrte Jörg Sperling die Sammlung Malerei, Grafik und Skulptur und sorgte für spannende, anregende, nicht selten Aufsehen erregende Ausstellungen. Schon seit 1986 als Kustos in den Staatlichen Kunstsammlungen, später im Kunstmuseum Dieselkraftwerk, das nun zum Brandenburgischen Landesmuseum für Moderne Kunst (BLMK) gehört.

Mit der Ausstellung „Papier ist (un)geduldig“ verabschiedet er sich in den Ruhestand. Als fast Dienstältester hat er gemeinsam mit der jungen Kustodin Plakatkunst, Helene Roolf, „in inspirierender Zusammenarbeit“, wie er sagt, eine Schau aus Rollomalerei, Künstlerbüchern und Künstlerplakaten zusammengefügt, die „symptomatisch sind für die neoexpressiven Aufbrüche im ostdeutschen Kunstflachland der 80er-Jahre“, schreibt er im Katalog.

„In der Mangelrepublik blühte der Erfindungsreichtum, der auch zu den Faltrollos als schnell herbeizu-zaubernde Kunst führte“, weiß Jörg Sperling. Dabei ging es auch wie bei den Kunstbüchern und Plakaten um das Verlassen herkömmlicher Kunstbahnen. Überbordende Kunstformen, die über den Rahmen der Tafelbilder der Leipziger Schule hinausgärten.

Grenzen überschreitende Experimentierlust, eine von vielen Aufbruchsignalen einer neuen Künstlergeneration im Osten Deutschlands. Jörg Sperling hat sie von Anfang an begleitet.

Als er 1986 Kustos Bildende Kunst in den Staatlichen Kunstsammlungen Cottbus wurde, galt sein Einstand der jungen Kunst. Gleich seine erste Ausstellung „Figur=Zeichen“ mit 34 jungen, neoexpressiven Künstlern aus der ganzen DDR sorgte für viel überregionale Beachtung. Vier Künstler aus der Region, E.R.N.A, Paul Böckelmann, Uli Richter und Hans Scheuer­ecker, waren dabei. Ihre Handschriften lassen sich auch in der aktuellen Schau wiederfinden. Für Jörg Sperling bleibt „Figur=Zeichen“ eine seiner wichtigsten Ausstellungen. Hans Scheuerecker und sein Malerfreund Matthias Körner waren es dann auch, die die Anfang der 80er-Jahre geborene Idee der Rollomalerei auf einzigartige Weise in Cottbus fortsetzten. In dem damals nur für Veranstaltungen der Stadtmission genutzten „leeren“ Schiff der Schlosskirche fanden sie im Sommer 1987 einen Ort abseits staatlicher Kontrolle für eine ungewöhnliche Ausstellung.

Kostengünstig verschickten sie zuvor Falt­rollos als „Sperrgut“ per Post an Künstler, die sie mit ihrer Kunst füllten, sperrig den Vorgaben des sozialistischen Kunstbetriebes trotzend. Nicht nur der Malgrund fiel aus dem Rahmen, ihre Ungeduld, ihr Groll, ihre Lebensgier manifestierten sich neoexpressiv als Zeichen, Geste oder Gebilde. „Gut 30 Großformate von 15 Künstlern wurden in zwei Ebenen installiert und überführten den öden Kirchenraum in eine Farbdomäne“, erinnert sich Jörg Sperling. Den Platz an der Kanzel nahm ein Triptychon von Matthias Körner ein, das auch jetzt neben bemerkenswerten Vorläufern und Nachkommen in der Ausstellung zu sehen ist.

Der ersten spektakulären Schlosskirchen-Schau folgten zwei weitere. Die Dritte fand 1989 schon in der Cottbuser Galerie Marie 23 statt, die die beiden Bildhauer Manfred Reuter und Thomas Herrmann gründeten. Im Team auch Jörg Sperling, der auch alle drei Ausstellungen eröffnete. Später sorgte er dafür, dass rund 30 Rollos und Rollobilder sowie einzigartige Künstlerbücher in die Kunstsammlungen Eingang fanden.

1992 offenbarte er, dass er in jenen Jahren Einschätzungen für die Stasi über Scheuerecker und andere Künstler verfasst habe. In der naiven Hoffnung, Verständnis für die junge Kunstszene wecken zu können, Freiräume zu ermöglichen. Eine bittere Fehleinschätzung, die er sich und anderen schon vor 27 Jahren eingestand. Was einen Neuanfang mit vielen Künstlern möglich machte – und jahrzehntelange fruchtbare Zusammenarbeit.

Die ihn am Nächsten standen, haben ihm, dem Ausstellungsmacher, zum Abschied eine eigene Ausstellung geschenkt: „Die Quadratur des Sperlings“ nannten sie diese „fröhliche Kollektivleistung“, die Mitarbeiter des Landesmuseums ins Leben riefen. Und auch sein Malerfreund Dieter Zimmermann, der hier Anfang des Jahres „Die Quadratur des Spreewalds“ auslotete.

Herbert Schirmer, einst Kollege in den Staatlichen Kunstsammlungen, dann letzter Kulturminister der DDR, heute noch viel gefragter Kurator und Kunstbewahrer, hob in der Laudatio die Vehemenz hervor, mit der sich Jörg Sperling für Künstler einsetzt und für ihre Anliegen streitet. „Von Anbeginn hat Jörg Sperling seine Aufmerksamkeit auf jene Künstler gerichtet, für die das Neue, das Treibende, das Ungewöhnliche in der Kunst im Fokus ihres Schaffens stand.“ Bis heute verbinde sich mit seinem Namen permanente Experimentierlust, ein charismatischer Charakter und Urteilsvermögen.

Und so ist es nicht so, dass für Jörg Sperling nun mit 65 der Vorhang fällt. Rollos, so weiß er, lassen Licht und Luft hindurch, ermöglichen eine Verbindung von innen und außen. Die Museumsdirektorin schätzt seine scharfen und doch immer extrem wohlwollenden Blicke auf Kunst und Menschen. Sein Denken und seine Überzeugungen haben Sammlung, Programm und Identität des heutigen Landesmuseums maßgeblich geprägt. Und so hat ihm Ulrike Kremeier schon zugesichert, dass für sein schickes Hollandfahrrad immer ein Platz an der Museumseinfahrt reserviert sein wird.

Zunächst aber freut sich Jörg Sperling auf Zeit, um ein Bilderbuch mit Maja Nagel im Domowina-Verlag fertigzustellen. Im Sommer steht dann die letzte Ausstellung in der Galerie Haus 23 mit großem Abschiedsfest an. Eines aber weiß er ganz sicher: „Die Kunst kann mir nicht verloren gehen. Sie gehört zu meinem Leben. Und wenn sie nicht mit dem Leben zu tun hat, interessiert sie mich nicht.“

Die Ausstellung „Papier ist un)geduldig ist im Dieselkraftwerk Cottbus bis zum 4. August geöffnet. Am 11. Juli, 16.30 Uhr gibt es eine Führung mit Jörg Sperling, am 28. Juli führt er im Quartett mit Helene Roolf, Thomas „Trümmel“ Lehmann und Peter Lusansky.

 Jörg Sperling mit Werken aus seiner letzten Ausstellung im Landesmuseum „Papier ist (un)geduldig.
Jörg Sperling mit Werken aus seiner letzten Ausstellung im Landesmuseum „Papier ist (un)geduldig. FOTO: Marlies Kross