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| 01:02 Uhr

Jubilar
Malen, was Welt wird

 Rudolf Sittner in seiner Werkstatt.
Rudolf Sittner in seiner Werkstatt. FOTO: Michael Helbig
Cottbus. Dem Cottbuser Maler und Grafiker Rudolf Sittner zum 75. Geburtstag Von Klaus Trende

Millionen Bilder stürzen auf uns ein. Täglich. Unaufhörlich. Spaßgeschwängert. Televisionär. Schmerzhaft. Gemacht von Smartphones, digitalem Heilsversprechen und dessen süchtigen Marionetten.

Ist in einer solchen Zeit, da nichts und alles banal ins Bild gesetzt wird, noch Bedarf an Bildern? Antworten kann die Kunst geben. Der Künstler, wenn er einer ist. Und die Antwort heißt: Ja, wir brauchen die echten Bilder, die wachmachenden, die inspirierenden, die aufrüttelnden, die ungebändigten, die kritischen, …die schönen. Ja, auch die Schönheit ist eine unveräußerliche und unverzichtbare Funktion des Alltags.

Der Maler und Grafiker Rudolf Sittner wird heute 75 Jahre. Und er ist beteiligt an Wegweisungen dieser Art.

Sein Werk formuliert die schlichte Forderung: „Kunst ist das, was Welt wird, nicht, was Welt ist.“ (Karl Kraus). Will heißen: Hier geht es nicht um Abbildungen und Abschilderungen, sondern um Unentdecktes, ins Morgen Ragendes. Und das ist stets der überwiegende Teil unseres Daseins. So handelt es sich bei Sittners Werk um Hunger nach Sinn und Form, nach Zukunft, die freilich aus der Vergangenheit wächst und nur in dieser Dialektik begreifbar ist.

Was sagen schon Lebensdaten über das wirklich Gelebte, Erlittene, Genossene? Wenig. Denn Stationen sind nur die Koordinaten für das große und lebendige Feld, das in einem Vierteljahrhundert durchschritten wird: Rudolf Sittner, geboren 1944 in Köslin, nach der Schule in Wismar und Schwerin Lehre als Schrift- und Plakatmaler in Schwerin und Wittenberge; bis zum Beginn der siebziger Jahre Studium in Berlin, Fachrichtung Gebrauchsgrafik, Mitglied des Verbandes Bildender Künstler, seit 1979 freier Maler und Grafiker in Cottbus.

Zahllose grafische Entwürfe, Gemälde und Buchgestaltungen sind seither entstanden. Allen seinen Arbeiten gemeinsam ist die intuitive wie geistige Fähigkeit, überzeugende Zeichen zu finden und komplexe Zusammenhänge in einfachsten Sinnbildern auf die Fläche zu bringen. Der Mensch sieht, was er weiß, kann aber durch neues Sehen auch sein Wissen erweitern. Hier handelt es sich um eine Grafik der Ruhe, der Knappheit und Erkenntnis, der ebenso klaren wie schlichten und noblen Aussage. Wort und Bild sind bei diesem Künstler eins. Denken als Resultat von Bildern unserer Wahrnehmung, die Sprache, die Wirklichkeit werden.

Seit Beginn der neunziger Jahre widmete sich Rudolf Sittner verstärkt der freien Malerei. Reisen nach Südamerika, Mexiko und Finnland haben ihm einen neuen Farbvorrat erschlossen. Eruptiv, schwerelos, leuchtend schwingen die Landschaften auf der Leinwand, geben Nachricht von den großen menschlichen Erzählungen, von Stille und Sturm, Heim und Welt, Liebe und Tod, Natur und Kreatur in ihrem zerbrechlichen Verhältnis miteinander, zuweilen auch gegeneinander. Oft sind seine Gemälde Dialoge des Einzelnen mit sich selbst, mit seiner Zeit, mit seinen Träumen und Widersprüchen.

Vielleicht ist es gerade jene unablässige Kunstarbeit – ohne Auftrag –, die den Maler die Jahre und Vergänglichkeit seines eigenen Lebens nicht spüren lässt. Arbeit als Mittel der Selbsterkenntnis und Selbstermunterung in einer umstürzenden Epoche. So schloss der Künstler erst kürzlich ein Buch-Konvolut über Mexiko ab, an dem er mehr als ein Jahr ununterbrochen arbeitete. Es handelt sich um einen archaischen Text-Bilderreigen, der auf großen Papyrusbögen der Geschichte Mexikos auf der Spur ist, elementar und erhellend, erregend und dramatisch. Ein originäres Werk, das unter anderem die Einheit der Kulturen besingt, ihre gemeinsamen Ursprünge und divergierenden Wahrnehmungen benennt. Zutiefst politisch gedacht und ausgeführt. Die Erde als Einheit, der Mensch als Kosmopolit, die Natur als noch mögliches Refugium einer Sache: Leben und Überleben.

Eine bilanzierende Laudatio zum Geburtsjubiläum wird sich Rudolf Sittner verbitten. Denn es ist ein Werk im Fluss, das sich längst nicht als abgeschlossen zeigt. Von seinen Bildern bleibt zu sagen, was der griechische Dichter Simonides von Keos vor über zweitausend Jahren treffsicher formulierte: „Die Malerei ist eine stumme Poesie und die Poesie eine redende Malerei.“ Sprache ist immer Bild, und Bild ist stets Sprache. Dass Letztere sich bei Sittner nur eingreifend, kritisch und sinnstiftend versteht und darstellt, macht ihren Wert aus. Auch ihren Gebrauchswert! Das heißt, wir brauchen die Kunst, diese Kunst. Sie ist Lebensmittel. Sie ist Ermutigung, Trost und Freude. Und sie ist, was sie immer sein soll: Spiegel und Widerspruch am Gegenwärtigen.

 Der Cottbuser Maler und Grafiker Rudolf Sittner feiert am Mittwoch seinen 75. Geburtstag.
Der Cottbuser Maler und Grafiker Rudolf Sittner feiert am Mittwoch seinen 75. Geburtstag. FOTO: Michael Helbig