ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 18:06 Uhr

Premiere in Cottbus
Eine Stadt verschuldet – bei Auftrag Mord?

 Das unmoralische Angebot der alten Dame (Susann Thiede oben im Video) wirbelt auch die Familienbande durcheinander: (v.l.) Alfred Ills Sohn (David Kramer), Frau Ill (Sigrun Fischer), Alfred Ill (Axel Strothmann) und Alfred Ills Tochter (Sophie Bock)
Das unmoralische Angebot der alten Dame (Susann Thiede oben im Video) wirbelt auch die Familienbande durcheinander: (v.l.) Alfred Ills Sohn (David Kramer), Frau Ill (Sigrun Fischer), Alfred Ill (Axel Strothmann) und Alfred Ills Tochter (Sophie Bock) FOTO: Marlies Kross / Marlies Kross/Theaterfotografin
Cottbus. Ronny Jakubaschk inszeniert Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ am Staatstheater durchaus gegenwärtig. Von Ida Kretzschmar

Nichts an die Presse. So die Weisung des Bürgermeisters. Sie hat es dennoch spitz gekriegt und trägt es weiter. Denn die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf zu erfahren, wie eine hoch verschuldete Stadt zu Geld gekommen ist.

Da winkt eine alte Dame mit einer Milliarde, um eine alte Rechnung zu begleichen. Eine Spekulation mit dem Tod. Die Milliarde gibt es nicht ohne Mord. Klassischer Fall. Aber gar nicht so klassisch inszeniert. Am Samstag hatte Friedrich Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ in der Regie von Ronny Jakubaschk am Staatstheater Cottbus Premiere.

Das Bühnenbild enthüllt zunächst eine Stadt, die aufs tote Gleis geschoben wurde. Keine blühenden Landschaften. Nicht einmal ein Zug hält hier noch. Hätte die alte Dame nicht die Notbremse gezogen, sie wäre nicht zurückgekommen. Und das Drama um Recht und Gerechtigkeit hätte vielleicht niemals seinen Lauf genommen.

So aber kann man es förmlich riechen. Wie sich angesehene Männer, die zur Begrüßung der einstigen Tochter der Stadt gekommen sind, geradezu vor der morbiden Dame prostituieren. Gunnar Golkowski als nobler Bürgermeister, Kai Börner als übereifriger Polizist, Rolf-Jürgen Gebert als scheinheiliger Pfarrer und Thomas Harms als trunken moralisierender Lehrer: Ein illustres Quartett ist das, das sich angesichts des erhofften Geldsegens der Lächerlichkeit preis- und Moralvorstellungen aufgibt.

Selbst Alfred Ill alias Axel Strothmann, der als beliebtester Bürger der Stadt noch nicht ahnt, dass er für den Wohlstand der anderen dran glauben werden muss, scharwenzelt devot um die eiskalte Dame herum. Einst hatte er sie mit einem Kind unterm Herzen sitzen lassen.

„Die Welt machte mich zu einer Hure, jetzt mache ich sie zu einem Bordell“, lässt denn auch Claire Zachanassian wissen, die, scheinbar der Leinwand entstiegen, in Putz und Gestus an Elizabeth I. denken lässt. Ein Eindruck, der sich noch durch die überdimensionalen Videoeinspielungen verstärkt, die hier Jan Isaak Voges gekonnt einsetzt.

Susann Thiede gibt der Titelgestalt, die wie aus der Zeit gefallen scheint, jene Unnahbarkeit und Unerbittlichkeit, die in Maskenhaftigkeit erstarrt. Gemeinsam mit ihrem Butler Amadeus Gollner, der gut und gern auch eine Rolle im Tanz der Vampire besetzen könnte, treibt sie ihr Spiel bisweilen zur Groteske, etwa wenn sie sich auf dem mitgebrachten Sarg zum Schlaf der Gerechten bettet.

Einer der Regieeinfälle, die Humor in die unheilgewisse Szenerie bringen. Auch wenn es durchaus beschwingt losgeht und man in die Pause irriert-belustigt entlassen wird: Manchmal hätte man dem in Cottbus aufgewachsenen Regisseur in seiner zweiten Inszenierung am Staatstheater noch mehr Mut fürs Komische und Temporeiche gewünscht. Das hätte der Dürrenmattschen Tragikomödie in Cottbus mehr Würze und Rasanz gegeben.

Auch wenn der klassische Stoff nie aus dem Blick gerät: Die Figuren, die nach und nach ihr Gesicht verlieren, sind glaubhaft und keinesfalls aufgesetzt in der Gegenwart angesiedelt. Das liegt nicht nur an den Kostümen und den klaren Bühnenbildern von Annegret Riediger. Es ist vor allem die Frage, was Menschen bereit sind, für ihren Wohlstand zu tun oder aufzugeben, die hochaktuell verhandelt wird. Dass Käuflichkeit selbst vor der Familie nicht halt macht, demonstrieren Sigrun Fischer als Alfred Ills Frau sowie Sophie Bock und David Kramer als seine erwachsenen Kinder. Besonders überzeugend aber agiert Axel Strothmann als Todeskandidat. Wie der leichtfertige Ladenbesitzer, mit seiner Vergangenheit und dem Mordauftrag konfrontiert, erst abstreitet, dann in Schockstarre verfällt, von Angst getrieben wird und sich schließlich seinem Schicksal ergibt, ist durchaus erkenntnisreich.

Sarg zu. Deckel drauf. Sitzfleisch bewiesen. Beifall für die Ensembleleistung und das junge Regieteam. Da braucht es keine Verlautbarung an die Presse. Die hätte den plakativen Sprechchor am Ende aus Platzgründen sowieso weggelassen.


Nächste Vorstellungen: 30. März, 3. April, 7. Mai 2019. Am Ostersonntag, 21. April 2019, ist Theatertag – jeder Platz kostet an diesem Abend 10 Euro. Karten sind erhältlich im Besucherservice sowie auch online über www.staatstheater-cottbus.de, Ticket-Telefon 0355/ 7824242.

 Das unmoralische Angebot der alten Dame (Susann Thiede (oben im Video) wirbelt auch die Familienbande durcheinander: (v.l.) Alfred Ills Sohn (David Kramer), Frau Ill (Sigrun Fischer), Alfred Ill (Axel Strothmann) und Alfred Ills Tochter (Sophie Bock)
Das unmoralische Angebot der alten Dame (Susann Thiede (oben im Video) wirbelt auch die Familienbande durcheinander: (v.l.) Alfred Ills Sohn (David Kramer), Frau Ill (Sigrun Fischer), Alfred Ill (Axel Strothmann) und Alfred Ills Tochter (Sophie Bock) FOTO: Marlies Kross / Marlies Kross/Theaterfotografin