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| 15:58 Uhr

Mehr als pure Musik
Schwelgen im Cottbuser Orchesterklang

 Im Hör-Theater „En Face“ bringt der polnische Percussionist Alexander Wnuk (r.) ungewöhnliche Musikinstrumente zum Dröhnen und Singen.
Im Hör-Theater „En Face“ bringt der polnische Percussionist Alexander Wnuk (r.) ungewöhnliche Musikinstrumente zum Dröhnen und Singen. FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Das 6. Philharmonische Konzert des Staatstheaters begeistert mit Respighi, Beethoven und Brandenburgischem Doppelkonzert. Von Irene Constantin

Am Wochenende wurde „En face“ von Sarah Nemtsov uraufgeführt, ein Auftragswerk des Staatstheaters Cottbus. Zwei Solisten konzertierten in spannungsvollem Miteinander, ihr musikalisches Gegenüber war das groß besetzte Philharmonische Orchester.

Das Ereignis war mehr als pure Musik, es war aufregendes Hör-Theater. Linke Bühnenseite: ein alter Tisch, auf dem sich Folianten türmten, am Studiertisch der Schauspieler Jakob Diehl. Er las einen Text des polnisch-jüdischen Schriftstellers Bruno Schulz.

Auf der rechten Seite ein Zimmer. Wie eine barocke Wunderkammer angefüllt mit allerlei Gegenständen. Tassen, Flaschen, Glühbirnen, Schlüsseln, auch ein Türblatt mit Klinke war zu sehen, dazu Kuhglocken, ein Donnerblech, ein siebenarmiger Leuchter. Alles Musikinstrumente unter den Händen des genialen polnischen Percussionisten Alexander Wnuk. Mit bloßen Händen brachte er das Sammelsurium zum Dröhnen, Singen, Rauschen, Rasseln, Schnarren, Klingen... Jeder Gegenstand ist eine Referenz zu „Einsamkeit“, der Geschichte eines Mannes, der jahrelang sein Zimmer nicht verlassen konnte, der hungert, sich im Spiegel nicht erkennt und am Ende eine Tür imaginiert, die ihn hinauslässt – oder nicht.

Nemtsov hat einen halbstündigen Klangrausch für das solistische sowie das Orchester-Schlagwerk komponiert, dem der Sprecher und die übrigen Orchesterinstrumente mit aller Kraft standzuhalten suchten. Man hörte Texte sowie Motiv- und Melodiefragmente, aber das extrem energiegeladene Schlagwerk überwältigte alles. Die große Trommel im Orchester, die vielen klingenden Gegenstände im Zimmer des sensiblen und hochkonzentrierten Solisten – man hörte und sah und staunte und applaudierte freigiebig.

Felix Bender am Pult lieferte ein Meisterstück; er hielt zusammen, erfüllte das Orchester mit Leben, zeigte, was die Musiker engagiert erarbeitet hatten und machte mitten im Schlagzeugdröhnen hörbar, was sonst noch musikalisch in diesem Doppelkonzert geschah.

Vor dieser Uraufführung erschloss sich eine rund 200 Jahre ältere musikalische Welt. Mit dem Klavierkonzert Nr. 3, uraufgeführt im April 1803, suchte Beethoven formal und inhaltlich neue musikalische Wege. Felix Bender ließ das Orchester in die Klangwelt dieser Zeit eintauchen, verlangte eine leichte, genau definierte Tongebung, das Vibrato äußerst sparsam, einen klaren, auf die Harmonie konzentrierten Bläsersatz.

Er nahm die Tempi ausgesprochen mäßig, ließ der Musik Luft zum Atmen, dem Zuhörer Zeit zum Hören. Diese Klangrichtung passte exakt zum Spiel des Solisten Giuseppe Guarrera. Er sparte am Pedal, was zu einem durchsichtig klassischen Klangbild führte, der große Flügel klang, als sei er ein Instrument der Beethoven-Zeit. In seinem c-Moll-Klavierkonzert, experimentiert an einem Mittelweg zwischen dem Charme des 18. Jahrhunderts und jener Expressivität, die sein späteres Werk kennzeichnet.

Der Solopart krönt nicht mehr die begleitende Orchesterstimme, er wird zum gleichwertigen Dialog-Partner. Bei Guarrera fügte sich das Zusammenspiel mit dem Orchester zu einer echten Klangrede mit einem großen Reichtum an Ausdrucksnuancen und Stimmungen. Energie, melancholische Zartheit, Sachlichkeit, im dritten Satz sogar Witz, waren zu hören; man glaubte, an einem angeregten Gespräch teilzunehmen. Raum für Virtuosität und ein wenig solistische Kraftentfaltung gaben die zwei eindrücklichen Kadenzen, Geläufigkeit demonstrierte der Solist in einem Scarlatti-Satz als Zugabe. Man lauschte hingerissen.

Die orchestralen Glanzstücke hatte der GMD-Aspirant Felix Bender an den Beginn und den Schluss des Konzerts gesetzt, „Fontane di Roma“ und „Pini di Roma“ von Ottorino Respighi. Die Schönheit der Brunnen und Fontänen und der eigentümliche Charakter der Pinien boten dem Komponisten Gelegenheit, das Orchester allerlei römische Stimmungen illuminieren zu lassen. Zu unterschiedlichen Tageszeiten, in verschiedenen Situationen, an besonderen Orten darf es in charakteristischen Farben leuchten.

Offensichtlich liebte Respighi die Klarinette. Soloklarinettist Alexander Muhr konnte im Morgendämmer und Abendschein ausgiebig brillieren. Aber man müsste sämtliche Musiker einzeln loben für ihre Virtuosität und Spiellust. Sie folgten dem Dirigenten bis in die feinsten Nuancen ebenso genau, wie sie keine Zurückhaltung übten, wenn es in die Vollen ging.

Krönender Abschluss waren die Pinien an der Via Appia. Das opulente Klangbild gipfelte im blechbläsergekrönten Raumklang, der Respighis Vision vom Triumph-Einzug eines römischen Imperators darstellte. Hochverdienter Jubel für das Orchester und Felix Bender.

 Im Hör-Theater „En Face“ brachte der polnische Percussionist Alexander Wnuk (r.) ungewöhnliche Musikinstrumente zum Dröhnen und Singen.
Im Hör-Theater „En Face“ brachte der polnische Percussionist Alexander Wnuk (r.) ungewöhnliche Musikinstrumente zum Dröhnen und Singen. FOTO: Marlies Kross