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Interview
Neu erfinden – doch immer unverkennbar

Bell Book & Candle werden im April im Cottbuser Bebel erwartet. Jana Groß und Hendrik Röder (r.) standen vorab der RUNDSCHAU Rede und Antwort.
Bell Book & Candle werden im April im Cottbuser Bebel erwartet. Jana Groß und Hendrik Röder (r.) standen vorab der RUNDSCHAU Rede und Antwort. FOTO: Gunnar Leue / Agentur
Cottbus. Bell Book & Candle haben mit „Wie wir sind“ ihre erste Platte auf deutsch eingespielt. Am 26. April kommen sie nach Cottbus. Von Gunnar Leue

Bell Book & Candle hatten vor 20 Jahren internationalen Erfolg, danach verschwanden sie aus dem Medienfokus. Nun haben sie mit „Wie wir sind“ ihre erste Platte auf Deutsch eingespielt. Ein Gespräch mit Bassist Hendrik Röder und Sängerin Jana Groß.

Seit dem internationalen Hit „Rescue me“ Ende der Neunziger waren Bell Book & Candle nie weg, aber auch irgendwie nicht mehr richtig da. Täuscht der Eindruck?

Röder Wir waren vor 20 Jahren sehr viel in der Weltgeschichte unterwegs und hatten unser Deutschland ein bisschen vernachlässigt. Damals gab es ja noch kein Facebook zum ständigen Fankontakt. Wir haben uns dann zu Hause wieder alles neu von klein auf erarbeitet, in vielen Klubs an den Wochenenden gespielt. Das machen wir seitdem immer noch. Es ist für uns auch eine Form des Zufriedenseins.

Sie hatten mit dem abflauenden Medien- und Publikumsinteresse keinerlei Probleme?

Röder Nö, nicht wirklich. Wobei es natürlich auch etwas zweischneidig ist, weil du als Künstler in den Medien vorkommen musst, wenn du Aufmerksamkeit für eine neue Platte möchtest.

Sie waren Anfang der Nullerjahre auch Toursupport für Whitney Houston oder Roxette, die inzwischen Musikgeschichte und von der Bühne verschwunden sind. Denkt man darüber ab und zu mal nach?

Groß Ich finde es ganz tragisch, dass eine so große Künstlerin wie Whitney Houston einfach nicht mehr da ist. Aber was sie geschaffen hat, ist ja ein Erbe, das bleibt. Das verbindet man stets weiterhin mit einem Künstler, unabhängig von seinem irdischen Dasein. Abgesehen davon ist so einfach auch das Leben. Die Einschläge kommen näher, je älter man selbst wird. Das beschäftigt einen durchaus, aber es ist auch etwas, das man gut in Songtexten verarbeiten kann.

An Ihrem neuen Album hat erneut Ingo Politz mitgewirkt, der schon ihre frühen Hits produzierte. Brauchen Sie als Band Vertraute um sich?

Groß Wir sind ja lange befreundet und haben bei allen unseren Studioalben zusammengearbeitet, auch beim letzten 2005. Zehn Jahre später hatten wir überlegt, wie man mal wieder zusammenkommen könnte. Wir haben also vier englische Songs geschrieben. Die gefielen ihm, aber er meinte, ob wir es nicht mal deutsch versuchen wollten, wogegen ich mich immer etwas gesträubt hatte. Ich habe dann aber noch mal vier deutsche Lieder geschrieben, und die fand er richtig gut. Es fiel uns schon ein Stein vom Herzen, dass da immer noch Bell Book & Candle erkennbar war.

Dass Sie nun deutsch singen, geschah nicht aus Kalkül, weil Deutschpop heute so angesagt ist und immer mehr Künstler wie Sarah Connor oder Sasha vom Englischen umgestiegen sind?

Röder Nö, das kam eher durch unsere Liveauftritte, bei denen man nah an den Leuten ist und sich auch mit ihnen unterhält. Seit drei Jahren spielen wir immer den Puhdys-Song „An den Ufern der Nacht“, der stets toll ankam und die Frage der Fans aufwarf: Warum singt ihr nicht öfter deutsch? Auch als wir letztes Jahr bei einem Konzert zur Probe mal unsere neuen deutschen Songs sangen, sagten viele Leute hinterher, wie toll sie die Texte fanden. Wahnsinn, dachten wir, was haben wir bis jetzt verpasst!

Groß Aber klar, wenn die Leute nicht mehr so viel Alben kaufen wie früher, denkt man schon auch drüber nach, wie man sie besser erreichen kann. Wir wollen ja weiterhin als Musiker unterwegs sein und unseren Beruf ausüben können. Insofern hat es gut gepasst.

In einem Song wie „Wartesaal“ geht es um ein dementes altes Paar. Trallallapop für lebensunerfahrene Teenager wollten sie nicht?

Groß Ich möchte nicht ständig nur über Liebe, Liebe, Liebe singen, sondern ein bisschen mehr über das, was die Menschen betrifft. Die Frage ist aber immer, ob man das, was man im Kopf hat, auch mit einer gewissen Lyrik in die Songs kriegt. Das ist eine Gratwanderung, die uns aber, glaube ich, gelungen ist. Das völlig Verkopfte kann auch manchmal toll sein, aber damit schließt du immer die Leute aus, die auch tanzen wollen, das normale Pop-Publikum. Wir liegen quasi irgendwo dazwischen. Wobei es natürlich so ist, dass wir als drei Leute in der Band immer auch einen Kompromiss finden müssen, da nicht allen alles gleich gefällt.

Sie, Herr Röder, und Gitarrist Andy Birr sind Söhne von Puhdys-Musikern. Gibt es mit den Vätern auch mal einen fachlichen Austausch?

Röder Klar, man spielt es dem Vater (Peter Meyer/d.R.) schon mal vor, und der sagt seine Meinung dazu. Generell sind das aber zwei verschiedene Geschichten. Als wir anfingen und Erfolg hatten, wurde uns nachgesagt: Ach, die Puhdys-Söhne, ist ja kein Wunder, dass die Erfolg haben. Aber das kann man ja so gar nicht ganz vergleichen. Wir waren auch im englischsprachigen Raum erfolgreich. In Amerika kennt die Puhdys aber niemand.

Hegen sie noch oft Gedanken an ihre Vergangenheit mit dem Megaerfolg oder überwiegt die Lust, jetzt noch mal einen völlig neuen Schritt zu gehen?

Groß Manchmal werden wir gefragt, wieso wir die alten Songs noch spielen, wo wir uns doch jetzt neu erfinden wollen. Aber nein, sage ich dann, „Rescue me“ oder „Read my sign“ gehören auch weiterhin zu uns. Für mich gibt es da keine Trennlinie, auch nicht in den Konzerten. Deutsche und englische Songs werden gemischt. Bands, die sagen, wir spielen unseren größten Hit nicht mehr, finde ich einfach doof.

Mit Jana Groß und Hendrik Röder sprach Gunnar Leue.


Die CD „Wie wir sind“ ist gestern erschienen. Konzert in Cottbus: am 26. April im Bebel

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