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„Menschenskinder“ vereint am Staatstheater Cottbus Meisterchoreografien.
Liebe in vielerlei Gestalt

Szenenfoto aus „Cantus“ mit Alexander Teutscher und Gemma Pearce.
Szenenfoto aus „Cantus“ mit Alexander Teutscher und Gemma Pearce. FOTO: MARLIES KROSS
COTTBUS. Überglückliche Gesichter auf der Bühne: Das Premierenpublikum wollte am Ende der Vorstellung im Großen Haus des Staatstheaters Cottbus nicht aufhören zu jubeln. „Menschenskinder“ ging da wohl manchem anerkennend durch den Kopf. So heißt auch der neue Dreiteiler des Ballettensembles, der damit die Reihe der Meisterchoreografien aus dem 20. Jahrhundert fortführt. Von VOLKMAR DRAEGER

Wieder hat sich Nils Christe, zum dritten Mal Gast in Cottbus, als Garant für meisterlichen Tanz bestätigt. Ihm hat Ballettchef Dirk Neumann zwei Stück von Birgit Scherzer an die Seite gestellt. Im Schatzkästlein der DDR Choreografie leuchtet eine besonders hell: „Keith“ zu selbstvergessenen Improvisationen des US-amerikanischen Pianisten Keith Jarrett. Für die Komische Oper Berlin hatte Scherzer dazu 1988 mit sensationellem Erfolg ein reines Männerstück entworfen, das als verdienstvolle Lektion in Tanzgeschichte nun das Cottbuser Repertoire bereichert.

Dabei war „Menschenskinder“ vom Pech verfolgt. Noch vor der Premiere verletzten sich zwei Ensembletänzer. Romy Avemarg und Oliver Preiß aus Leipzig sprangen dankenswerter Weise über Nacht ein. „Anywhereme“ von Birgit Scherzer fächert mit ironischem Unterton in einer Folge von Duetten Spielarten der Liebe auf. Da ist Stefan Kulhawec als wütend verlassener Mann, der mit Inmaculada Marín López sein Traumerlebnis hat. Bei Avemarg und Preiß dominiert hingegen der Mann die Beziehung. Erst zu musiklos arabischem Gesang dann zu Vogelzwitschern hat Liebe das letzte Wort: Über einem Tanz des Einsseins senkt sich der Vorhang. Songs der Gruppe Portishead aus England sowie des Franzosen Toni Gatlif unterlegen den Reigen mit leiser Melancholie.

Stärker in der Aussage und choreografischen Umsetzung ist „Keith“. Vor hellem Hintergrund stehen als Silhouetten mit geneigtem Kopf junge Burschen, gehen zu Boden, atmen hörbar, sonnen sich in Kraftposen, stoßen Brunstschreie aus. Denn ihr Getue entpuppt sich bald als Männlichkeitsritual Heranwachsender. Doch sobald einer allein tanzt, artikulieren sich unbestimmte Sehnsüchte nach Leben, Anerkennung, Zuneigung. In einer hochsensiblen Miniatur bewegt mit Mut zu großem Gefühl Jhonatan Arias Gomez. Vertrauend springt er seinen großen Freund an, lässt sich von ihm abtragen. Zwei Jungen entdecken kurzzeitig tiefere Verbundenheit, die sich in der Gruppe auflöst. Wie René Klötzer apportierend den Kraftmeier gibt, sich lässig übers Haar streicht, gar den Saal anmacht, ist die andere Seite erwachenden Mannestums. Wie allein sich Stefan Kulhawec im Ringen mit unausgesprochenen Wünschen fühlt, berührt ebenso, wie es amüsiert, wenn sich zu Jarretts entfesselter Improvisation noch einmal der Testosteronüberschwang in fulminanter Artistik entlädt – bis ein vorüberziehendes Weib den Jungmännerspuk zum Einsturz bringt. Entstanden ist ein temporeiches Psychogramm von mitreißender Plastizität und dankbaren Aufgaben für eine überbordend tanzlaunige Crew.

Ebenso mitreißend präsentiert sie sich in Christes Gruppenstück „Cantus“. Vor dunkel gewölkter Abendröte ziehen fünf Frauen ein blau wallendes Tuch zurück, unter dem sieben Männer liegen. In der elegischen Stimmungschälen sich aus der Gruppe immer neu Tänzer für Soli, Duos oder Trios, von der Gruppe argwöhnisch beobachtet und bald wieder von ihr geschluckt. In der Arena ereignen sich atmosphärische Begegnungen, emotional subtil, tänzerisch dicht, technisch höchst anspruchsvoll. Ohne die lesbare Absicht von „Keith“, doch von ähnlich atemloser Spannung, wenn in organischem Fluss verästelte Seelenregungen aufkeimen. Als die Abendröte der Nacht Platz macht, tauchen aus dem Dunkel rasch wechselnd Paare in einem Streifzug der Gefühle auf, bis die Frauen ihre schlafenden Partner wieder unter dem blauen Tuch begraben: ein Traum endet –und Cottbus punktet mit einer deutschen Erstaufführung von Rang.

Künstlerisch hat das durch Gäste erweiterte Cottbuser Ensemble mit bewundernswertem Einsatz den Übergang vom Anhängsel des Musiktheaters zu einer vollwertig eigenständigen Compagnie von Format seit Jahren längst vollzogen. Das Land Brandenburg sollte das rasch nachvollziehen.

Das sagen die Zuschauer

Jörg Ackermann (58), Cottbus: Großartig! „Keith“ ist mein Lieblingsstück seit der Premiere an der Komischen Oper Berlin. Auch hier: ein tolles Ensemble.

Daniela Dinh (32), Berlin: Die Männer sind diesmal sehr stark. Ich bin begeistert von ihrer konditionellen Leistung.

Thomas Vollmer (61), Neustrelitz: Als Tänzer der Uraufführung von „Keith“ darf ich sagen: Das Stück ist nach 30 Jahren noch immer stark und kein bisschen älter geworden.

Uwe Küßner (50), Berlin: „Keith“ hat mich als Tänzer mit Tränen an unsere Uraufführung erinnert. Die Cottbuser Tänzer haben das Stück mit guter Kultur gezeigt. (vde1)