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| 13:47 Uhr

Retrospektive
Gewebte Gefühle in aufgewühlter Erde

Ein Sofa mit Streifengewebe aus der Werkstatt von Ellen Lehmann lädt zur Ausstellung „Fäden der Erinnerungen und Empfindungen“ in die Galerie Haus 23 in Cottbus ein.
Ein Sofa mit Streifengewebe aus der Werkstatt von Ellen Lehmann lädt zur Ausstellung „Fäden der Erinnerungen und Empfindungen“ in die Galerie Haus 23 in Cottbus ein. FOTO: Ellen-Lehmann-Ausstellung
Cottbus. Eine Ausstellung in der Cottbuser Galerie 23 knüpft „Fäden der Erinnerungen“ an die Textilgestalterin Ellen Lehmann. Von Kretzschmar

Dieses gemütliche Sofa auf der Einladungskarte gehört zu den unvollendeten Projekten von Ellen Lehmann. „Sie liebte das Mittagsschläfchen. Und schlug ,Mittagspause’ deshalb als Thema für eine Ausstellung vor. Dazu ist es nicht mehr gekommen. Aber Sofas aus ihrer Sammlung laden nun in der Retrospektive auf ihr künstlerisches Werk zum Ausruhen und Verweilen ein“, erzählt Christina Kliem vom Wendischen Museum, das gemeinsam mit dem Ellen-Lehmann-Freundeskreis und dem Kunstförderverein Galerie Haus 23 „Fäden der Erinnerungen und Empfindungen“ an eine Künstlerin knüpfen will, die in der Lausitz geboren wurde.

Ihr Webstuhl, an dem Ellen Lehmann unermüdlich, oft bis zur Erschöpfung gearbeitet hat, steht jetzt im Wendisch-Deutschen Heimatmuseum Jänschwalde, berichten ihre Freunde, die nicht nur ihren künstlerischen Nachlass bewahren. Dr. Ingo Steffen und Heiner Tschinkel aus Berlin waren ihr Jahrzehnte in Freundschaft verbunden. Bis zuletzt, als ihre Kräfte immer weniger wurden und sie mit gerade 65 Jahren ihrer Krebserkrankung erlag.

„Sie wollte, dass ihre Kunst nicht nur betrachtet, sondern auch genutzt wurde. Auf ihrem Bett lagen 20 selbst gefertigte Sofadecken“, denken die beiden schmunzelnd zurück. „Aber sie war keine Prinzessin auf der Erbse. Sie war eine kernige, drahtige Künstlerin, die ihren eigenen Weg ging“, sagt Ingo Steffen. „Bei Ellen Lehmann traf sich die Welt. Sie ging auf Menschen zu, brachte sie zusammen und in Bewegung“, erinnert er sich. So ist es nur folgerichtig, dass ihre Freunde nun wie schon zu Lebzeiten der Künstlerin die Ausstellung mit aufbauen.

Christina Kliem weist auf die Trikolore mit Weißagker Kirschkernen. Sie zitieren in Blindenschrift Romain Rollands Worte: „den Menschen, die da arbeiten, die da leben, die da kämpfen …“ Das Werk entstand 1988 in Erinnerung an ihr Heimatdorf Weißagk, das der Kohle weichen musste. „Sie war stolz auf ihre Heimat. Ihre wendischen Wurzeln waren ihr wichtig. Und sie empfand es als Katastrophe, als ihr Dorf abgebaggert wurde“, weiß Christina Kliem. In Erinnerung an die verschwundenen Kirschplantagen blieb Ellen Lehmann eine tiefe Naturverbundenheit. Tochter eines Obstbauers widmete sie sich zunächst der Gartenkunst, bevor sie  ganz in der künstlerischen Textilgestaltung aufging. 1996 installierte sie „Gewebe im Tagebau“. In riesigen Bahnen legten sie sich als „Vier Jahreszeiten“ in die aufgewühlte heimatliche Erde. Und sie bahnen sich nun ihren Weg in die Galerie 23.

Was Ellen Lehmann bewegte, webte sie in ihre Arbeiten ein – ob es der Berliner Nachthimmel war oder die Stimmung in Venedig, die Farben der Lofoten und Lausitzer Erdschichten. Und sie bewahrte die Garne aus ihrer Textil- und Tuchmacherheimat in ihren Geweben, als der traditionelle Industriezweig bereits am Boden lag.

Auch Kopftücher, in ihrer Farbgebung der sorbisch-wendischen Trikolore Blau-Rot-Weiß nachempfunden, finden sich in der Galerie 23. „Lapka/Kopftuch“ hieß eine Ausstellung im Jahre 2010 im Wendischen Museum. In England hatte die Textilgestalterin die auch inzwischen verstorbene Mitstifterin des Max-Grünebaum-Preises Ursula Hulme bei einem Vortrag kennengelernt. Sie freundeten sich an, stellten gemeinsam in Cottbus aus. Und sie trugen beide gern Kopftuch.

Christina Kliem macht noch auf Unvollendetes aufmerksam. Zum 100. Geburtstag des Philharmonischen Orchesters des Staatstheaters Cottbus schwebte Ellen Lehmann etwas ganz Besonderes vor. 100 weiße Schals wollte sie weben für das Jubiläumsfoto. Ihre Idee stieß auf keine offenen Ohren. Nun gehören Kisten voller weißer Schals zu den unvollendeten Projekten dieser Lausitzer Künstlerin. Jeder Schal ein Unikat, verbunden mit den anderen in der Farbe Weiß. Weiß steht für Neubeginn. Vielleicht könnte sich diese unvollendete Kunst doch noch einmal als nützlich erweisen?

Als Ellen Lehmann bei Christa Jeitner, die auch die Laudatio zur Eröffnung halten wird, in die künstlerische Lehre ging, bremste diese ihre kreative Ungeduld: „Bring’ doch erst mal Streifen“, soll sie ihr geraten haben. Von irischen Streifen bis zu schottischen Karos sind hier Arbeiten zu sehen, schlicht und zurückgenommen im Stil des Bauhauses. Apropos Schottland. Ein Webstuhl von Ellen Lehmann ist jetzt auch dort gelandet, erzählt Ingo Steffen. „Darauf weben jetzt meine Enkelkinder. Die nächste Generation ...“

Ellen Lehmann. Fäden der Erinnerungen und Empfindungen. Vernissage: 7. September, 20 Uhr in der Galerie Haus 23 in Cottbus (Marienstraße 23). Zu sehen ist die Schau bis zum 20. Oktober.

Ellen Lehmann 2010 vor dem Grundstück der Großeltern väterlicherseits in Grötsch. Das Haus sollte der Kohle weichen.
Ellen Lehmann 2010 vor dem Grundstück der Großeltern väterlicherseits in Grötsch. Das Haus sollte der Kohle weichen. FOTO: Jürgen Matschie