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| 16:31 Uhr

Kultur
Aufruhr im Himmlischen Theater

Hans-Georg Wagner (l.) und Matthias Steier planen ihr Werk zum „Himmlischen Welttheater“.
Hans-Georg Wagner (l.) und Matthias Steier planen ihr Werk zum „Himmlischen Welttheater“. FOTO: Saischowa Donald
Cottbus. Das Kloster Neuzelle ist berühmt für seine barocke Passionsdarstellung. Zum 750. Jubiläum wird das Theatrum Sacrum aufgemischt – mit moderner Kunst erster Güte. Der Cottbuser Künstler Hans-Geog Wagner steuert riesige Reliefs bei. Von Andrea Hilscher

Hans-Georg Wagner ist ein ausgesprochen ruhiger und bescheidener Mensch. Angst vor schwierigen Themen und provokanten Werken hat der Künstler nicht. Jetzt wagt er sich mit seinem Kollegen Matthias Steier an ein monumentales Werk im Kloster Neuzelle. Arbeitstitel: „Weltgericht. Festung Europa“. Thema: die Flüchtlingsströme, unterschiedliche Konfessionskreise, Öffnung und Abgrenzung.

Eigentlich hatten die Verantwortlichen für das Event  auf die ganz großen Namen des internationalen Kulturbetriebes gesetzt. „Aber Neo Rauch ist auf Jahre ausgebucht, Ai Weiwei hat gar nicht erst geantwortet“, erzählt der Cottbuser Bildhauer Hans-Georg Wagner lächelnd. Also habe man den Brandenburger Matthias Steier angefragt, der durch seine Mitarbeit am Bauernkriegspanorama von Werner Tübke Erfahrungen mit monumentaler Kunst gesammelt hat.

Steier sagte zu – unter der Bedingung, dass er sich für das Projekt Gesellschaft holen kann: seinen Kollegen Wagner aus Cottbus. „Als Matthias mir von der Aufgabe erzählte, sah ich sofort die passenden Bilder vor mir, ganz eigenartig“, erinnert sich der Cottbuser.

Die beiden Künstler sollen zur Eröffnung des Themenjahres von „Kulturland Brandenburg“ im Jubiläumsjahr des Klosters quasi eine Leerstelle füllen. Während die dritte der berühmten Werken im Theatrum Sacrum restauriert wird, sollen die Künstler ihren ganz eigenen Beitrag zur Passionsdarstellung liefern.

Hans-Georg Wagner beschäftigt sich seit langem intensiv mit „Untersuchungen zur Freiheit“, mit der Frage nach dem Leben in einer menschenvollen Welt. „Während meiner Lebensspanne hat sich die Weltbevölkerung vervierfacht. Es ist also eine Illusion, dass wir uns abschirmen können von anderen. Wir müssen mit dem Gewimmel auf der Erde umgehen.“

Wagner geht es darum, einen Ausdruck zu finden für das, was derzeit geschieht. Ein Bild von Europa, vom Rhythmus des Lebens in der Enge. Holz ist sein Material, in diesem Fall werden es Reliefs Aus Sperrholz in XXL. Flächen von 6,20 Meter Höhe und vier Metern breite sind zu bespielen, dazu sieben Meter in der Tiefe. Das alles in einem denkmalgeschützten Umfeld mit 250 Jahre alten Kunstwerken – die Liste von Vorgaben und erboten ist endlos.

Wagners Kreativität tut das keinen Abbruch, zumal er in Matthias Steier einen kongenialen Gegenpart gefunden hat. Steiers surreale, oft hintergründig-witzigen Figuren passen auf den ersten Blick so gar nicht zu den Wagnerschen Reliefs, deren Vielschichtigkeit sich oft erst auf den dritten Blick erschließt. „Aber erstaunlicher Weise funktionieren unsere Anteile an der ,Festung Europa’ parallel zueinander.“

Wagner wird riesige Kulissen in verschiedenen Ebenen aufstellen. An und um diese Paneelen gruppiert Steier seine Figuren. Ein ratloser Jesus, der die Last dessen, was ihm zugemutet wird, nicht mehr tragen kann. Dazu gesellen sich aufklimmende Figuren, applaudierendes Publikum, ein Rapper, der ein Selfie schießt . „Steier hat hier ganz auf Zitate verzichtet, für das Thema ganz neue Figuren und Szenen entwickelt“, sagt Wagner. Die Farbgebung sei dabei eng an die biblische Ikonografie angelehnt – ein Kontrast zu den farbarmen Reliefs von Wagner. „Wir sind beide sehr glücklich mit dieser Konstellation, die uns den Raum lässt, wirklich unser eigenes Ding zu machen, und das auf eine Weise, die für jeden von uns eine neue Herausforderung bedeutet“, sagt Wagner.

Bevor das Werk in Neuzelle zu sehen sein wird, planen die Macher einen Probeaufbau in einer Cottbuser Werkstatthalle.  Technische Abläufe sollen dabei getestet werden, zudem hilft die Aufstellung in der luftdurchfluteten Halle, die Emissionen des Holzes zu senken. Der Cottbuser Filmemacher Donald Saischowa begleitet den Schaffensprozess mit der Kamera.

Vom 18. Mai bis 29. September ist ihr Kunstwerk dann im Kloster Neuzelle zu sehen. Danach wird das restaurierte Panel „Jesus vor Kaiphas“ das Himmlische Theater ergänzen.

Das Model für das vielschichtige "Himmlische Welttheater".
Das Model für das vielschichtige "Himmlische Welttheater". FOTO: Wagner Hans-Georg