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Aus Kullas "Etablissement" als Gaststätte wurde später "Kaiser's" und dann ein Kulturhaus
Nach der Feier kam ein "Lumpensammler"

FOTO: Heute: Dora Liersch - Damals: Sammlung Hans Krause
Cottbus. Dieses gar nicht dörflich aussehende Haus, das etwa in den 1880er- bis 1890er-Jahren gebaut worden sein mag, sucht man heute vergeblich im alten Schmellwitz. Ich bezweifle sogar, dass sich noch jemand an diese Hausfassade erinnern kann. Natürlich gibt es noch ähnliche Gebäude aus der genannten Bauzeit. Der stolze Eigentümer Fritz Kulla nannte das Haus mit seiner Nutzung "Etablissement", also eine vornehme Gaststätte.

Damit wollte er sich sicher gegenüber der am Anger bestehenden Dorfschänke etwas abheben. Das Dorf Schmellwitz hatte zunächst nur Hausnummern, bevor mit dem Wachstum des Ortes auch Straßenbezeichnungen eingeführt wurden. Kullas Etablissement erhielt die Bezeichnung Hauptstraße 66. Das große Grundstück, das nach Westen an die parallel verlaufende Waldstraße, heute Walter-Rathenau-Straße reichte, erlaubte auch, für diese "gehobene" Gaststätte einen Kaffeegarten mit großer Sommerterrasse anzulegen. Allem Modernen aufgeschlossen, hatte der Etablissementbesitzer natürlich schon vor dem Ersten Weltkrieg einen eigenen Telefonanschluss. Unter der Nummer 858 war er zu erreichen. Fritz Kulla war bis etwa 1919 der Gastwirt. Er war aber nicht der Erst eigentümer. Vor ihm betrieb bereits zur Jahrhundertwende Wilhelm Schultchen dieses Gasthaus. Er könnte auch der Erbauer des Hauses gewesen sein.

Um 1920 kam es wiederum zum Eigentümerwechsel der Gaststätte. Der neue Gastwirt war Hermann Kaiser und mit diesem Namen, zumindest dem Familiennamen, werden sicher bei vielen Schmellwitzem und noch mehr Cottbusern Erinnerungen geweckt. Hermann Kaiser ließ die vorhandene Sommerterrasse abreißen und ließ einen großen Saal anbauen.

Im Cottbuser Adressbuch von 1926 zählt er zu den extra erwähnten Saalbesitzern. "Kaiser's" in Schmellwitz wurde zu einem Qualitätsbegriff im Norden von Cottbus. Straßenname und Hausnummer brauchte niemand. Wann das bisherige Vorderhaus baulich verändert wurde, ist nicht bekannt. Das Dachgeschoss wurde komplett ausgebaut. Damit verschwanden Mittelgiebel und Dachgauben. Auch die Fassadengestaltung ging unter einheitlichem Putz verloren.

Nach 1945 führte Alfred Kaiser diese Gaststätte weiter und zu DDR-Zeiten, um bestehen zu können, mit staatlicher Beteiligung. An jedem Wochenende war bei "Kaiser" was los. Tolle Kapellen spielten zum Tanz auf. Der große Saal mit Tanzfläche und Bühne eignete sich sehr gut zu Betriebsvergnügen, aber auch zu Konzerten. Es gab Zeiten, wo sogar die Verkehrsbetriebe noch eine Straßenbahn nach null Uhr, den sogenannten "Lumpensammler", stellte, damit die Tanzlustigen, aber auch die Nachtschwärmer, vom Betriebsvergnügen sicher in die Innenstadt gebracht werden konnten. Doch die Zeiten änderten sich. Aus "Kaiser" wurde das Kulturhaus des Textilkombinats Cottbus. Als nach 1990 das TKC keinen Bestand mehr hatte, wurde auch das Kulturhaus nicht mehr gebraucht. Ein neuer Betreiber mit neuem Konzept versuchte sein Glück. Noch einmal wurde die Fassade in den 1990er-Jahren umgestaltet und aus dem Haus wurde für einige Jahre das "Erlebniscenter New York". Aber die Ansprüche wurden andere. Es folgte zuletzt der Abriss der gesamten Baulichkeiten. Das große Grundstück in der Schmellwitzer Straße ist heute eine kleine Neubausiedlung mit mehreren schmucken Einfamilienhäusern.