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| 02:34 Uhr

Künstlerleben auf der Kippe

Hans-Georg Wagner beim "Almauftrieb”– sein Ochsengespann muss per Kran auf die Anhöhe in der Spreeaue gebracht werden.
Hans-Georg Wagner beim "Almauftrieb”– sein Ochsengespann muss per Kran auf die Anhöhe in der Spreeaue gebracht werden. FOTO: Saischowa
Sie kennen sich seit Jahren, doch so nah wie in den letzten Monaten waren sie sich noch nie: Der Filmemacher Donald Saischowa hat den Holzbildhauer Hans-Georg Wagner mit der Kamera begleitet. Sein Porträt sagt viel aus – über den Künstler, über das Leben in der Lausitz, über Saischowa selbst. Andrea Hilscher

Cottbus. Filme aus der Provinz laufen allzu leicht Gefahr, vor allem eines zu sein: provinziell. Die Spannung ist also groß, wenn der Cottbuser Kameramann und Filmemacher Donald Saischowa sein immerhin fast 60-minütiges 3-D-Werk über den ebenfalls aus Cottbus stammenden Holzbildhauer Hans-Georg Wagner vorstellt. Doch schon nach wenigen Einstellungen wird klar: Dieser Film verdient viele Adjektive, "provinziell" allerdings gehört nicht dazu.

Saischowa hat Wagner über Monate hinweg mit der Kamera begleitet. Ausgangspunkt war die Arbeit des Holzbildhauers an einer überlebensgroßen Skulptur für die Spreeaue. "Dabei hat Donald gemerkt, dass ich mich nicht auf Ochsen und Teufel reduzieren lasse", erzählt Wagner lächelnd. "Also musste er weitermachen, andere Bilder finden und dazu die Worte."

Gesprochen werden diese "Worte" von dem aus Tatort-Filmen bekannten Michael Prelle. Er rezitiert Gedanken und Essays von Wagner über die Kunst, die Suche nach dem Wesentlichen, der eigenen Berufung.

Dem Zuschauer gewährt der Film genügend Zeit, dem Künstler zu folgen durch die unterschiedlichsten Phasen eines Schöpfungsaktes. Wir sehen ihn beim schweißtreibenden Zerspalten Jahrhunderte alter Eichenstämme, beim Umgang mit hauchzartem Papier, beim Einrichten einer Ausstellung und - ganz zauberhaft - im Kanu-Pas de Deux mit seiner Frau auf der Spree.

Überhaupt die Spree. Immer wieder taucht sie auf, begleitet diesen Film von Anfang bis Ende. Die sorbische Sage über die Entstehung des Spreewaldes ist Ideenstifter sowohl des Kunstwerkes in der Spreeaue wie auch Leitmotiv des Wagner-Films. Sie steht für ein, wie Saischowa formuliert, Leben auf der Kippe, zwischen Idyll und Grube.

Eine Szene, die sich allen Beteiligten einprägt, ist der Moment, in dem Wagner die mächtigen Eichen für seine Skulptur spaltet. Nicht etwa mit der Kettensäge, die diese Arbeit in wenigen Minuten erledigen würde. Nein, Wagner nutz eine Jahrtausende alte Technik und spaltet das Holz mit Hammer und Meißel, in einer drei Tage währenden Tortur.

"Als ich die Szene zum ersten Mal gesehen habe, bin ich richtig blass geworden", erinnert sich Wagner. Die Kreuzschmerzen, die Anstrengung, all das sei plötzlich wieder spürbar geworden. Und auch Donald Saischowa ist von diesem Kraftakt bis heute beeindruckt. "Mir fällt dazu nur ein Wort ein - Respekt."

Und ähnlich, wie Saischowa den Künstler voller Respekt betrachtet, so hat auch Wagner selbst neue Einblicke in die Handwerks-Kunst des Filmemachens gewonnen. "Es war wunderbar, dass Donald sich die Zeit genommen hat, einfach nur zuzuschauen. Er hat nichts inszeniert oder arrangiert, einfach nur hingesehen."

Dieses Hinsehen bereitet auch dem Zuschauer großes Vergnügen, dank der wunderschönen Bilder, der geschickt genutzten dreidimensionalen Effekte und nicht zuletzt dank der sorgfältig gesetzten Filmmusik.

Sie stammen vom sorbischen Komponisten Detlef Kobjela und von Lopazz ("I need ya"), einem viel beschäftigten Filmmusiker und Star der internationalen Clubszene.

Zum Thema:
Der Film: "Spreewaldsaga" ist Künstlerporträt und Heimatfilm über die Niederlausitz zugleich. Es ist der erste deutsche 3d Film über einen bildenden Künstler. Die Cottbuser Premiere von "Spreewaldsaga" findet am 29. November um 19.30 Uhr im Kunstmuseum Dieselkraftwerk statt.Der Bildhauer: Hans-Georg Wagner, Träger des brandenburgischen Kunstpreises 2012, wird demnächst mit einer großen Ausstellung im Hauptgebäude von Vattenfall geehrt. Die Werkschau unter dem doppelbödigen Titel "Großer Reigen" wird am 13. November um 17 Uhr eröffnet.