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"Krieg kaputt, Hitler kaputt"

Die Berliner Straße im Jahr 1945: Zerstörte Häuser prägten die Stadt Cottbus.
Die Berliner Straße im Jahr 1945: Zerstörte Häuser prägten die Stadt Cottbus. FOTO: Stadtarchiv Cottbus
Cottbus. Karl Klaus Walther hat seine persönlichen Erinnerungen an das Kriegsende in Cottbus aufgeschrieben. Er ist der Sohn des langjährigen Stadtarchivars Max Walther und war 1945 zehn Jahre alt. Karl Klaus Walther

Die Nachricht von der Zerstörung Dresdens erreichte uns noch, doch Einzelheiten wurden durch den Angriff auf Cottbus am 15. Februar überlagert. Wir Kinder spielten vor dem Haus in der Schmellwitzer Straße, die Sonne war etwas vom Morgendunst verhangen, als Fliegeralarm ertönte. Dem Motorengeräusch folgten bald die ersten Detonationen, die, obwohl weit weg, doch das Haus vibrieren ließen. Als der Alarm vorbei war, sahen wir im Süden der Stadt schwarze Rauchwolken und hörten noch immer Explosionen. Der Bahnhof und seine Umgebung waren schwer getroffen worden. Ein Munitionszug geriet in Brand, explodierte und richtete weitere große Schäden an.

Über Wochen hörten wir das Grummeln der Artillerie von Oder und Neiße, das die Fenster Tag und Nacht vibrieren ließ. Unser Haus lag in der Einflugschneise des Flugplatzes, Starts und Landungen führten dicht über das Haus hinweg. Erst nachdem zwei Flugzeuge beim Anflug auf den Flugplatz von heftigem Flakfeuer begrüßt worden waren, rannte ich ins Haus - es war der Beginn der Tieffliegerangriffe.

Eine Bäckerei in der Nachbarschaft arbeitete für die Versorgung der Front, täglich kamen Pferdefuhrwerke, um Mehl zu bringen und das Brot abzuholen. Die Fahrer nahmen uns Kinder gelegentlich ein Stück mit. In den Wettereintragungen meines Vaters findet sich unter dem 16. April die Eintragung "Vor Großangriff" mit drei Kreuzen.

Als am 19. April 1945 nach einer Durchhalterede des Propagandaministers Josef Goebbels die Stromversorgung abbrach, erfuhren wir nur gerüchtweise etwas über die weitere Entwicklung, jetzt wurden wir selbst zu Augenzeugen des Kriegsgeschehens. In diesen Tagen zogen Zivilisten und Militär zu Fuß, mit dem Fahrrad und auf Pferdewagen durch die Schmellwitzer Straße, um in den Spreewald oder in vermeintlich sichere Gebiete zu gelangen. Für viele, die hier durchzogen, endete der Weg im Kessel von Halbe.

Um die Mittagszeit des 21. April führte mich mein Vater auf die Straße. Der Turm des alten Rathauses brannte hell wie eine Fackel. Wie später aus den Fotos erkennbar war, begann durch den Beschuss zunächst das Dach zu brennen. Der in der Stadt verbliebene Löschzug musste tatenlos zusehen, wie das Gebäude niederbrannte, da es kein Wasser mehr gab.

Brandwolken und Panzer

In den Morgenstunden des 22. April war unsere Straße verödet. Der Kampfkommandant machte beim Rückzug mit seinem Stab auf der Wiese vor unserem Haus Halt, um zu überlegen, was er in den Heeresbericht schreiben sollte. Mein Vater machte die Offiziere darauf aufmerksam, dass in den beiden Häusern Frauen und Kinder säßen. Vielleicht bewog das den Stab, weiterzuziehen.

Mit einer Mischung aus Beklommenheit, Sorge und Spannung beobachteten wir den Fortgang der Kämpfe, im Süden die Brandwolken, die von Ost nach West zogen, im Norden die über den Spreewalddörfern. Am Nachmittag ging ein russischer Panzer zwischen unserem und dem Nachbarhaus in Stellung und gab gelegentlich einen Schuss in Richtung Flugplatz ab.

Als am späten Nachmittag die ersten russischen Kampftruppen das Haus nach versteckten Soldaten und Waffen zu durchsuchen begannen, wussten meine Eltern, dass die Bedrohungen, Nöte und Schrecknisse der zurückliegenden Jahre nun vorbei waren.

Die erste Begegnung mit den russischen Soldaten war typisch. Als mein Vater am Abend dieses Tages vorsichtig vor die Haustüre trat, kam ein Soldat auf ihn zu und rief: "Uhr, Uhr." Mein Vater, der Meinung, der Soldat wolle die Zeit wissen, zog die Taschenuhr, die sogleich den Besitzer wechselte. Es war das vielfache U(h)rerlebnis der ersten Begegnungen mit Soldaten der Roten Armee. Zwanzig Jahre später hatten sich die Verhältnisse umgekehrt, als russische Soldaten Uhren zum Kauf anboten, um ihren Sold aufzubessern.

Einen Tag nach der Einnahme der Stadt quartierte sich ein Stab in den beiden unteren Wohnungen unseres Hauses ein, deren Bewohner geflohen waren. Dank dieser Einquartierung blieben wir, von gelegentlichen Inspektionen der Wohnungen abgesehen, weitgehend unbelästigt und durchlebten nicht die Drangsalierungen, die sich in der Nachbarschaft ereigneten. Die Offiziere gingen ihren Arbeiten nach, ließen sich von ihren Burschen vorm Hause rasieren, drehten sich Zigaretten aus Zeitungspapier und brieten ein Spanferkel. Im Hof stand ein gut erhaltener erbeuteter Opel P 4, in dem wir Kinder spielten. Als wir eines Morgens aufwachten, war der Stab abgezogen. Das Mobiliar der Wohnungen und der Inhalt der Schränke waren unangetastet, sogar der Anzug des Wohnungsinhabers mit dem Parteiabzeichen hing noch im Schrank. Zurück blieb ein halber Sack Mehl, der allen Hausbewohnern über die nächsten Tage half.

Vom Keller bis zum Boden

Da unser Haus etwas von der Straße zurückgesetzt war, bekam ich den Auftrag, auf sich nähernde Soldaten oder andere verdächtige Personen zu achten. Mein Vater humpelte daraufhin zur Haustüre, öffnete sie den verblüfften Soldaten und begleitete sie vom Keller bis zum Boden durch das Haus und wieder zurück zur Haustüre. Dieses Verhalten hat sie ganz offensichtlich beeindruckt, so dass nichts Schlimmes passierte.

So, wie einige Tage zuvor noch die Reste der Wehrmacht und die letzten Zivilisten durch unsere Straße gezogen waren, zogen jetzt lange Kolonnen der Roten Armee vorbei. Sie bestanden fast nur aus den Panjewagen, die mit zwei oder drei Pferden bespannt waren. Auf den Wagen befand sich Kriegsgerät und vermutlich auch Beutegut. Eines Nachts wurden wir durch Schießen und Leuchtspurmunition am Himmel aus dem Schlaf gerissen. Am nächsten Tag erfuhren wir: "Krieg kaputt, Hitler kaputt" - der Krieg war zu Ende.