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| 18:23 Uhr

Cottbus
Kostenlos wäre zu teuer

Ganz ohne Fahrschein wird es auch in Zukunft in Bus und Bahn nicht gehen.
Ganz ohne Fahrschein wird es auch in Zukunft in Bus und Bahn nicht gehen. FOTO: M. Behnke
Cottbus. Ohne Fahrkarte mit Bus und Bahn? Für Cottbusverkehr ist das aus heutiger Sicht unrealistisch. Möglicherweise ist ein Bürgerticket die bessere Alternative. Von Peggy Kompalla

Für Cottbusverkehrchef Ralf Thalmann ist Templin ein abschreckendes Beispiel – zugleich könnte es aber auch zum Vorbild erwachsen. Die Stadt in der Uckermark hatte im Jahr 1997 als erste Kommune Deutschlands den „Fahrscheinfreien Stadtverkehr“ eingeführt. Sechs Jahre später gab sie das Projekt wieder auf. Der Erfolg der Aktion hatte den Verkehrsbetrieb und damit auch die Stadt überrollt. Innerhalb von nur vier Jahren stiegen die Fahrgastzahlen fast um das 15-fache, heißt es aus dem Templiner Rathaus. Damit wuchsen der Kommune mit ihrem unausgeglichenen Haushalt die Kosten förmlich über den Kopf. 2003 zog die Stadt die Notbremse.

Deshalb gibt der Cottbusverkehrchef dem kostenlosen Stadtverkehr eine klare Absage. Er betont: „Voraussetzung sind Investitionen.“ Die Straßenbahnen in Cottbus bringen es mittlerweile auf ein Durchschnittsalter von 31 Jahren. Deshalb sagt Ralf Thalmann: „Mit einem 31 Jahre alten Motor kann man nicht Vollgas geben. Schon heute erleben wir zu Spitzenzeiten gut gefüllte Bahnen und Busse.“ Der Verkehrsbetrieb müsse mit Personal und Fahrzeugen mithalten können. Das sei bereits heute nicht immer möglich. Die Nachfrage steige in Cottbus auch ohne Freifahrtschein. Deshalb spricht der Geschäftsführer von Wachstumsschmerz. Soll heißen: Die Bahnen und Busse sind teils rappelvoll, oft reichen die Plätze für Kinderwagen, Rollstühle und Rollatoren nicht aus. „Deshalb müssen wir mittelfristig auch über Kapazitätserweiterungen nachdenken.“

Cottbus verzeichnete in den vergangenen Jahren innerhalb des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg die stärksten Zuwachsraten. Im Jahr 2015 beförderten Bus und Bahn in der Stadt rund neun Millionen Fahrgäste. Im vergangenen Jahr waren es 10,6 Millionen.

Trotzdem ist für Ralf Thalmann die aktuelle Diskussion um den kostenlosen Nahverkehr kein Hirngespinst. „Das ist grundsätzlich ein prima Thema. Aber das ist nicht über Nacht umgesetzt.“ Der Verkehrsbetrieb setzt sich damit seit geraumer Zeit auseinander – nur in anderer Form. Angeschoben hat das die Fraktion AUB/SUB. Sie setzt sich für die Einführung eines Bürgertickets ein. „Das diskutieren wir im Unternehmen“, sagt Thalmann. Hinzugezogen wird dabei eine Bachelor-Arbeit an der BTU. „Wir betrachten dabei verschiedene Varianten. Es wird immer einen städtischen Anteil geben, ergänzt um einen solidarischen Anteil“, erklärt der Geschäftsführer. Die Betrachtung befinde sich aber noch ganz am Anfang.

Da könnte Templin vielleicht dann doch als Beispiel taugen. Denn die Stadt gab den kostenlosen Nahverkehr nicht einfach auf. Die Kurstadt entwickelte ihr ganz eigenes Bürgerticket-Modell. Stadtspecherin Antje Wollnitzke erklärt: „Um trotz der angespannten Haushaltslage den ,Fahrscheinfreien Stadtverkehr’ aufrecht zu erhalten, wurde 2002 folgender Gedanke entwickelt: Es fährt weiterhin jemand ‚fahrscheinfrei’, wenn er eine Jahreskurbeitragskarte vorweisen kann. Diese gab es im Jahr 2003 für 29 Euro.“ Zum Vergleich: eine normale Jahreskarte für den Stadtverkehr kostete 205 Euro. Im Jahr 2007 wurde der Preis für die Jahreskurbeitragskarte aufgrund des Kostendrucks auf 44 Euro erhöht, gleichzeitig stieg der Kurbeitrag um 50 Cent. Finanziert wird das Modell im Wesentlichen aus den Einnahmen der Kurtaxe und der Parkraumbewirtschaftung.

Cottbus muss seinen eigenen Weg finden. Dabei ist die kreisfreie Stadt nicht allein. Auch in der Landeshauptstadt wird über ein Bürgerticket nachgedacht.