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| 13:38 Uhr

Teil II zur Kult-Bar im Stadtzentrum
Kosmos-Bar in Cottbus: Sternchen-Stunden der DDR-Architektur

FOTO: Stadtmuseum
Cottbus. Gerd Wessel (nicht mit der RUNDSCHAU-Autorin verwandt, Anm. der Red.) ist der Erfinder des Sternchens. Er war gerade einmal 31 Jahre alt, als er mit schnellem Federstrich auf einem weißen Blatt Papier die Idee zur Kosmos-Bar festhielt. Von Christina Wessel

Eine Zeit, an die sich Wessel gerne erinnert. „Wir hatten für den Entwurf freie Hand. Allein die Materialbeschaffung machte uns Probleme.“

Gemeinsam mit Jörg Streitparth und Günter Pöschel entwarf er das Gebäude. Einzige Vorgabe: „Ein unkonventionelles Gebäude für das Stadtzentrum“. Es sollte das kreativste Projekt seiner Schaffenszeit in der DDR werden. „Danach habe ich mich zum Großteil mit der industriellen Wohnbebauung beschäftigen müssen.“ Eine Aufgabe, die deutlich weniger Kreativität zuließ. Dabei waren die architektonischen Anfänge vielversprechend. Kurze Zeit vor der Entstehung der Kosmos-Bar hatte Wessel in Dresden Bekanntschaft mit den französischen Architekten der 60er Jahre gemacht. Es war die Ära der Moderne. Die Idee der Einheit von Leben und Arbeit, Freizeit und Stadt auf einem Raum hatte auch die jungen Planer und Bauer in der DDR begeistert. An der Universität machten die kühnen Pläne zu einer modernen Bebauung Lust auf eine Neuinterpretation der Stadtzentren. So auch in Cottbus. Wie in Berlin entstand auch hier, im Mittelpunkt des urbanen Lebens mit der Milchbar „Kosmos“ ein Solitär, der losgelöst, fast schwebend, im Raum stand. Durch die großen Glasfenster hatten die Gäste den Eindruck, inmitten der umgebenden Grünfläche zu sitzen. Ideen, die ähnlich auch in den Zentren Westdeutschlands Anfang der 70er Jahre zu beobachten waren. Als ein sogenanntes fliegendes Gebäude entwarf das Architekturbüro Behnisch & Partner 1972 das Olympiastadion. Auch hier war man um Offenheit und Transparenz bemüht. Während für das Münchner Gebäude eine Seilnetzkonstruktion mit Acrylglas-Platten-Verkleidung gebaut wurde, verwendete das Team um Gerd Wessel für die Kosmos-Bar Hyparschalen, die den sechszackigen Glaskörper überspannten. Das Dach bestand aus Stahlträgern in Verbindung mit einer hölzernen Dachüberspannung. Das Dach überzogen die Arbeiter mit blauem Glasgranulat als ein sichtbarer Bezug zum Weltraum.

Kosmos-Bar Cottbus: Künstler Hans Vent verwendete für das Wandgemälde Kaseinfarbe aus Milcheiweiß

 Vater des Sternchen: der Berliner Architekt Gerd Wessel.
Vater des Sternchen: der Berliner Architekt Gerd Wessel. FOTO: Gerd Wessel

Ein Künstlerfreund zeichnete auf Leinwand Motive zur Geschichte und Erforschung des Weltalls. Sein Name: Hans Vent. Ein überaus produktiver Maler der Zeit, der unter anderem auch das Mosaikbild „Berliner Leben“ für die Rathauspassagen in der Hauptstadt sowie das Betonglasfenster im ehemaligen Restaurant „Gastmahl des Meeres“ in der Berliner Karl-Liebknecht-Straße schuf. Beide Werke wurden 1990 entfernt. Für die Kosmos-Bar in Cottbus verwendete Vent Kaseinfarbe, die aus Milcheiweiß besteht. Dabei kann Quark oder Magermilch zum Einsatz kommen. Ein Vorteil dieses Materials ist seine hervorragende Farbbrillanz. Wessel erinnert sich noch heute gut an die Arbeit des Künstlerkollegen. „Über mehrere Wandflächen entwarf er verschiedene Bildkonzeptionen.“ Im Mittelpunkt stand das Thema der Zeit: die Raumfahrt. Konsequenterweise zeigten die Tableaus Juri Gagarin im Weltraum mit seinem Raumschiff „Sojus“ sowie Umlaufbahnen großer Sterne. Außerdem durchquerten explodierende Sonnen und bizarre Strahlenbündel die großen Bildflächen. Ein imposantes Ensemble, das die Moderne nur mehr unterstrich. Das Motiv bestimmte viele Bauwerke der Zeit. Die DDR befand sich im Aufbruch. Das ließ sich auch an der Architektur ablesen. Eine kurze Zeitspanne, in der viele bedeutende Bauwerke entstanden.

Kein Wunder, dass in dieser Ära im Sternchen ein Film entstand, dessen Protagonistin Anita als Architektin arbeitet. Für „Die sieben Affären der Doña Juanita“ (1973) wählte das Filmteam um Regisseur Frank Beyer nicht von ungefähr die Kosmos-Bar in Cottbus. Sie zählte zu den modernen und beachtenswerten Bauwerke der Zeit. Gerade richtig für die Geschichte rund um eine junge Architektin. Im Film verpassten Regisseur Frank Beyer, der zum Zeitpunkt der Dreharbeiten mit Schauspielerin Blume liiert war, und Drehbuchautor Eberhard Panitz dem Sternchen kurzerhand den Namen „Villa Juanita“ zu Ehren der Film-Architektin Anita (gespielt von Renate Blume).

 Die erste Skizze: Das war der erste Schritt zur Entstehung der Kosmos-Bar in Cottbus. Gerd Wessel zeichnete seine Idee auf Papier.
Die erste Skizze: Das war der erste Schritt zur Entstehung der Kosmos-Bar in Cottbus. Gerd Wessel zeichnete seine Idee auf Papier. FOTO: gerd wessel

Architekt Wessel baute später hauptsächlich Wohnungen

Noch viele Jahre nach der Cottbuser Kooperation blieben Wessel und Vent im Kontakt. Zum Tod des 83-jährigen Malers im Januar 2018 verfasste Wessel einen Nachruf. An die vielseitige Arbeit zur Entstehung des Sternchens konnte Wessel in seinen darauffolgenden Werken nicht mehr anknüpfen. Sein Alltagsgeschäft bestand im Folgenden aus Zweck- und Wohnbebauung. „Das waren im Wesentlichen industriell gefertigte Module ohne besondere Herausforderungen.“ Dabei gab es Projekte, die er mit großem Interesse verfolgte. Wie beispielsweise die Stadtentwicklung am heutigen Platz der Vereinten Nationen in Berlin. Die abwechslungsreiche Wohnhausbebauung durch den Architekten Hermann Henselmann gehört aus seiner Sicht zu den gelungenen Projekten der DDR-Architektur. Hier entstanden Wohnhäuser unterschiedlicher Höhe und Struktur. Die Möglichkeit zur individuellen Gestaltung der Wohnblöcke, die Wessel entwarf, blieb ihm in den 70er und 80er Jahren weitgehend verwehrt. Dabei hätte er gerade in der Variation der Betonfassaden großes Potenzial gesehen. „Leider verhinderten Geld- und Materialknappheit diesen Anspruch.“ Umso mehr schmerzte ihn der Abriss der Kosmos-Bar im Jahr 2007. Ein Schicksal, das gleich mehrere Geschwister-Bauten nach der Wende ereilte. So hob das Land Berlin auch für die Großgaststätte Ahornblatt nahe der Fischerinsel den Denkmalschutz auf. Es wurde 2000 abgerissen. Zu den erhaltenen Objekten dieser Bauart gehören das Ruderzentrum Blasewitz, das Café Seerose in Potsdam sowie der Teepot in Rostock.

Heute stellt Architekt Wessel als Maler regelmäßig in Galerien aus

Nach der Wende arbeitete Wessel an verschiedenen Projekten in der Stadt Berlin, so etwa der Umgestaltung des Straßenbahndepots Tempelhof zur Markthalle im Jahr 1997/98. Heute, mit 81 Jahren, ist sein Schaffensdrang ungebrochen. Als Maler stellt er regelmäßig aus, im Bezirk Marzahn-Hellersdorf war er Stadtzeichner. Schon während des Berufslebens zeichnete er Cartoons und bewies dabei einen unverstellten Blick auf aktuelle Themen. Trotz des bissigen Humors publizierte er seine Arbeit in der ostdeutschen Architekturzeitschrift „Deutsche Architektur“. Erst mit einer Collage zum Jubiläum der Zeitschrift weckte er den Argwohn der Kontrollinstanzen in der DDR, als er Figuren zeichnete, die am Berliner Fernsehturm sägen. „Eine nicht gerade karrierefördernde Arbeit“, kommentiert Wessel. Im Berliner Eulenspiegel veröffentlichte er dennoch 1985 einen Band mit Karikaturen. Er trägt den Titel „Urbanitäten“. Darin lässt er sich ungeschönt über die Eintönigkeit jener DDR-Architektur aus, die in industrieller Machart entstand. Trotzdem blickt er heute mit Skepsis auf den rigorosen Rückbau der Plattenbau-Viertel. Sein knapper Kommentar: „Heute brauchen wir dringend Wohnraum.“