Von Andrea Hilscher

Seine Kritiker nennen ihn gerne „Hans-Werner Unsinn“, doch selbst sie müssen zugeben, dass Hans-Werner Sinn, der frühere Chef des Münchener Ifo-Instituts, zu den forschungsstärksten und einflussreichsten Ökonomen im deutschsprachigen Raum gehört.

Sinn, der mit seiner Kritik an der Eurorettung und der deutschen Einwanderungspolitik schon häufiger ins Kreuzfeuer der Kritik geraten war, hat auch zum Thema Klimaschutz und Energiewende provokante Thesen veröffentlicht. Über die „Grenzen der deutschen Energiewende sprach er am Mittwochabend im Rahmen der Veranstaltungsreiche „Open BTU“ auf dem Zentralcampus – in einem hoffnungslos überfüllten Hörsaal.

Erfolg in der Braunkohle-Region

Der Ruheständler trifft mit seinen Thesen in der Lausitz scheinbar auf besonders offene Ohren: Unter den Zuhörern sind neben zahlreichen Studenten vor allem auch Vertreter der Braunkohle-Lobby, Mitarbeiter der Leag und Mitglieder der Bergbau-Gewerkschaft IGBCE.

Seinem Vortrag schickt Hans-Werner Sinn eine Erklärung voran: Er sei überzeugt, dass der Klimawandel ein ernstzunehmendes Problem darstelle und bekämpft werden müsse. Die folgenden zwei Stunden legt er dann aber ebenso nachdrücklich dar, warum die deutsche und europäische Klimapolitik überhaupt nichts an den aktuellen Problemen ändern könne. Im Gegenteil: „Je mehr Grüne Klimapolitik wir machen, umso mehr Kohlenstoff wird in die Luft geblasen“, sagt Sinn.

Das Problem mit den Speichern ist ungelöst

Seine Thesen: Um den gleichzeitigen Ausstieg aus Kohle und Kernkraft zu bewältigen, muss der Anteil von Wind- und Sonnenenergie um das Dreifache ansteigen. Da die Erneuerbaren aber stets großen Schwankungen unterworfen sind und europaweit nur ein Bruchteil der notwendig Pumpspeicherwerke geschaffen werden könnten, müssten riesige Mengen des Ökostroms letztlich „weggeworfen“ werden.

Andererseits gebe es nach Sinns Berechnungen immer auch wieder Phasen, an denen der Strombedarf in Deutschland nicht aus Ökostrom gedeckt werden kann. „Hierfür brauche wir weiter konventionell erzeugten Strom.“ Die bestehenden Doppelstrukturen würden den Strompreis in Deutschland dauerhaft hoch halten. Aber, so sagt Sinn: Durch die deutsche und europäische Klimapolitik würde der Bedarf an Öl und Gas aus Russland oder arabischen Raum sinken.

Grüne Politik lässt weltweiten Energieverbrauch ansteigen

Diese Rohstoffe würden weiterhin produziert, künftig dann aber zu wahrscheinlich niedrigeren Preisen weltweit verkauft. „Wegen der sinkenden Preise würde der Energieverbrauch natürlich steigen“, sagt der Ökonom und rechnet vor, in welchem Ausmaß die CO2Belastung des Weltklimas in den kommenden Jahrzehnten anwachsen würde.

Einen Ausweg aus der Klimamisere sieht er vor allem in der Atomkraft, die helfen könne, Schwankungen der Erneuerbaren auszugleichen. Kohlenstoff solle über Aufforstung und unterirdische Einlagerung der Luft entzogen werden – Verfahren, die allerdings auch nur kurzfristig Erleichterung schaffen, da Wälder den gebundenen Kohlenstoff irgendwann wieder an die Luft abgeben. Doch Sinn wäre nicht Volkswirtschaftler, wenn er nicht auch finanzielle Regularien zur Rettung des Weltklimas vorschlage würde: eine Quellensteuer auf Finanzinvestitionen und sichere Eigentumsrechte auf Ressourcen könnten seiner Meinung nach dafür sorgen, „dass den Ölscheichs das Geschäft vermiest wird.“