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Kolumbianer wollen von der Lausitz lernen

Die kolumbianischen Gäste waren fasziniert vom Kunstmuseum im ehemaligen Dieselkraftwerk.
Die kolumbianischen Gäste waren fasziniert vom Kunstmuseum im ehemaligen Dieselkraftwerk. FOTO: Nicole Nocon
Cottbus. Auch ihre Heimat ist vom Bergbau geprägt und auch in Kolumbien suchen viele ehemalige Industriebauten eine neue Nutzung. Die Parallelen sind vielfältig. Trotzdem gab es für die Studierenden der Universidad Santo Tomás in der Lausitz viel Neues und Überraschendes zu entdecken.

Beim Rundgang durch die Cottbuser Innenstadt am gestrigen Mittwoch waren die Handykameras der jungen Kolumbianer im Dauereinsatz. Die pittoresken Fassaden des Altmarkts und das Markttreiben in der Sprem faszinierten die Studenten ebenso wie Gebäude, die für die angehenden Architekten und Denkmalpfleger von besonderem Interesse sind: das Kunstmuseum Dieselkraftwerk, das Kaufhaus Schocken, das Jugendstil-Theater oder die avantgardistische Bibliothek der BTU.

Seit Jahren knüpft das Cottbuser Institut für Neue Industriekultur (INIK) Beziehungen zu kolumbianischen Hochschulen. 2012 wurde in Kooperationsvertrag mit der Universidad Santo Tomás unterzeichnet. Im Rahmen dieser Zusammenarbeit besucht in diesen Tagen eine 15-köpfige Delegation aus Dekanin Carolina Galinda Cuervo, Dozenten und Studierenden der Architektur, Denkmalpflege und Industriekultur die Lausitz. "Ziel der Reise sind der Austausch von Erfahrungen bezüglich der Regional- und Stadtplanung in durch den Bergbau geprägten Landschaften sowie touristische Ansatzpunkte und regionales Tourismusmanagement für die Bereiche Industriekultur und Moderne", erläutert Heidi Pinkepank vom INIK. Durch Projekte der IBA und der Euroregion sei die Lausitz zum "Reallabor" geworden, von dessen Erfahrungen die Südamerikaner profitieren können. "Hier wurden Projekte nicht nur entwickelt, sondern auch umgesetzt und weitergeführt. Eine Regionalplanung, die funktioniert wie wir es hier erleben, haben wir in Kolumbien nicht,", sagt Dozentin Alexandra Toro, die mit INIK-Geschäftsführer Lars Scharnholz in Dresden studiert hat. "In Kolumbien denken viele, dass in Deutschland schon alles perfekt ist. Aber auch hier gibt es noch viele alte Gebäude, die eine neue Nutzung suchen. In Berlin haben wir gesehen, wie eine Hochschule ehemalige Industriebauten nutzt, während in Fabriken in ihrer Nachbarschaft noch produziert wird. Es ist interessant zu sehen, dass das funktionieren kann."

Am Dienstag stand eine Exkursion zu den IBA-Terrassen, der F60, zum "Rostigen Nagel" in Kleinkoschen und zum Tagebau-Aussichtspunkt in Welzow an. "In der Region, in der die Universidad Santo Tomás liegt, wird Steinkohle gefördert. Die Lausitzer Variante des Bergbaus hat einige Studenten überrascht", sagt Sebastian Hettchen vom INIK. Laura Camargo war schockiert: "Ich finde es unglaublich, dass Häuser und ganze Dörfer zerstört werden, um Kohle abzubauen. Ich kann mir vorstellen, dass das in der Zukunft zu Problemen führt, weil Kulturerbe vernichtet wird." Ihr Kommilitone Camillo Garcia nimmt in erster Linie einen anderen Eindruck mit zurück nach Kolumbien: "Deutschland ist ein sehr organisiertes Land und deshalb sehr fortschrittlich. In Deutschland wird Traditionelles gewürdigt, gleichzeitig ist man offen für Neues."

Weitere Stationen der Exkursion sind unter anderem Löbau, Görlitz, die Bergakademie in Freiberg und die Bauhaus-Stadt Dessau sein. Auch nach der Rückkehr der Kolumbianer wird der Erfahrungsaustausch fortgesetzt. Das INIK bereitet bereits ein weiteres deutsch-kolumbianisches Projekt vor: "Wir suchen nach Spuren, die Deutsche bei der Industrialisierung Kolumbiens hinterlassen haben", informiert Sebastian Hettchen.