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| 17:03 Uhr

Mieser Betreuungsschlüssel
Kita-Streit: Warnschuss aus Cottbus

Fröbel-Kitas werden künftig keine weiteren Betreuungsverträge über mehr als acht Stunden abschließen. Für die meisten Cottbuser Kitas gilt das Gleiche.
Fröbel-Kitas werden künftig keine weiteren Betreuungsverträge über mehr als acht Stunden abschließen. Für die meisten Cottbuser Kitas gilt das Gleiche. FOTO: Michael Helbig
Cottbus. Zu wenige Erzieher, zu viele Kinder – Träger fordern Gesetzgeber zum Handeln auf. Von Daniel Schauff

Annekatrin Augstein arbeitet als Schwester im Krankenhaus. Schichtdienst. Mit der Kita hat sie für ihr Kind einen langen Betreuungsvertrag abgeschlossen, jenseits der acht Stunden. Das braucht sie, um ihren Job machen zu können, betont Annekatrin Augstein. Ihr Kind ist eins von gut 1800, die allein in Cottbus mehr als siebeneinhalb Stunden in der Kita betreut werden. Das Problem: Das nötige Personal fehlt. In der Betreuung von Kindern unter und bis drei Jahre fehlen in den Kitas in Cottbus fast 23 Stellen, 22 in der Betreuung von Kindern ab drei Jahre. Das geht aus den Zahlen der AG 78 hervor. In ihr haben sich alle Kita-Träger der Stadt zusammengeschlossen.

Das Kita-Gesetz des Landes schreibt vor, dass siebeneinhalb Personalstunden vom Kostenträger finanziert werden müssen. Das war einst anders. Die sogenannte dritte Betreuungsstufe, die Zeit also jenseit der jetzt finanzierten, wurde im Kita-Gesetz bis 2001 ausfinanziert, dann gestrichen. Damals, sagt Grit Meyer, Leiterin des Regionalbüros des Paritätischen Landesverbands Brandenburg, sei die soziale Situation aber eine andere gewesen. Die Arbeitslosigkeit lag weit höher, die Arbeitsbeteiligung bei Frauen dagegen niedriger – viel öfter seien Kinder zu Hause auch tagsüber betreut worden. Auch jetzt sei das Muster noch erkennbar – in Teilen der Stadt, in der viele ohne Job lebten, gebe es weit weniger lange Betreuungsverträge. In anderen Kitas dagegen liege der Anteil bei fast 100 Prozent.

Einen Warnschuss nach Potsdam hat ein Großteil der Cottbuser Kitas am Freitag gesendet. Nach siebeneinhalb Stunden war Schluss, die Kitas haben geschlossen, Eltern mussten ihre Kinder früher als sonst abholen. „Wir wissen, dass das für die Eltern ein Problem ist“, sagt Grit Meyer – Verständnis gebe es trotzdem. Das bestätigt auch Elternvertreterin Marie Meyer. Nur eine kritische Stimme eines Vaters habe sie gehört, alle anderen stünden hinter der Initiative der Kita-Träger.

Der Zeitpunkt für den Kita-Protesttag ist kein willkürlicher: Am 30. Mai wird der brandenburgische Landtag in dritter Lesung über die Novellierung des Kitagesetztes beraten. Von der Finanzierung der dritten Betreuungsstufe fehlt darin jede Spur. Eltern, Erzieher und Kinder aus Kitas aus ganz Brandenburg wollen ihren Protest dann in Potsdam vor dem Landtag fortsetzen, kündigt die Fröbel-Gruppe an. Sie betreut allein in Cottbus in elf Kitas 1000 Kinder, hat sich bei der Kita-Aufsicht im Bildungsministerium selbst angezeigt. Grund: Der gesetzlich vorgeschriebenen Personal­schlüssel könne strukturell nicht eingehalten werden. Der Schlüssel liegt bei 1:5 für Kinder unter drei Jahre, die mehr als sechs Stunden am Tag betreut werden. Für ab Dreijährige liegt er bei 1:11,5. Von der Realität sei das weit entfernt, sagt Kerstin Schlegel, Leiterin des Montessori-Kinderhauses in der Spremberger Vorstadt. Die Kita wird ab August keine weiteren Betreuungsverträge über mehr als acht Stunden abschließen, zu sehr muss Kerstin Schlegel ihr Personal strecken, um über die Öffnungszeiten zu kommen. Für einen Großteil der Cottbuser Kita-Träger gilt das Gleiche.

„Für die Eltern ist das hart“, sagt Kerstin Schlegel. In der Kita gehe es nicht nur um Beaufsichtigung, sagt Grit Meyer, es gehe auch um Bildung. Die den Kita-Kindern zu vermitteln, sei in der aktuellen Situation oft kaum noch möglich.