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Kirschkuchen und Krieg

Christa Jeczmionka mit einem frisch gebackenen Kirschkuchen. Eine Kostehäppchen gibt es bei ihr immer. Sie wünscht sich, dass ihre Mutter das vor 70 Jahren auch so mit dem Kirschkuchen gehalten hätte. Denn dann kam der Luftangriff.
Christa Jeczmionka mit einem frisch gebackenen Kirschkuchen. Eine Kostehäppchen gibt es bei ihr immer. Sie wünscht sich, dass ihre Mutter das vor 70 Jahren auch so mit dem Kirschkuchen gehalten hätte. Denn dann kam der Luftangriff. FOTO: Michael Helbig/mih1
Weimar/Cottbus. Christa Jeczmionka lebt seit 1968 in Cottbus und ist seither treue RUNDSCHAU-Leserin. In einem Brief schreibt sie: "Ich finde, es ist an der Zeit, dass auch von mir einmal etwas in der Zeitung steht." Finden wir auch. Denn dazu liefert sie eine rührende Geschichte, die sich Ostersamstag vor 70 Jahren zugetragen hat. Es waren die letzten Kriegstage.

Weimar 1945 - vor genau 70 Jahren - Ostersonnabend: Mutter hatte einen großen runden Kirschkuchen gebacken. Dafür hatten wir lange Mehl und Zucker angespart. Er war gut geraten, prächtig anzuschauen und duftete einfach himmlisch. Wir hatten gerade gefrühstückt - in Malzkaffee eingeweichtes Brot mit ein paar Krümeln Zucker. Ich bettelte um ein Kostehäppchen vom Kirschkuchen. Aber Mutter war eisern. "Das ist der Osterkuchen und den gibt es erst morgen", sagte sie. Da war halt nichts zu machen.

Plötzlich Fliegeralarm zu ungewöhnlicher Tageszeit. Wir nahmen unser Handgepäck, schnell noch ein Blick auf unseren Kirschkuchen und dann eilten wir in den Luftschutzkeller. Dort waren schon die Nachbarn. Nach etwa einer Stunde verkündete die Stimme im Radio, dass sich amerikanische Bomberverbände im Rückflug über Thüringen befänden. Alle warteten auf die Entwarnung. Aber es kam anders.

Ein furchtbares Krachen warf uns auf den Boden, dann Totenstille. Vor Staub und Dreck konnte man nichts mehr sehen. Nach dem ersten Schreck stellten wir fest, dass alle heil geblieben waren. Wir tasteten uns in unsere Wohnung. Es war ein Chaos. Türen, Fenster, Möbel, alles kaputt. In der Küche war ein riesiges Loch in der Außenwand, überall Scherben, Steine und Schutt. Mein Lieblingsmöbel, eine Standuhr mit Westminstergong, lag mitten in der guten Stube. Wir stellten sie wieder auf und wie durch ein Wunder begann sie zu ticken, als wäre nichts geschehen.

Dann standen Mutter und ich vor unserem schönen Kirschkuchen. Er war dick mit Staub überzogen und mit Glassplittern gespickt. Man konnte nur noch ahnen, was es eigentlich war. Wir sahen uns beide an, sagten nichts. Aber gedacht haben wir bestimmt das Gleiche. Zwölf Tage später war der Krieg aus.

Mutter hat noch viele Kirschkuchen gebacken, und immer gab es ein Kostehäppchen. Auch meine Kinder und Enkelkinder durften immer schon vorher vom Kuchen probieren.

Cottbus 2015: Dieses Jahr feiere ich meinem 87. Geburtstag, und zu Ostern werde ich einen Kirschkuchen backen. Wenn mich meine Urenkelin Paula fragt: "Omi, darf ich mal kosten?" Dann bekommt sie ganz bestimmt schon am Ostersonnabend ein Kostehäppchen vom Kirschkuchen. Übrigens: Die Uhr mit dem Westminstergong tickt heute noch.