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| 17:34 Uhr

Cottbus
Gemeinsam wohnen und doch für sich

Das Haus 1 liegt direkt an der Webschulallee und begrenzt das Grundstück zum Süden hin. Der Innenhof kann von allen Mietern gemeinsam genutzt werden.
Das Haus 1 liegt direkt an der Webschulallee und begrenzt das Grundstück zum Süden hin. Der Innenhof kann von allen Mietern gemeinsam genutzt werden. FOTO: Kreuzkirche
Cottbus. Viele Jahre schon liebäugelten die Mitglieder der Kreuzkirchengemeinde mit dieser Idee: Etwas zu schaffen, das mitten in der Stadt dem Ideal der einstigen Großfamilie nahe kommt. Von Andrea Hilscher

Alte, jüngere und ganz junge Menschen gemeinsam unter einem Dach, für jeden ausreichend Privatsphäre und dennoch immer jemanden in der Nähe, mit dem man reden oder feiern kann, der Unterstützung anbietet oder auch nur mit einer Tüte Mehl aushilft, wenn die Läden schon geschlossen sind. „Mehrgenerationenwohnen“ nennt sich die Idee, und jetzt nimmt sie mitten in Cottbus Gestalt an: Innerhalb eines Jahres will die Kreuzkirchengemeinde zwei Häuser mit insgesamt 20 Wohnungen bauen, in denen das Konzept „gemeinsam statt jeder für sich allein“ verwirklicht werden kann.

Hinrich Müller, Pfarrer der Kreuzkirche, erinnert sich an die mühsamen Anfänge des Projektes. „Direkt neben unserem Pfarrhaus in der Karlstraße stand über Jahre hinweg eine Ruine, mit der niemand etwas anfangen konnte. Wir hätten das Areal gern gekauft, uns fehlten aber die Mittel und Möglichkeiten.“

Pfarrer Hinrich Müller begutachtet die frisch gegossene Bodenplatte. Schon im Herbst sollen hier die ersten Wohnungen fertig werden.
Pfarrer Hinrich Müller begutachtet die frisch gegossene Bodenplatte. Schon im Herbst sollen hier die ersten Wohnungen fertig werden. FOTO: Hilscher / LR

Irgendwann war die Ruine so baufällig, dass sie die Substanz des Pfarrhauses gefährdete. Es kam zur Zwangsversteigerung, die Gemeinde konnte das Objekt zu günstigen Konditionen erwerben. Das nächste Problem: „Wir mussten eine Bank finden, die unserer Idee vertraut“, erinnert sich Hinrich Müller. Immerhin musste das Geldinstitut einen fetten Kredit gewähren, ohne dass es mehr Sicherheiten als das Projekt an sich gibt. Die Kreuzkirchengemeinde verfügt über keinerlei Eigenkapital - und das Wohnprojekt ist mit 2,6 Millionen Euro veranschlagt.

Nach langem Suchen war eine Bank gefunden, die Planungen begannen. „Wir wollten hohe ökologische Standards, praktikable Grundrisse für die unterschiedlichen Lebensphasen und das alles zu Mietpreisen, die sich am ortsüblichen Schnitt orientieren“, so Müller.

Zwei Viergeschosser zwischen Karlstraße und Webschulallee sind geplant, die erste Bodenplatte ist bereits gegossen. Parallel zum Bauvorhaben werden die Gemeinderäume der Kirche saniert – mit einem großzügigen Zuschuss der Stadt.

Die Räume sollen später von den Mietern der Mehrgenerationenhäuser genutzt werden – für Feiern, Versammlungen, spontane Treffen. „Gerade in der ersten Zeit wird es viel Redebedarf geben“, schätzt Hinrich Müller. Denn wie in jeder neuen Partnerschaft muss auch hier ausgehandelt werden, welches Maß an Nähe und Abstand jeder zulassen möchte.

Die Details sollen die Projektteilnehmer unter sich aushandeln, der Grundgedanke aber sollte nicht aus den Augen verloren werden: Mit dem gemeinsamen Wohnen einen Weg zu suchen, soziale Kälte und Einsamkeit zu überwinden. Jeder lebt in den eigenen vier Wänden, dennoch soll der Nachbarschaftsgedanke deutlich stärker als in anderen Wohnformen zum Tragen kommen. „Da geht es ebenso um Hilfe beim Einkaufen für Senioren wie um Kinderbetreuung oder gemeinsame Feiern.“ Eine Gemeindezugehörigkeit ist nicht nötig, um die Mehrgenerationenhäuser zu beziehen.

„Wir hoffen natürlich darauf, dass sich tatsächlich Menschen unterschiedlichsten Alters für uns interessieren“, erzählt der Bauherr. Neben dem Vorzügen des Gemeinschaftswohnens kann die Anlage aus seiner Sicht mit vielen Vorteilen punkten: stadtnahe und doch ruhige Lage, Anschluss ans Straßenbahnnetz, Innenstadt und TKC fußläufig erreichbar. Acht Wohnungen sind barrierefrei, eine ist rollstuhlgerecht konzipiert.

Am kommenden Montag, 14 Uhr, lädt die Gemeinde zur feierlichen Grundsteinlegung. „Wir sind gespannt, wer sich von unserer Idee begeistern lässt“, sagt Hinrich Müller. Er selbst jedenfalls ist großer Fan des Mehrgenerationenwohnens. Mit seinen 63 Jahren hat er sich intensiv darüber Gedanken gemacht, wie er selbst im Alter leben möchte. „Eines ist ganz klar: Ich möchte mit Menschen zusammen sein, mich nicht in einer Wohnung verkriechen.“