Es trifft viele: Neun bis zwölf Prozent aller Kinder zwischen fünf und sieben Jahren sind nach Auskunft von Dr. Christa Dittmer, Ärztin der Kinderklinik im Cottbuser Krankenhaus, übergewichtig. Das Landesgesundheitsamt Brandenburg legt konkrete Zahlen vor: Im Jahr 2003 litten vier Prozent der Erstklässler-Jungen in Cottbus unter Adipositas – im Jahr 2000 waren es dagegen nur 2,6 Prozent. Auch Mädchen in den 10. Klassen von Cottbuser Schulen sind mehr und mehr betroffen: 5,4 Prozent im Jahr 2000, bereits sieben Prozent im Jahr 2003. So meldet das Bundesministerium für Verbraucherschutz und Ernährung: "Die Zahl übergewichtiger Kinder und Jugendlicher hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen, gerade auch in sozial schwächeren Bevölkerungsschichten."
Spott, Ausgrenzung, böswillige Anfeindungen. Ina Wünsche vom Cottbuser Gesundheitsamt weiß, was übergewichtige Kinder ertragen müssen. Sie besucht regelmäßig Cottbuser Schulen zu Ernährungsberater-Stunden – und dort hört sie sich die Klagen der Jungen und Mädchen an. "Die betroffenen Schüler wissen faktisch Bescheid über ihr Problem, sehen das Essen aber oft als Ersatzbefriedigung. Wegen der Hänseleien in der Schule sinkt ihr Selbstwertgefühl in den Keller."
An diesem Punkt setzen die "Kräftige Teenies"-Gruppen im SOS-Kinderdorf an. Mitarbeiterin Annette Hauk: "Statt Frust mehr Lebenslust, darum geht es." In den geschlossenen Gruppen sprechen die Kinder und Jugendlichen miteinander: Für eine kurze Zeit verlieren sie das Gefühl, Außenseiter zu sein. "Uns interessiert das Thema auch wegen eines Kinderärzte-Stammtisches in unserem Haus. Zudem gab es Bedarf seitens einiger Eltern, deren Kinder neun bis 13 Jahre alt sind und schon mehrere Kuren besucht haben."
Woran liegt es, dass die Zahl übergewichtiger Kinder in Cottbus steigt? Dr. Christa Dittmer von der Kinderklinik zählt zu den Gründern des Cottbuser Adipositas-Netzwerkes. Ihm gehören ambulante Ärzte, Krankenschwestern, Physiotherapeuten und Kinderpsychologen an. Sie sagt: "Das Essen im Familienkontext hat sich verändert. Am Kiosk kaufen Kinder kalorienreiche Lebensmittel, die Bewegung hat einen anderen Stellenwert, auch der Fernsehkonsum übt starken Einfluss aus." Dazu passt eine bundesweite Studie, die ermittelte: 30 Prozent der Kinder und Jugendlichen bevorzugen Chips und Erdnüsse für den Hunger zwischendurch.
90 Kinder kommen jährlich mit Übergewicht oder Adipositas ins Cottbuser Carl-Thiem-Klinikum – und die Hälfte von ihnen leidet bereits unter Bluthochdruck. Das ist noch lange nicht alles an Nebenwirkungen der ungesunden Ernährung. Hinzu kommen in vielen Fällen: Diabetes, Harnsäureerhöhung, Plattfüße, Hüftprobleme, Rückenbeschwerden.
Ein liebevoll zubereitetes Büfett mit Obst und Vollwertkost könne einen Anstoß zum Nachdenken über gesunde Ernährung geben, sagt Ina Wünsche vom Gesundheitsamt. Bei ihren Gesprächsrunden in Cottbuser Schulen zeigt sie den Kindern, wie man weniger kalorienreich essen kann – zum Beispiel, indem man statt des Schokoriegels eine Banane verspeist. "Viele erkennen dann, dass es so auch schmeckt", erklärt sie, "dass ein leckeres Essen ohne viel Aufwand gesund sein kann." Die Aufklärung helfe jedoch nicht viel, wenn sich in den Familien wenig bewege: "So lange dort kein Umdenken erfolgt, haben wir es schwer."
Dieses Umdenken erfordere wiederum viel Geduld, gibt die Cottbuser Ernährungsberaterin Katrin Neumann zu bedenken. Zu ihr kommen Eltern gemeinsam mit ihren Kindern, um sich über gesundes Essen aufklären zu lassen. "Man kann leider nicht in zwei Monaten ändern, was sich über Jahre aufgebaut hat."