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Kinder in den Tod begleiten

Christina Kurmann (l.), ihr Sohn Jan und Claudia Koal sind ein gutes Team im Kampf um ein schönes Leben – trotz Krankheit.
Christina Kurmann (l.), ihr Sohn Jan und Claudia Koal sind ein gutes Team im Kampf um ein schönes Leben – trotz Krankheit. FOTO: hil
Cottbus. Jan liebt Schlager und House Musik, guckt gerne Tatort und liebt Pizza. Jan ist 15 und unheilbar krank. Er lebt in einer Wohnstätte in der Taubenstraße, wird dort von seiner Mutter gepflegt. An ihrer Seite: eine Familienhelferin des Kinderhospizdienstes. Andrea Hilscher

Erst gestern war wieder so ein Tag. Christina Kurmann (38) stand hilflos am Bett ihres Sohnes Jan, der von hohem Fieber geplagt wurde. "Wir hatten schon alles probiert, die Temperatur in den Griff zu kriegen. Ich war ein einziges Nervenbündel", gibt die Cottbuserin offen zu. In ihrer Not rief sie Claudia Koal an, ehrenamtliche Familienbegleiterin des Kinder- und Jugendhospizdienstes in Südbrandenburg. "Claudia konnte mir Tipps geben, mich wieder beruhigen", sagt Christina Kurmann, lächelt der Helferin dankbar zu.

Heute sind beide Frauen an Jans Seite. Das Fieber ist gesunken, er lacht. Die drei wollen raus in die Stadt, Pizza essen. "Wir machen ganz normale Sachen zusammen, wollen eine schöne Zeit haben", sagt Claudia Koal. Sie ist ehrenamtliche Familienbetreuerin, begleitet Jan seit etwa einem Jahr. Jan leidet seit seiner Geburt an Muskeldystrophie Duchenne. "Seine Geburt war wunderschön, alles lief normal", erinnert sich seine Mutter. Nach ein paar Monaten bemerkte sie leichte Entwicklungsverzögerungen, etwas später kam die Diagnose. Jan ist unheilbar krank. Er lernte zwar greifen, stehen, laufen - doch irgendwann wurden seine Muskeln zu schwach. Längst ist er zu hundert Prozent auf Hilfe angewiesen. Er verbringt seine Zeit im Bett oder im Rollstuhl, kann nicht sprechen. Auch das Atmen fällt ihm zunehmend schwer.

Vor einem Jahr verschlechterte sich sein Gesundheitszustand. Auch im Krankenhaus konnte man ihm nicht mehr helfen. "Ich war völlig überfordert, wollte ihn ins Hospiz bringen", so Christina Kurmann. Dann erfuhr sie von der Möglichkeit, Jan vom ambulanten Kinderhospizdienst begleiten zu lassen - und so kam Claudia Koal ins Spiel.

Hauptberuflich Krankenschwester, wollte sie von ihrer Zeit und ihrer Kraft abgeben. Denen, die vielleicht nicht genug davon haben. Sie nahm an einer einjährigen Schulung der Johanniter teil, kümmert sich jetzt neben Jan noch um ein weiteres lebensbedrohlich erkranktes Kind.

Als sie ihre Arbeit bei Jan begann, war nicht absehbar, ob er sich noch einmal erholen würde. "Aber sein Zustand hat sich stabilisiert", freut sich Claudia Koal. "Wir können mit dem Rollstuhl raus an die frische Luft, eine schöne Zeit zusammen haben." Sein Gewicht, das zwischenzeitlich auf 34 Kilo gesunken war, liegt aktuell bei 36 Kilo - sorgsam kontrolliert von den Frauen an seiner Seite.

Claudia Koal besucht Jan wöchentlich, findet Zugang zu seiner Welt, schafft Vertrauen. Er lächelt, wenn sie mit ihm spricht, lässt sich beruhigen, wenn er sich einsam fühlt "Wenn es ihm schlecht geht, mag er nicht alleine sein", sagt Claudia Koal. Sie wird auch dann an seiner Seite sein, wenn sein Leben zu Ende geht.

"Natürlich nur, wenn er und seine Mutter das wollen", sagt die Helferin - und ruft damit sofort Christina Kurmann auf den Plan. "Denk gar nicht dran, Dich hier zu drücken, aus der Nummer kommst Du nicht mehr raus." Jans Mutter rettet sich in schwarzen Humor, wenn Gefühle anders kaum zu ertragen sind. "Wir gehen den Weg zusammen", sagt Claudia Koal. "Egal, wie lange es dauert, egal, was kommt."

Zum Thema:
Der Kinder- und Jugendhospizdienst der Johanniter betreut aktuell 17 Familien mit lebensverkürzend erkrankten Kindern in Südbrandenburg. Ihnen steht ein weltweit einzigartiges Sorgentelefon unter dem Namen "Oskar" zur Verfügung. Die kostenlose Hotline unter Tel. 0800/88884711 unterstützt Angehörige und Freunde von unheilbar kranken oder bereits verstorbenen Kindern.