Das zurückliegende Wochenende in Cottbus hat Polizisten, Versicherern und betroffenen Autobesitzern den Schweiß auf die Stirn getrieben. Diebe haben versucht, neun Autos zu stehlen. In vier Fällen scheiterten die Versuche, die Autos blieben beschädigt stehen. Fünf Fahrzeuge verschwanden – wahrscheinlich auf Nimmerwiedersehen. Die meisten stammen von der Marke Volkswagen.

Die Lage:

Von 1994 bis 2017 sind die Zahlen der gestohlenen Autos in ganz Deutschland insgesamt von rund 105 000 auf 17 500 gesunken. Das ergeben Daten des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft GDV. Der entstandene Schaden ist allerdings nicht im gleichen Maße gesunken. Richteten Autodiebe im Jahr 1994 noch umgerechnet 776 Millionen Euro Schaden an, waren es im vergangenen Jahr trotzdem noch 323 Millionen. Wie diese Zahl zustande kommt, erklärt der Cottbuser Kriminalhauptkommissar Henry Rasch: „Wir erleben eine zunehmende Professionalisierung in diesem Bereich. Es sind verstärkt Banden unterwegs, die es auf hochwertige Autos abgesehen haben.“

Ganz vorn auf der Wunschliste der Diebe stehen die deutschen Marken Volkswagen, Audi, BMW und Mercedes. Das schlägt sich auch in der Statistik nieder. Laut GDV verschwanden im vergangenen Jahr 3606 VW, 3047 Audi, 2602 BMW und 1737 Mercedes. Auf Platz 5 der unrühmlichen Klauhitliste folgt mit großem Abstand dann Mazda mit 878 Fahrzeugen. Laut Polizei sind dies allerdings auch die Automarken mit den meisten Zulassungen in Deutschland. Auch in der Lausitz sind die Zahlen seit Jahren sinkend. Wurden im Jahr 1996 im Bereich der Polizeidirektion Süd 2171 Fahrzeuge entwendet, sank diese Zahl bis 2017 auf 526 Autos.

Die Polizei beunruhigt allerdings eine andere Zahl aus der Statistik. 2171 geklauten Autos im Jahr 1996 standen 1493 gescheiterte Versuche gegenüber, also 40 Prozent der Diebe gingen leer aus. Im vergangenen Jahr scheiterten mit 174 Versuchen nur noch 25 Prozent der Straftäter. Auch das begründet die Polizei mit der steigenden Professionalität der Diebe.

Die Tricks der Autodiebe:

Laut Kriminalhauptkommissar Henry Rasch gehen die Diebe bei ihren Straftaten vor allem drei Wege. Der erste Weg zum Erfolg führt über den Funkstreckenverlängerer. Moderne Fahrzeuge lassen sich meist ohne den herkömmlichen Zündschlüssel öffnen beziehungsweise starten. Es reicht aus, wenn sich der Fahrer mit dem Schlüssel in der Tasche dem Fahrzeug nähert. Diese Systeme werden je nach Hersteller als Keyless Go oder Keyless Access bezeichnet. Laut Polizei sind hier für einen Diebstahl zwei Täter notwendig.

Und so gehen sie vor: Ein Täter steht direkt am Fahrzeug und übernimmt mit einem speziellen Gerät das Suchsignal des Fahrzeugs. Dieses scannt ja permanent seine Umgebung, ob sich der Fahrer mit dem Schlüssel von irgendwo nähert. Dieses Signal wird dem zweiten Täter, welcher sich an der Hauseingangstür beispielsweise eines Eigenheimes oder Reihenhauses positioniert hat, zugeleitet. Er stellt mit einem weiteren technischen Gerät die Verbindung zum Fahrzeug­schlüssel her. Dieser liegt vermeintlich sicher in der Wohnung des Eigentümers. Dem Auto wird suggeriert, der rechtmäßige Nutzer ist mit dem Originalschlüssel im Empfangsbereich am Pkw und dieser kann gestartet werden. Sobald der Motor einmal läuft, ist keine Verbindung zwischen Pkw und Schlüssel mehr notwendig. Ist der Motor allerdings einmal aus, kann er nicht noch einmal neu gestartet werden. Das Signal kann von den Dieben über mehrere Hundert Meter verlängert werden. „Die Geräte, die die Diebe für diese Signalüberbrückung nutzen, haben vor Jahren mal 30 000 Euro gekostet. Mittlerweile sind sie auf dem Markt für viel weniger Geld zu haben”, weiß Henry Rasch.

Eine weitere Diebstahlmöglichkeit führt über die OBD-Buchse. Über diesen Anschluss kommen Werkstätten an die mittlerweile unzähligen elektronischen Bestandteile eines Fahrzeugs, um beispielsweise Fehler auszulesen. Aber auch Diebe nutzen diesen Zugang. Hier werden von den Tätern Rechner mit spezieller Software angeschlossen und beispielsweise die Wegfahrsperre deaktiviert. Das dauert nur Sekunden und der Wagen ist weg. „Je mehr Technik in einem Wagen verbaut ist, desto mehr Angriffspunkte bieten sich”, schildert Henry Rasch das Problem.

So arbeiten die Banden:

Die zunehmende Professionalität der Autodiebe macht der Polizei zu schaffen. Immer häufiger sind Banden aus Osteuropa am Werk. Als Kopf einer solchen Bande fungiert ein Auftraggeber. Dieser gibt eine Auftragsliste mit Automodellen an Späher weiter. Diese touren durch die Städte und kundschaften aus, wo einer der gewünschten Wagen steht. Der Standort wird an den eigentlichen Dieb weitergeleitet. Dieser ist nur dafür da, den Wagen zu öffnen und den Motor zu starten. Jetzt kommt der Kurier ins Spiel. Dessen Aufgabe ist es, den Wagen vom Ort der Tat zu seinem Bestimmungsort zu bringen. Abgeschirmt wird dieser Kurier häufig noch durch ein weiteres Fahrzeug. Die Polizei bezeichnet diesen Fahrer als Piloten. Er fährt vor dem gestohlenen Auto, schirmt den Kurier ab, indem er ihn beispielsweise vor Polizeikontrollen warnt. „Wenn wir mal jemanden schnappen, ist das meist nur der Kurier. Da die einzelnen Leute sich in der Bande oft gar nicht kennen und kaum miteinander kommunizieren, ist es für uns schwierig, an die Hintermänner zu kommen,“ beschreibt Bettina Groß, Leiterin der Polizeiinspektion Cottbus/Spree-Neiße, die Lage. Entsprechend schwierig sei es, den Tätern ein bandenmäßiges Vorgehen nachzuweisen, um eine höhere, möglicherweise abschreckende Strafe zu erwirken.

Die Aufklärungsquote bei Kfz-Diebstählen im Bereich der Polizeidirektion lag im Jahr 2017 bei 16 Prozent. In den Jahren zuvor lag sie bei 20 Prozent, vor der Grenzöffnung zu Polen im Jahr 2007 sogar bei 30 Prozent. Polizeisprecher Maik Kettlitz zu den Gründen: „Erstens haben wir weniger Diebstahlsversuche und damit weniger Autos mit verwertbaren Spuren. Außerdem ist der Weg von Cottbus bis zur Grenze für einen Dieb sehr kurz. Da haben wir wenig Zeit, den zu erwischen.“ Meist vergehe ja schon einige Zeit, bis der Diebstahl überhaupt bemerkt werde. Und obwohl die Zusammenarbeit mit den polnischen Kollegen laut Einschätzung der Cottbuser Polizisten sehr gut ist, sei es sehr schwierig, ein Auto in Polen wiederzufinden.

Die Polizei geht neue Wege:

Angesichts dieser Situation beschreitet die Polizei in der Lausitz neue Wege. Ein erster Schritt wurde dafür Anfang dieser Woche getan. In einer gemeinsamen Veranstaltung der Polizei und der Kfz-Innung wurden die Betreiber von Autowerkstätten über das Thema Kfz-Kriminalität informiert. In der Kraftfahrzeugsinnung Cottbus sind etwa 350 Werkstätten von Guben bis Herzberg und Spremberg bis Königs Wusterhausen organisiert. Henry Rasch: „Wir stellen uns die Frage: Wie können wir es den Dieben etwas schwerer machen? Klar ist aber auch, dass es 100-prozentige Sicherheit nie geben wird.“ Und so informierten die Spezialisten der Cottbuser Polizei und des Landeskriminalamtes die Werkstattbetreiber über Arbeitsweise der Diebe, stellten Zahlen vor und diskutierten. Zudem wurden Bauteile vorgestellt, die in Fahrzeugen nachgerüstet werden können und so die Sicherheit erhöhen und Diebe abschrecken sollen. Gerhard Surk, Geschäftsführer der Kfz-Innung, aus Lübben: „So eine Veranstaltung ist auch für uns sehr interessant. Wir haben zwar häufig mit den Folgen von missglückten Diebstählen zu tun, aber wie die Täter arbeiten und welche Techniken sie anwenden, ist für uns oft neu.“ Weitere Veranstaltungen dieser Art sollen folgen. Auch eine Infoveranstaltung für Bürger ist geplant.

So können sich Autofahrer schützen:

Die Möglichkeiten sich zu schützen, sind so vielfältig wie die Markenpalette unter den Kfz selbst. Diverse Firmen bieten Nachrüstungen wie etwa eine Wegfahrsperre über der Gangschaltung an. Um diese zu umgehen, müsse ein Dieb etwa 30 Minuten mit einer Flex im Auto arbeiten. Die OBD-Buchse kann mit einem zusätzlichen Schloss abgesichert werden. Warum die meisten Autohersteller solchen Schutz nicht selbst anbieten, ist unklar. Ein Lausitzer Werkstattbetreiber, der namentlich nicht genannt werden will, mutmaßt: „Für den Hersteller ist jedes geklaute Auto doch auch ein neu gekauftes Auto.“

Im Bereich der Keyless-Go-Technik haben einige Hersteller mittlerweile reagiert. So gibt es laut Polizei bei Mercedes und BMW auch wieder Modelle mit herkömmlichem Schlüssel zu kaufen. Zudem lässt sich bei den meisten Marken die Technologie über den Bordcomputer oder in einer Werkstatt wieder deaktivieren. Auch Kästen, aus denen das Funksignal des Schlüssels nicht „entweicht“, sind auf dem Markt.