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| 10:07 Uhr

Interview mit Kettcar-Gitarrist Erik Langer
„Wir glauben, es geht nur gemeinsam“

 Keyboarder Lars Wiebusch (v.li.), Schlagzeuger Christian Hake, Sänger Marcus Wiebusch, Gitarrist Erik Langer und Bassist Reimer Bustorff sind Kettcar. Die Band wird am Samstag,16. März, im Gladhouse auftreten.
Keyboarder Lars Wiebusch (v.li.), Schlagzeuger Christian Hake, Sänger Marcus Wiebusch, Gitarrist Erik Langer und Bassist Reimer Bustorff sind Kettcar. Die Band wird am Samstag,16. März, im Gladhouse auftreten. FOTO: Andreas Hornoff
Cottbus. Am Samstag spielt Kettcar in Cottbus. Gitarrist Erik Langer spricht über den Zustand der Gesellschaft, das aktuelle Album und Musik. Von Lydia Schauff

Cottbus „Ich vs. Wir“ lautet der Titel des aktuellen Albums von Kettcar, laut Kritikern eines der politischsten der deutschen Indie-Rock-Pop-Band. Fünf Jahre hat die Band ein Pause gemacht und ist nun wieder auf Tour. Am Samstag, 16. März, ist Kettcar im Gladhouse Cottbus zu Gast. Die RUNDSCHAU hat vorab mit Gitarrist Erik Langer gesprochen.

Erstmal vorweg: Wie ist es, wieder auf Tour zu sein?

Langer Super, deswegen machen wir das ja alles, um Konzerte zu spielen.

Während der aktuellen Tour in Cottbus zu spielen – war das eine dezidierte Entscheidung oder hat sich das so ergeben?

Langer Das ist jetzt in meiner Erinnerung mindestens das dritte Mal, dass wir in Cottbus spielen. Und wenn es einmal gut war, dann kommen wir immer wieder gerne. Insofern, wenn es passt, sind wir immer sehr gerne im Gladhouse.

Die Auseinandersetzungen zwischen Ausländern und Cottbusern waren also kein Anlass? Ihr habt bei dem Thema ja eine klare Haltung.

Langer Nein, das war jetzt nicht der Fall. Das ist sicherlich auch nur ein kleiner, sehr ärgerlicher Teil von Cottbus. Unser Hauptding, weshalb wir in Cottbus spielen, ist: Wir wollen Konzerte spielen, und wir wissen, dass in Cottbus viele Leute sind, die Lust haben, mit uns einen Abend zu verbringen. Das ist derselbe Grund, weshalb wir auch in andere Städte reisen, um dort die Bühnen zu bespielen.

Ihr seid ja auch in Jamel gewesen, das auch als Nazidorf bezeichnet wird? Wie war das?

Langer Die Anreise war schon komisch. Normalerweise kommen wir mit unserem Bus an, fahren direkt zum Club, laden aus und gehen auf die Bühne. Da war das anders. Da haben wir den Tag in einem Hotel etwa 40 Kilometer entfernt verbracht, und abends zwei Stunden vorm Konzert kamen dann zwei abgedunkelte, schwarze Shuttles vom Festival, haben uns abgeholt und sind mit uns zum Festivalgelände gefahren. Und kurz vorm Festivalgelände wurden wir von Polizei rausgewunken und durchsucht und dann zum Gelände vorgelassen. Also, es ist schon ganz schön verrückt, was es für Parallelrealitäten mitten in Deutschland gibt.

Während des Konzerts habe ich einmal kurz daran gedacht, dass hinter dem Zaun direkt der Dorfplatz kommt. Und dann sieht man da schon die Reichskriegsflaggen wehen, und weiß, was für Idioten da zu Hause sind. Da hab’ ich schon kurz darüber nachgedacht, wie das ist, dass die jetzt unsere Musik hören. Direkt vor uns hat Herbert Grönemeyer gespielt und auch ein paar knallharte Ansagen gemacht.

Bekommt Ihr viel Gegenwind von rechts? Etwa auf Facebook.

Langer Sicher auch, aber ich verfolge das gar nicht so im Detail. Uns ist bewusst, dass die Leute, die da ihre Kommentare im Netz ablassen, einige wenige, aber leider sehr laute Schreihälse sind, die nichts Fundiertes beizutragen haben.

Ein Euro von jedem verkauften Ticket Eurer Tour geht an die gemeinnützige Initiative Seawatch, die sich der zivilen Seenotrettung von Flüchtenden an Europas Grenzen verschrieben hat: Treibt Euch das Thema Flüchtlinge sehr um? Auf Euerm neuen Album Ich vs. Wir befasst sich ja auch ein Song mit der Flucht von Ost nach West.

Langer Ja, natürlich beschäftigt es uns sehr stark. Wie können wir hier leben – mit dem Wissen, dass Menschen aus ihrer Not heraus fliehen müssen und auf dem Weg nach Europa sterben. Obwohl wir die Macht und die Möglichkeit hätten, diese Menschen vor dem Tod zu bewahren, aber wir tun es nicht. Das ist etwas, was uns sehr umtreibt. Und wir versuchen, einen kleinen Beitrag zu leisten, um das Richtige zu tun. Und das heißt, erstmal nur den Tod dieser Menschen zu verhindern.

Darum geht es ja auch in unserem Lied Sommer 89. Auch, wenn es da um Ost, West und das Jahr 1989 geht und um eine andere Grenze und um andere Fluchtursachen. Aber das ist die Parallele, die in dem Song aufgezeigt wird. Wenn Menschen Hilfe brauchen, dann hilf ihnen, denn das macht uns zu Menschen. Lieber erstmal was tun und dann hinterher diskutieren.

Gibt es noch etwas anderes, was Euch thematisch im Moment mit Blick auf die Gesellschaft umtreibt?

Langer Ja, wir leben in hochpolitischen Zeiten. Wir leben in Zeiten, wo einige Vorstellungen vom Zusammenleben und von der Zukunft, wie wir sie vielleicht noch in den 90er-Jahren hatten, zusammenbrechen. Es gibt starke Wandlungen in unserer Lebensrealität.

Zum Beispiel: Auf unserer neuen EP gibt es einen Song, der heißt Palo Alto, in dem es um die Digitalisierungsverlierer geht. Das ist ein total fiktiver Song über ein paar Verrückte, die sagen: So, Job weg, Geld weg, komm, wir machen uns zusammen auf den Weg nach Palo Alto mit Benzinkanister und Streichhölzern und brennen alles nieder. Das ist natürlich total übertrieben und plakativ und wir wollen auch niemanden dazu auffordern, dies zu tun. Das ist einfach nur eine Überspitzung, um dieses Thema in einem Drei-Minuten-Song zu behandeln.

Was ich mit Blick auf die ganzen Gesellschaftsentwicklungen spannend finde: Warum heißt Euer aktuelles Album denn Ich vs. Wir und nicht etwa Ich und Wir?

Langer Der Titel soll kurz gesagt die Frage aufwerfen: In welcher Gesellschaft wollen wir denn leben? In einer Gesellschaft, in der es stark um das Individuum geht, wo jeder seine eigenen Interessen ganz vorne anstellt? Oder in einer Gesellschaft, in der wir gemeinsam versuchen, die Dinge in Angriff zu nehmen? Unsere Position ist klar: Wir glauben, es geht nur gemeinsam.

Unsere neue EP heißt angelehnt daran: „Der süße Duft der Widersprüchlichkeit (Wir vs. Ich)“. Wir alle führen ein Leben voller Widersprüche. Wir wissen, wie viel Schaden und Probleme wir mit unserem Lebensstil für nachfolgende Generationen anrichten, aber wir ändern nichts oder nur minimal etwas, und das viel zu langsam. Ein schlauer Mensch hat es mal so gesagt: Es gibt kein richtiges Leben im falschen.

Ihr seid ja viel unterwegs, Eure Texte sind sehr politisch. Merkt Ihr Unterschiede bei den Reaktionen zwischen Ost und West?

Langer Ich würde eigentlich sagen, nein, es macht keinen Unterschied. Allerdings war es bei unserer Tour im letzten Jahr schon zu spüren, dass der Song „Sommer 89“ einige Menschen emotional doch nochmal besonders abgeholt hat in Städten wie Rostock, Magdeburg, Leipzig oder Dresden, wo wir gespielt haben. Das war schon auffällig. Ansonsten konnten wir da keine großen Unterschiede feststellen, das freut mich zu sagen.

Was für Songs spielt Ihr, wenn Ihr in Cottbus seid? Ich habe gehört, dass Ihr da immer variiert?

Langer Ja, nach Möglichkeit machen wir das. Diesmal haben wir allerdings drei befreundete Bläser dabei und mit denen haben wir ein paar von unseren Songs einstudiert. Das bringt die Songs nochmal auf ein anderes Level. Da ist klar, dass wir diese Songs mit denen auf jeden Fall spielen. Aber wir haben eine schöne Setlist zusammengestellt. Wir spielen auch brandneue Songs, auch von der neuen EP, und ich hoffe, dass wir damit für etwas Kurzweil sorgen werden.

Bläser ist ein gutes Stichwort. Hättet Ihr mal Bock, so richtig was mit großem philharmonischen Orchester zu machen?

Langer Ja, tendenziell haben wir immer Lust auf was Neues, was Anderes. Wir haben auch schon mal eine Tour mit einem Streichquartett gemacht und in Theatersälen und Kirchen gespielt. Und haben da auch ganz tolle Erinnerungen daran, das war sehr besonders. Über Orchester haben wir aber so noch nicht nachgedacht. Müsste man mal gucken. Aber spontan würde ich sagen, dass einige Songs sich durchaus dafür eignen würden.

Die Gitarre spielt ja in Eurer Musik eine sehr tragende Rolle, steht aber nicht extrem im Vordergrund. Mich würde mal interessieren, ob Du gerne mal einen Song hättest, wo Du so ein richtiges, geiles Gitarrensolo spielen kannst.

Langer Geiles Gitarrensolo? Gerne! Es gibt zum Beispiel so ein bisschen Gitarrensolo im Song „Revolver entsichern“; den wir auch in Cottbus spielen werden, aber das ist dann eher so ein Kettcar-Gitarrensolo. Also jetzt nicht so Steve Vai oder Eddie van Halen oder wie die ganzen Gitarrengötter heißen. Aber es ist auch nicht so mein Hauptding. Gitarrensolos können toll sein, aber noch mehr interessiere ich mich für einen guten Song.

Gibt es jemanden, mit dem Ihr gerne unbedingt mal zusammen Musik machen würdet?

Langer Ja, natürlich. Aber das ist dann eher utopisch. Mit Bands, die wir lieben über viele Jahre hinweg und die uns beeinflusst haben, wie etwa The National aus den USA oder Phoenix aus Frankreich, Soufjan Stevens. Oder Kendrick Lamar, ist auch cool.

Es gibt so wahnsinnig viele Bands und Musiker international, die für uns wichtig sind. Ich weiß gar nicht, ob wir uns da jetzt auch auf eine Band einigen könnten.

Zwischen dem aktuellen Album und dem Album davor habt Ihr Euch viel Zeit gelassen. Fünf Jahre. Und wie ist das jetzt, bleibt ihr dran?

Langer Ja, wir bleiben total dran. Wir haben letztes Jahr eine große Tour gemacht und viele Konzerte gemacht. Wir sind jetzt wieder viel unterwegs. Und wir haben die Winterpause genutzt, um fünf neue Songs aufzunehmen, die wir jetzt nach und nach veröffentlichen. Und ja, wir arbeiten auch an neuen Songs, die dann wahrscheinlich in Form einer nächsten Platte veröffentlicht werden.