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Keiner hat sie je wieder gesehen

Stolpersteine zum Gedenken an Familie Stenschewski.
Stolpersteine zum Gedenken an Familie Stenschewski. FOTO: mih1
Cottbus. Am Schlosskirchplatz schlägt das Herz der Cottbuser Altstadt. Aber die Heiterkeit eines Frühlings-Stadtbummels gerät vor dem Gebäude Nummer 3 ins Stocken. Erika Pchalek / epk1

Wir werden an eine grausame Vergangenheit erinnert. Stolpersteine berichten von Verderben und Tod.

Von Rogasen nach Cottbus

1923 kamen Moritz und Martha Stenschewski mit ihren drei Töchtern aus Rogasen - polnisch Rogozno, in der Nähe von Poznan gelegen - nach Cottbus. Vater Moritz erwarb das Haus am Schlosskirchplatz 3 und übernahm gleichzeitig die Fleischerei im Gebäude. Ruhig floss das Leben dahin. 1932 fiel ein dunkler Schatten auf die Familie - im Frühling starb Tochter Adele mit 18 Jahren. 1936 zog die Tochter Josefine nach Wittenberge. Die Eltern blieben mit Auguste in Cottbus zurück.

Der wahre Horror begann für die jüdische Familie nach der faschistischen Reichspogromnacht. In dieser berüchtigten Nacht vom 9. zum 10. November 1938 wurden überall im Land die Synagogen niedergebrannt, jüdisches Eigentum zerstört, jüdische Bürger misshandelt. Auch in Cottbus. Moritz Stenschewski wurde mit 29 weiteren Leidensgefährten verhaftet und in das KZ Sachsenhausen deportiert. So mancher hat die Haft nicht überlebt oder starb an ihren Folgen. Moritz Stenschewski kam am 20. Dezember wieder frei. Zu Hause kam neues Ungemach: 1800 Reichsmark Judenvermögensabgabe waren zu zahlen. Diese "Sühneleistung" für "die feindliche Haltung des Judentums gegenüber dem deutschen Volk" war in vier Raten zu entrichten. Moritz Stenschewski musste die Fleischerei aufgeben. Ende 1938 untersagte ein Gesetz jüdischen Bürgern die Führung von Betrieben und Einzelhandelsverkaufsstellen. Stenschewskis verkauften ihr Haus am Schlosskirchplatz und zogen in die Roßstraße 27. Neues Unglück kam über die Familie. Im April 1940 wurde die Tochter Auguste wegen "gemeingefährlicher Geisteskrankheit" in die Landesanstalt Sorau gebracht. Die Untersuchung führte auf Drängen der Polizeibehörde ein Arzt des Cottbuser Gesundheitsamtes durch. Schon am nächsten Tag wurde die junge Frau in die Klinik eingeliefert. Lange erfuhren die besorgten Eltern nichts über den Verbleib der Tochter. Schließlich erreichte sie die Todesnachricht. Am 11. November 1940 sei Auguste " in der Irrenanstalt Cholm bei Lublin" verstorben. Sie war 25 Jahre alt.

Ins Getto Warschau deportiert

Die Angaben waren aber falsch. In Wirklichkeit starb Auguste in der "Landespflegeanstalt Brandenburg a.H." Hinter dieser Bezeichnung verbarg sich ein Euthanasie-Mordzentrum. In einer ehemaligen Ziegelsteinscheune wurden hier 1940 mehr als 9000 behinderte und psychisch kranke Menschen vergast. Unter den Opfern war Auguste Stenschewski. Ihre Eltern Moritz und Martha Stenschewski wurden am 2. April 1942 mit 59 und 64 Jahren in das Warschauer Getto deportiert. Keiner hat sie je wieder gesehen.

Quellen: AG Stolpersteine, Dokumentation "Lebensgeschichten jüdischer Familien in der Stadt Cottbus insbesondere während der NS-Zeit"

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