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| 19:20 Uhr

Zweiter Termin des Jahres im Stadthaus
„Keiner hat gesagt, dass es leicht wird“

 Volles Haus beim zweiten Bürgerdialog der Stadt Cottbus in diesem Jahr. Es ging um Strukturwandel, den Ostsee und hin und wieder auch hoch her.
Volles Haus beim zweiten Bürgerdialog der Stadt Cottbus in diesem Jahr. Es ging um Strukturwandel, den Ostsee und hin und wieder auch hoch her. FOTO: LR / Daniel Schauff
Cottbus. Leitbild kontra konkrete Maßnahmen – Beim Bürgerdialog in Cottbus diskutieren Gäste und Podium über Strukturwandel und Ostsee. Von Daniel Schauff

„Leitbild“, er könne das nicht mehr hören, sagt Joachim Käks (CDU), Stadtverordneter und Gast beim zweiten Bürgerdialog der Stadtverwaltung am Dienstagabend. Hinter Käks und den zahlreichen Gästen, die fast den gesamten Saal im Stadthaus füllen, liegt eine Stunde Strukturwandel, eine Stunde Ostsee.

Beides hat die Stadt zum Thema gemacht, den Ostseemanager Stefan Korb, den Geschäftsführer der Wirtschaftsregion Lausitz (WL), Torsten Bork, aufs Podium geholt. Gerade hat Christoph Biele, der Projektleiter der Zukunftswerkstatt Lausitz bei der WL, seinen Vortrag beendet. Das Ziel sei ein Leitbild für die Lausitz bis 2020, hat er gesagt. Und Käks damit vom Sitz geholt. Konkrete Maßnahmen aber sind das, was die Cottbuser am Dienstagabend fordern. Das Geld vom Bund kommt, aber was macht Cottbus, was macht die Lausitz damit?

Das Leitbild sei wichtig, sagt Biele. Allein damit die Lausitz als Kohleregion geschlossen mit einer Stimme auftrete. „Wir brauchen eine Grundlage“, sagt der Projektleiter. Der Cottbuser Oberbürgermeister Holger Kelch (CDU) stellt klar: „Wir werden unsere Stadt so aufstellen, dass wir Fördermittel abrufen und einsetzen können.“ Heißt: Personalzuwachs – und das noch in diesem Jahr. „Wir müssen uns ein Stück weit selber helfen“, sagt der Oberbürgermeister. Die Position der kreisfreien Stadt Cottbus sei eine günstige. Kelch: „Ich muss keinen Landrat fragen.“

„Wir müssen klare Projekte und Ideen in der Schublade haben“, fordert Tobias Schick, Geschäftsführer des Cottbuser Stadtsportbundes. Ein bis zwei klare Fakten hätte er sich am Dienstagabend gewünscht. „Fakten, die uns nach vorne bringen.“ Die reine „Situationsbeschreibung“ der vergangenen Stunde tue das nicht. Projekte, sagt Kelch, gebe es in der gesamten Lausitz. Die müssten sortiert werden. Konkrete Maßnahmen – die verspricht Kelch für einen zweiten Teil des Bürgerdialogs zum Thema Strukturwandel. Ein spontanes Angebot vom Rathauschef, das die Cottbuser ganz offenbar gern annehmen. Termin? Noch offen.

„Was passiert mit den Kumpeln?“, will Richard Schenker wissen. Weit über 20 000 Arbeitsplätze in der Lausitz hängen an der Kohle – gut bezahlte Arbeitsplätze. Was passiert nach dem Ausstieg? „Ich glaube, wir bräuchten viel mehr Arbeitsplätze für die gleiche Wertschöpfung“, sagt Borke. Der Kohleausstieg komme, damit müsse die Kohleregion Lausitz nun umgehen, das müssten die Betroffenen akzeptieren. „Ich glaube aber, die Betroffenen würden es nie akzeptieren, wenn es für ihre Kinder und Enkel keine Perspektiven gäbe.“

Diese Perspektiven seien es, die im Leitbild festgehalten werden müssten. „Bild“ sei der wichtige Teil des Wortes, das Leitbild zeichne ein mögliches Bild der Zukunft. „Ein Leitbild verstehe ich als Prozess“, sagt der WL-Chef.

Der Ostsee, das scheint Konsens am Dienstagabend, wird nicht die einzige Cottbuser Reaktion auf den Strukturwandel und den Kohleausstieg bleiben. Denis Kettlitz, Vorsitzender des Ostsee-Fördervereins, bringt es auf den Punkt: „Der Ostsee ist nicht die Antwort auf den Strukturwandel, aber ein wichtiger Baustein.“ Die Stadt schlecht zu machen, helfe der Entwicklung nicht weiter. Korb sieht das ähnlich. Die Stadt tot zu reden – eine solche Einstellung sei schädlich. Zuvor hatte ein Gast eine düstere Zukunftsprognose gezeichnet, sinngemäß, dass mit dem Kohleausstieg die Region am Ende sei. Petra Weißflog, Sachkundige Einwohnerin für die Grünen im Bildungsausschuss der Stadt, reagiert: Nur wenn es so weitergehen würde wie jetzt, dann wäre irgendwann Schluss. Einzig Konzepte vermisse sie. Für die aber, sagt Kelch, fehle der Stadt derzeit leider das nötige „Spielgeld“. Konzepte kosten, die Haushaltslage der Stadt: mehr als angespannt.

Die Konzepte aber sollen kommen, die Fachkräfte auch. Das zumindest fordert der Stadtverordnete Hans-Joachim Weißflog (Grüne). „Wir müssen Fachkräfte für die Region gewinnen“, sagt er. Die Miesmacherei der Stadt sei da sehr kontraproduktiv.

Der Ostsee kommt auch – als das wichtigste Infrastrukturprojekt der Stadt. Immerhin, mit ihm werden auch große Teile der Stadt überplant.

Zwischen Sandow und dem See soll ein urbanes Gebiet dort entstehen, wo heute Industriebrachen stehen. „Das ist Strukturwandel in seiner reinsten Form“, sagt Ostseemanager Stefan Korb. Der See alleine werde keine Besucherströme aus dem ganzen Land nach Cottbus locken. „Mehr als 60 Minuten fährt ein Tagesgast nicht“, sagt Korb. Es sei denn, das Gesamtpaket stimmt. Hammergraben, Spree sollen mit dem See verbunden werden, wassernahe Grundstücke nicht nur Besucher, sondern auch neue Cottbuser locken.

Klar, Arbeitsplätze seien das A und O, aber auch die weichen Standortfaktoren zählten. „Der Ostsee“, sagt Korb, „ist unsere große Chance.“ – Noch bevor Wasser in den ehemaligen Tagebau läuft. Korb betont aber auch: „Keiner hat gesagt, dass es leicht wird.“