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Karate-Schlag gegen Spinner im Lausitzer Kiefernwald

Eklige Raupen des Kiefernspinners hatten die Kiefernwälder radikal kahl gefressen.
Eklige Raupen des Kiefernspinners hatten die Kiefernwälder radikal kahl gefressen. FOTO: Oberförsterei
Peitz. Ein unbeabsichtigter, forstwirtschaftlicher Großversuch endete im vergangenen Jahr auf riesigen Waldflächen in der Lausitz im Desaster. Kiefernspinner und Nonnen fraßen vor allem in der Lieberoser Heide ganze Kiefernbestände kahl. Die Katastrophe soll sich in diesem Jahr nicht wiederholen. Dabei ist Hilfe in Sicht, nicht nur aus der Luft. Jan Siegel

Die Feinde sind längst im Anmarsch. Millionen hungrige Raupen des tückischen Kiefernspinners haben die Wintermonate im warmen Humusboden der Kiefernwälder in der Lieberoser Heide verbracht. Jetzt aber treibt sie der Appetit in die Höhe. Mit der steigenden Frühlingssonne krabbelt auch die haarige Nachkommenschaft des Forstschädlings an den Stämmen der märkischen Kiefern empor. Ihr Ziel sind die Baumkronen, wo es die Spinner-Raupen auf die frischen grünen Triebe der Bäume abgesehen haben.

Im vergangenen Jahr haben Forstschädlinge wie Kiefernspinner und die ebenso gefährliche Nonne in einigen Waldgebieten im Süden Brandenburgs ganze Arbeit geleistet. Vor allem in den Naturschutzgebieten der Reicherskreuzer Heide und der Lieberoser Endmoräne spielten sich in den Wäldern teils gespenstische Szenen ab (siehe Video).

Hauptgrund dafür war ein ideologischer Streit zwischen Lausitzer Forstwirten und Waldbesitzern auf der einen Seite und dem Umweltbundesamt auf der anderen. Die Bundesumweltschützer hatten den Einsatz chemischer Schädlingsbekämpfungsmittel in Naturschutzgebieten grundsätzlich untersagt. Und so glichen am Ende des Sommers 2014 weite Teile der unter Naturschutz stehenden Flächen rund um Lieberose (Dahme-Spreewald) einem ökologischen Notstandsgebiet.

Der Aufschrei war unüberhörbar. Nachdem die RUNDSCHAU über die Situation berichtet hatte, rauschte es auch im überregionalen Blätterwald kräftig. Der Tenor dabei war deutlich: Offenbar hatten die Bundesumweltschützer die Situation im Süden Brandenburgs komplett unterschätzt. Große Naturschutzgebiete in der Lausitz haben nämlich wenig zu tun mit dem verklärten Idealbild von unberührter Natur. Auf einem früheren russischen Truppenübungsplatz rund um Lieberose stehen auch riesige Kiefern-Monokulturen unter Schutz, die seit vielen Jahrzehnten intensiv als Wirtschaftswälder genutzt worden waren. Keine Mischwaldbarrieren verhindern dort den Durchmarsch von Kiefernspinner und Nonne.

Nach den katastrophalen Zuständen im vergangenen Jahr, hat das Umweltbundesamt - dessen Führung inzwischen auch gewechselt hat - seine Totalverweigerung aufgegeben. Ab diesem Jahr ist den Lausitzer Forstleuten in besonderen Ausnahmefällen der Einsatz der "chemischen Keule" mit der vielsagenden Bezeichnung "Karate Forst flüssig" auch auf Naturschutzflächen möglich. "Eine entsprechende Zulassung liegt vor", sagt Barbara Schubert, die Chefin der Oberförsterei Cottbus.

Die leitende Forstingenieurin hatte jetzt Waldbesitzer an ihren Dienstsitz nach Peitz (Spree-Neiße) eingeladen. Dort informierte Schubert über die in diesem Jahr geplante Vorgehensweise (siehe Infokasten). Seit Monaten beobachten die Forstleute akribisch, was in Sachen Schädlingsbefall in den südbrandenburgischen Wäldern passiert. Neben der klassischen und sehr mühevollen "Winterbodensuche", haben sie Hunderte Leimringe an Kiefernstämme geklebt und immer wieder Satelliten-Bilder ausgewertet. Im winterlichen Waldboden fahndeten die Forstleute nach überwinternden Schädlingen. Von den Leimringen sammelten sich aufstrebende Spinner-Nachkommen und auf Fotos aus dem Orbit konnten sie erkennen, wo die meisten Baumkronen schon keine Nadeln mehr hatten.

Barbara Schubert und ihre Mitarbeiter haben eine Strategie erarbeitet, wie sie in diesem Jahr auf böse Überraschungen in den Wäldern vorbereitet sein wollen. Dabei geht es keineswegs nur um Einsätze mit der großen "Giftspritze". Die soll sehr dosiert und nur mit großer Vorsicht auch außerhalb der Naturschutzzonen eingesetzt werden. So mancher Waldbesitzer wünschte sich da auch in dieser Woche in Peitz ein großzügigeres Vorgehen. Aber darauf konnte und wollte sich Oberförsterin Barbara Schubert nicht einlassen.

Ja, sie werden eine Zone festschreiben, in der, wenn nötig, mit einem Hubschrauber und dem chemischen "Karate"-Schlag gegen die Schädlinge vorgegangen werde. 3400 Hektar ist die potenzielle Bekämpfungsfläche groß, in der diesmal auch Naturschutzflächen enthalten sind. Aber die Gebiete, die mit dem giftigen Sprühnebel überflogen werde müssten, sollten akribisch ausgewählt werden. Auch wenn eine Bekämpfungszone festgeschrieben sei, werde an jedem Tag gesondert entschieden, ob ein Gifteinsatz unbedingt nötig ist.

Neben den staatlichen Flächen in der Lieberoser Heide stehen auch die Flächen von insgesamt rund 400 privaten Waldbesitzern um Fehrow, Burg, Cottbus, Jänsch wal de und Peitz unter Beobachtung der Forstleute. Die Meinungen unter den privaten Eigentümern gehen auseinander. Während manche nach den Erfahrungen des vergangenen Jahres die chemische Keule am liebsten wohl eher großzügiger einsetzen würden, um ihren Wald zu schützen, haben andere Skrupel und fragen Barbara Schubert nach biologischen Möglichkeiten zur Schädlingsbekämpfung. Dort, wo gesprüht werden muss, wird es teuer. Um die 70 Euro pro Hektar wird der Einsatz die betroffenen Waldbesitzer kosten.

Forstingenieurin Barbara Schubert ist optimistisch, dass ihre Beobachtungs- und Bekämpfungsstrategie in diesem Jahr böse Überraschungen in den Wäldern Südbrandenburgs verhindert. Eine gute Überraschung aber gibt es bereits und für die hat die Natur inzwischen selbst gesorgt. So wurde beispielsweise im Peitzer Revier festgestellt, dass in einigen im vorigen Jahr stark befallenen Waldgebieten, die Population der Nonnen zusammengebrochen ist. Grund dafür sind natürliche Feinde der Schädlinge, die sich als Parasiten in deren Brut einnisten und sie auffressen.

Tatkräftige Unterstützung haben die Forstleute und Waldbesitzer offensichtlich auch schon von Wildschwein-Rotten bekommen. Die Allesfresser durchwühlten mit ihren Rüsseln den winterlichen Waldboden und fanden in den vom Kiefernspinner befallenen Gebieten mit den "leckeren" Raupen des Schädlings besonders reiche Nahrung. In einigen Abschnitten soll auf diese Weise auch die nachweisbare Population der Kiefernspinner bereits zusammengebrochen sein.

Zum Thema:
Schon in den vergangen Tagen hat die Oberförsterei Cottbus rund vierhundert Waldbesitzern, deren Grundstücke vom Schädlingsbefall betroffen sein können, einen Brief geschrieben. Dabei wurden die Privateigentümer auch über einen möglichen Einsatz des Kontaktgiftes "Karate" informiert. Bis 10. April müssen die Rückantworten in der Oberförsterei sein. Alle Flächen werden ständig überwacht und erst am Tag des Hubschraubereinsatzes kann entschieden werden, wo unbedingt geflogen werden muss. Die Bekämpfung soll am 20. April starten.