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| 13:33 Uhr

Kampf gegen Rechtsextremismus
Auf der Nordwand beim FC Energie: Zivilcourage, gute Stimmung und am Ende Angst

 Spontan erklären sich ein paar Fans in der Nordwand bereit, beim Anbringen des Banners "Energiefans gegen Nazis" zu helfen.
Spontan erklären sich ein paar Fans in der Nordwand bereit, beim Anbringen des Banners "Energiefans gegen Nazis" zu helfen. FOTO: LR / Hilscher Andrea
Cottbus. Auf der Nordwand bekennen Fans des FC Energie Farbe gegen Rechts. Ihr Engagement kommt bei vielen gut an. Gewaltbereite Hooligans fühlen sich provoziert. Sie reagieren mit Drohungen. Von Andrea Hilscher

Cottbus Sonntagmittag, die ersten Fans sammeln sich auf der Nordwand. Im Block H werden gigantische Fahnen ausgerollt, am Zaun das Einheitsbanner befestigt. Etwas abseits entrollen ein paar junge Menschen ebenfalls ein Banner. „Schon immer die Mehrheit! Energiefans gegen Nazis.“

Die Gruppe hat sich im Oktober 2017 gebildet, als Reaktion auf rechte Parolen, Hitlergruß und das Wiederauftauchen von Anhängern der radikalen Hooligangruppe „Inferno Cottbus“. Als Gegengewicht verstehen sich die Mitglieder von „Energiefans gegen Nazis“. „Wir wollen eine Plattform sein für Alle, die mit Rechtsextremismus nichts am Hut haben. Wir wollen sozusagen der Mehrheit eine Stimme geben.“, sagt ein Gründungsmitglied.

Banner mit Herzklopfen

Mit Kabelbindern und Herzklopfen befestigen die Fans ihr Banner. „Herzklopfen deshalb, weil man nie weiß, was passiert“, sagt eine junge Frau. Als das Banner zum ersten Mal im Stadion aufgetaucht war, wurde es sofort abgerissen und verschwand. Dann, beim Relegationsspiel gegen Weiche Flensburg, kam es wegen des Banners zu Handgreiflichkeiten.

„Ich wollte es nicht abnehmen“, erzählt die junge Frau. Dafür kassierte sie zahlreiche blaue Flecke und eine unverblümte Drohung. Man könne doch über alles reden, hieß es, nur eben das Banner, das müsse verschwinden. Sonst würde es ungemütlich werden.

Spontane Hilfe

Heute ist von Aggression zunächst nichts zu spüren, im Gegenteil. Ein paar Fans aus Block I bieten spontan ihre Hilfe beim Anbringen des Transparents an, lassen sich mit dem Schriftzug fotografieren. Vielleicht zufällig gehen wenig später Männer mit dem Logo der vom Verfassungsschutz beobachteten „Identitären Bewegung“ vorbei, verschwinden dann in der Menge.

Kurz vor dem Anpfiff wirbt der Stadionsprecher für die „Internationale Woche gegen Rassismus“, an der sich Energie beteiligt. Die „Energiefans gegen Nazis“ freuen sich über das Engagement des Vereins. Mit dem Anpfiff richten sich dann ohnehin alle Blicke aufs Spielfeld. Ultras der Gruppe „Ultima Raka“ machen Stimmung, Väter trösten ihre weinenden Kinder, die dem Lärm nichts abgewinnen können. Ein paar bekannte Gesichter aus der rechtsextremen Szene, ein paar grenzwertige Tätowierungen, nichts Ungewöhnliches in einem Fußballstadion.

Treffen mit Unterstützer

In der Halbzeitpause treffen die „Fans gegen Nazis“ einen Unterstützer, mit dem sie über Facebook immer wieder Nachrichten ausgetauscht haben. Man trifft sich, spricht kurz. Ein junger Mann aus dem Spreewald, er engagiert sich für Toleranz, gegen Gewalt. Nummern werden ausgetauscht, man will in Kontakt bleiben.

Auch die zweite Halbzeit verläuft Störungsfrei, die Stimmung leidet unter zwei Gegentoren des Karlsruher SC. Nach dem Abpfiff wird das Banner vom Zaun gelöst, zusammengerollt.

„Weiter so!“

Vor dem Ausgang dann noch ein kurzes Auswertungsgespräch – und eine nette Überraschung: Eine Frau spricht die Fangruppe an. „Ich habe Euch vorhin am Zaun gesehen. Ihr macht einen tollen Job. Weiter so! Habt Ihr ein paar von euren Aufklebern für mich?“ So viel offener Zuspruch ist selten. „Aber wir freuen uns über jedes Zeichen der Zivilcourage“, sagen die „Fans gegen Nazis“.

„Guckt Euch lieber dreimal um, wenn Ihr nach Hause geht.“

In diesem Moment kippt die Stimmung. Zwei junge Ultras kommen auf die Gruppe zu. „Ihr solltet jetzt lieber sofort gehen“, sagt er. „Im H-Block haben sich schon ein paar Leute mächtig heiß gemacht.“ Sie raten zur Vorsicht. „Guckt Euch lieber dreimal um, wenn Ihr nach Hause geht.“

Tatsächlich. Nur wenige Meter weiter stehen rund 20 Männer, die meisten mit Kleidung von einschlägigen Labels und Kampfsportgruppen. Hier wird Macht demonstriert. Die „Fans gegen Nazis“ treten den Heimweg an – bewusst auf einem gut einsehbaren Weg, inmitten von Familien und Ehepaaren. Die Karten für das nächste Spiel haben sie bereits in der Tasche.

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