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Cottbus früher und heute
Kaffee unter Orangenbäumen

Eine alte Postkarte zeigt den Cottbuser Wintergarten.
Eine alte Postkarte zeigt den Cottbuser Wintergarten. FOTO: Sammlung Krause
Cottbus. Heimatforscherin Dora Liersch erzählt die Geschichte des "Wintergartens", basierend auf einer Ansichtskarte, die aus der Sammlung von Hans Krause stammt. Dora Liersch / dli9

Der erste und älteste "Gesellige Verein" in Cottbus war bereits 1793 von Cottbusern und auch Auswärtigen bürgerlichen Standes gegründet worden. Sie nannte sich "Societät" und diente der freundlichen Unterhaltung und Erholung. (Der zweite gesellige, bürgerliche Verein war die Casinogesellschaft, siehe LR vom 18. September 2017).

Man traf sich regelmäßig bei dem Kaufmann Heinrich Rudolph Bange in einer Gaststätte am Marktplatz, die sich später "Schwarzer Adler" nannte (heute Sandower Straße 59). Bald ging der Name des Gastgebers auf den Verein über, wurde daraus die "Bangesche Societät". Die Mitglieder waren Kaufleute und vor allem Ärzte und weitere Mediziner.

Nach dem Kriegsende 1813 kam es im Jahre 1814 zu einer Neugründung des Vereins, der nur noch den Namen "Geselliger Verein" trug. Die Neugründung fand im Hause des Stadtchirurgs Peter Friedrich Fuhrmann in der Klosterstraße zuletzt Nummer 67 (heute abgerissen und überbaut) statt. Es war ein altes stattliches Brauhaus, zehn Achsen breit mit Mansarddach und einem Mittelgiebel. Viele Jahre trafen sich die Vereinsmitglieder nun im Hause des Stadtchirurgen.

Im Jahre 1829 bietet der Cottbuser Kaufmann Keyling dem Verein seinen Weinberg mit dem darauf befindlichen Gebäude an der Dresdener Chaussee zum Kauf an. Das Haus, um 1800 gebaut, war ein typisches Vorstadthaus aus der Zeit des Klassizismus. Das Grundstück war riesig und liegt zwischen der Dresdener Chaussee im Westen und der Gartenstraße im Osten und reichte fast von der heutigen östlichen Görlitzer Straße bis an die Hofseiten der Grundstücke der Pyrastraße. Ein Teil der südlichen Fläche wurde später verkauft. Trotzdem blieb noch viel Grund und Boden zum Gestalten übrig.

Zwischen französischem Barockgarten und lockerem englischen Landschaftsgarten wurde die Fläche gestaltet. Da im Schloss Altdöbern die dortige Orangerie stark verkleinert wurde, erwarben die Mitglieder des Cottbuser geselligen Vereins eine Menge Pflanzen, Zitrusbäume, Palmen. Dafür musste ein dementsprechendes Glashaus angebaut werden. Nun konnten die Damen der Honoratioren ihren Kaffe auch im Winter unter Orangenbäumen genießen.

Seitdem nannte sich der Verein "Geselliger Verein Wintergarten" und so wurde er auch seit 1866 offiziell bezeichnet. Seit Anschaffung eines Vereinsregisters beim Amtsgericht Cottbus kam auch ein "e.V." dazu. Am Südende des Grundstücks legte man für die sportliche Betätigung der Mitglieder auch Tennisplätze an. Die Mitgliederzahlen schwankten stark und der Verein hatte oft finanzielle Schwierigkeiten.

Ein Teil der Ärzte fand in der 1861 gegründeten "Freien Vereinigung der Ärzte der Niederlausitz" ein neues Betätigungsfeld. Andererseits war Cottbus Garnisonsstadt geworden und besonders die adligen Herren aus dem Militär suchten Möglichkeiten des ihnen angemessenen Umganges mit gutbürgerlichen Damen. Ein Tanzsaal war an das Vereinshaus angebaut worden. Konzerte, Tanzkränzchen, Bälle zu angegebenen Themen, Tennisspiel und besonders Kegeln waren beliebt. Regelrechte Kegelgruppen gab es.

Cottbuser Kaufmanns-, Lehrer- oder Fabrikantentöchter vergnügten sich im "Wintergarten". Der Saal eignete sich auch für größere, auch städtische Festlichkeiten.

Anfang der 1920er-Jahre wurde der Tanzsaal durch einen Brand zerstört. Ein Cottbuser Baumeister unterstützte den Wiederaufbau des Saales. Für die Gastronomie war extra ein Ökonom angestellt, ebenso für Haus und Garten ein Hausmeister. Natürlich gab es, wie bei allen Vereinen, einen gewählten Vereinsvorsitzenden. Im Jahre 1940 war dies der Rechtsanwalt Dr. Hahn.

Beim Bombenangriff am 15. Februar 1945 war das Vereinshaus des "Geselligen Vereins Wintergarten e.V." zerstört worden. Die Reste wurden 1948/1949 abgerissen, die noch verwertbaren Ziegel aus den Trümmern geborgen. Mitten in dem frei zugänglichen Park wurden nach Beseitigung der Ruine ein Spielplatz angelegt mit Sandkasten, Wippe, Schaukel und Bänken. Die heranwachsenden Kinder der Nachkriegsjahre aus dem Umfeld erinnern sich bestimmt noch gern an diesen Platz inmitten hoher Bäume. Man traf sich eben im Wintergarten.

Erst mit der Erbauung der Häuserblöcke der heutigen Straße der Jugend 30 bis 32 ist der Spielplatz beseitigt worden. Die stattlichen Linden, Ahorne und besonders Platanen gaben diesem Wohnquartier die besonders grüne Note. Von dem Altbestand der Bäume, die besonders auch zur Straße hin einen grünen Abschluss bildeten, ist nichts mehr vorhanden. Die Tennisplätze, nach 1945 noch genutzt, wurden verlegt. Dort steht heute das erste Cottbuser Hochhaus, Straße der Jugend 33. Mit dem Bau der Tangente, des Stadtringes, erfuhr die einst grüne Insel eine Teilung. An den Wintergarten erinnert heute nichts mehr, selbst die kleine Straße nördlich der ehemaligen Dresdener Straße 30 mit der Gärtnerei und einem kleinen Obst- und Gemüseverkauf - auch schwerst beschädigt -, in dem noch einige Jahre Frau Müller lebte und werkelte, die Wintergartenstraße hieß, trägt heute den Namen Görlitzer Straße.

Alle Teile der Serie gibt es hier:

www.lr-online.de/

historischelausitz

Heute stehen am gleichen Ort Wohnblöcke, im Hintergrund das erste Cottbuser Hochhaus.
Heute stehen am gleichen Ort Wohnblöcke, im Hintergrund das erste Cottbuser Hochhaus. FOTO: Dora Liersch/dli1