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| 19:19 Uhr

Cottbus
Sein Wunsch: Ein Leben ohne Hass

Mohammad Scharr kam vor zwei Jahren aus Damaskus nach Cottbus und will am Samstag zeigen, dass ein „Leben ohne Hass“ in der Lausitz möglich ist.
Mohammad Scharr kam vor zwei Jahren aus Damaskus nach Cottbus und will am Samstag zeigen, dass ein „Leben ohne Hass“ in der Lausitz möglich ist. FOTO: Daniel Steiger / LR
Cottbus. Mohammad Scharr wohnt seit 2016 in Cottbus und ist Mitinitiator der Demo am Samstag. Von Daniel Steiger

„Wir haben mit den Messerstechern nichts zu tun und wollen uns auch nicht für sie entschuldigen. Wir waren das ja nicht. Wir wollen hier einfach in Ruhe leben.“ Die Worte spricht in fast fehlerfreiem Deutsch Mohammad Scharr. Der 20-Jährige aus Damaskus ist vor zwei Jahren aus Syrien nach Europa geflohen, wollte von Anfang an nach Deutschland und kam so nach Cottbus. Als 18-Jähriger hat er sich allein mit zusammengespartem Geld auf den Weg gemacht. Er wollte nicht gezwungen werden, in der Armee zu dienen und nicht zu wissen, für wen und gegen wen er da im eigenen Land kämpfen und möglicherweise auch sterben würde. Im Januar ging es über die Türkei in einem Boot über das Mittelmeer mit dem Kurs Griechenland. „Drei Stunden lang trieben wir auf dem Meer, weil der Motor kaputt war. Und es war richtig kalt“, erinnert sich Mohammad Scharr. In Deutschland kam er in die zentrale Erstaufnahmeeinrichtung in Eisenhüttenstadt, kurz darauf war er in Cottbus. Zurück in Syrien blieben seine Mutter und Geschwister.

In der Lausitz hat er schnell angefangen, Deutsch zu lernen, mittlerweile ist er kurz vor dem B2-Zertifikat – einer Deutschprüfung für fortgeschrittenes Sprachniveau. Vormittags sitzt Mohammad Scharr in der Schule, nachmittags arbeitet er bei einem sozialen Träger in Cottbus und betreut Kinder, Jugendliche und Familien, leitet beispielsweise einen Badminton-Kurs. Im Sommer will er eine Ausbildung zum Elektroniker beginnen, am Donnerstag habe er dafür die Zusage erhalten, so Mohammad Scharr.

Es könnte alles gut sein, ist es aber nicht. „Die Situation in Cottbus verändert sich. Es wird schlimmer.“ Er und viele Landsleute haben nach den Geschehnissen der vergangenen Wochen Angst, auf die Straße zu gehen. Die beiden Messerangriffe von Syrern in der Cottbuser Innenstadt haben die Stimmung in der Stadt verändert, stellt er fest. Da haben er und seine Freunde beschlossen, dass etwas geschehen muss.

Am Samstag wollen sie eine Demonstration veranstalten und damit zeigen, dass in Cottbus ein „Leben ohne Hass“ möglich ist. Mohammad Scharr: „Es gibt viele gute und nette Menschen in Cottbus. Sie haben uns viel geholfen und dafür sind wir dankbar. Ich hoffe, diese kommen alle am Samstag.“ Durch die Demonstration wollen die Initiatoren um Mohammad Scharr ein Umdenken bewirken. Zudem will er um die Verwirklichung seines eigenen Traumes kämpfen: „Dieses Land hat mich aufgenommen. Jetzt brauche ich einen freien Kopf, um zu überlegen, was ich ihm dafür zurückgeben kann. Ich will hier meine Steuern zahlen.“ Eine Rückkehr nach Syrien schließt er aus. Er habe dort sieben, acht Jahre lang den Krieg erlebt und heute noch die Geräusche von Kampfflugzeugen und Bomben im Kopf.