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Junge Randalierer sind jetzt zu alt

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Cottbus. Einen Fußballkrimi hat sich der FC Energie Cottbus am 13. September 2010 mit dem Karlsruher SC geliefert. Das 5:5 am Ende verdauten nicht nur die Spieler schwer. Auch Cottbuser Fans griffen vor Wut einen Zug am Haltepunkt Merzdorf an. Doch gegen eine Verurteilung nach viereinhalb Jahren wehrten sich die Anwälte der Randalierer jetzt erfolgreich. Annett Igel-Allzeit

Schnell ist Energie - damals noch Zweitligist - vor viereinhalb Jahren gegen Karlsruhe 2:0 in Führung gegangen. Doch in ihrem Rausch schienen die Kicker ihre Abwehr vergessen zu haben. Zur Halbzeitpause lagen sie 2:4 hinten. 5:5 endete die sagenhafte Aufholjagd. Die Enttäuschung trieb rund 20 Fans an den Cottbuser Bahnhaltepunkt Merzdorf, wo gegen 23.15 Uhr ein Regionalzug nach Berlin einfuhr. Mit Steinen, Flaschen und einer Eisenstange gingen die Cottbuser auf den Zug los. Sie wollten die Gäste-Fans unter den 160 Reisenden provozieren. Fan-Begleiter, die die Polizei eingesetzt hatte, verhinderten, dass die Gruppen aufeinandertrafen. Sechs Cottbus-Anhänger wurden laut Polizei in jener Nacht festgenommen, einige von ihnen waren bereits als "Gewalttäter Sport" erfasst.

Vier der jungen Männer sitzen nun im Amtsgericht. Nur Marcell K. fehlt. "Er ist auf Montage, hatte Schwierigkeiten, seinem Arbeitgeber beizubringen, dass er heute mal nicht für ihn arbeiten könnte", erklärt sein Pflichtverteidiger Klaus Kleemann.

18 bis 20 Jahre alt waren sie zur Tatzeit. Und wie Staatsanwalt Thomas Grothaus aufzählt, soll durch die Schäden an zehn Scheiben und mehreren Türen sowie durch die von den Randalierern ausgelöste Verspätung des Zuges ein Schaden von 4361 Euro entstanden sein.

Rechtsanwalt Kleemann versichert, sein Mandant wolle sich nicht geständig einlassen. Die Taten nachzuweisen, wird Zeit kosten. Neun Zeugen hat das Amtsgericht geladen, ein zweiter Verhandlungstermin ist schon geplant. Nach dem Jugendstrafrecht, unter das die damals 18- bis 20-Jährigen noch fallen können, haben sie mit einer Ermahnung oder einer Verwarnung zu rechnen, schätzt Kleemann ein und fordert eine Einstellung des Verfahrens.

Auch Rechtsanwalt Christian Nordhausen zweifelt an der erzieherischen Wirkung viereinhalb Jahre nach der Straftat. Die jungen Männer seien heute in die Gesellschaft integriert, nur einer sei derzeit arbeitslos. "Mein Mandant wird demnächst Vater", schiebt Kleemann nach. "Na, da sehen Sie in der Verzögerung des Verfahrens doch mal den Vorteil für Ihre Mandanten", gibt Jugendrichter Grauer zu bedenken, "sie hatten Zeit, sich zu integrieren." Kleemann hält gegen: Vielleicht hätte sich sein Mandant noch schneller integriert, wenn die Verwarnung früher gekommen wäre.

Unisono von den fünf Anwälten kommt der Antrag auf ein Rechtsgespräch unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Danach stellt Jugendrichter Grauer das Verfahren tatsächlich vorläufig ein - unter der Maßgabe, dass sie innerhalb von sechs Monaten eine Geldstrafe von 300 beziehungsweise 150 Euro (bei Arbeitslosigkeit) zahlen - egal, ob ein Angeklagter einen Stein warf oder mit der Eisenstange losrannte. Würde er differenzieren, müsste der Jugendrichter die Eisenstange und den Steinwurf beweisen. "So lange nach der Tat müssen sie sich nicht erinnern", sagt Grauer. Weder ein Angeklagter noch ein Zeuge werden zu den Geschehnissen in Merzdorf gehört.

Viereinhalb Jahre sind bei Verfahren im Jugendstrafrecht trotz aller Personalsorgen nicht normal, sagt Michael Höhr, Direktor des Amtsgerichtes. Ein Jahr sei Durchschnitt, aber auch Verfahren fünf Monate nach der Tat werden geschafft. Tatsächlich lag der Fall nur ein Jahr im Amtsgericht. "Die Anklage stammt vom 26. März 2014, am 7. April 2014 war das Verfahren bei uns eingegangen", so Höhr. Fünf Angeklagte, neun Zeugen, Personalprobleme bei der Staatsanwaltschaft? Genau wird die lange Zeit zwischen Tat und Verfahren am Donnerstag öffentlich nicht erklärt. Staatsanwalt Grothaus gesteht nur, dass er gern den Justizminister im Publikum gehabt hätte.