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| 01:04 Uhr

Junge Intensivtäter in Visier der Justiz

32 jugendliche Intensivtäter in Cottbus halten derzeit Polizei und Justiz in Atem. Auf ihr Konto geht ein Großteil aller Straftaten ihrer Altersgruppe. Die Jungen und Mädchen gelten als Anführer und Leitfiguren von Cliquen und haben Dutzende Delikte auf dem Kerbholz. Von Ronald Ufer

In öffentlich zugänglichen Akten tragen sie aus Datenschutzgründen Namen wie „Droschkenfahrer“ , „Oskar“ oder „Drachentochter“ . Sie alle zeichnet eine erhebliche kriminelle Energie schon seit der Kindheit aus. Die Schwere der Delikte nimmt stetig zu.
„Der Anteil der Jugendlichen an der Kriminalität geht in Cottbus seit dem Jahr 2000 zurück“ , konstatierte der Leiter der Kriminalpolizei im Schutzbereich Spree-Neiße, Andreas Kaiser, bei der Fachtagung „Ab in den Knast ... und dann?“ am Wochenende. „Ein erheblicher Teil der Straftaten konzentriert sich auf die 32 Intensivtäter im Kinder- und Jugendalter. Problematisch ist ihr Anteil von 52 Prozent an Gewaltstraftaten wie Körperverletzung, Raub und Bedrohung.“ Während die Polizei in den vergangenen Jahren ihr besonderes Augenmerk Jugendlichen widmete, die mehr als zehn Straftaten begangen hatten, liegt nun der Schwerpunkt auf den Intensivtätern. „Mehr als 100 Jugendlichen verstärkte Aufmerksamkeit zu widmen, hat sich als kaum möglich erwiesen. Wir konzentrieren uns deshalb auf die so genannten Intensivtäter. Sie haben meist eine Anführer- oder Sprecherrolle in Cliquen, wirken auch oft zusammen.“

Mit zwölf auf die schiefe Bahn

Zu den inzwischen alten Bekannten gehört „Oskar“ , Jahrgang 1990. Als Zwölfjähriger beging er erste Straftaten. 2002 wies seine Akte sieben Eintragungen auf, im Folgejahr waren es 16 und 2004, als er 14 und damit strafmündig wurde, 72. Auch die Unterbringung im „Käthe-Kollwitz-Haus“ des Paul-Gerhardt-Werkes konnte seine kriminelle Karriere nicht stoppen. Er bedrohte Betreuer, beging Körperverletzungen, wurde 15 Mal als vermisst gemeldet. Nach Delikten als strafmündiger Jugendlicher wurde er auf Beschluss des Amtsgerichtes Cottbus in einer Jugendeinrichtung untergebracht. „Droschkenfahrer“ brachte es 2004 auf 61 Akteneinträge bei der Cottbuser Polizei. Auch er lebte einige Zeit im Kollwitz-Haus und wurde inzwischen in einem Heim untergebracht.
„Solche jugendlichen Intensivtäter haben sich der Erziehung und Kontrolle der Familie und der Schule entzogen, suchen und finden ihre Heimat in Cliquen. Viele übliche Möglichkeiten, auf ihr Verhalten erzieherisch Einfluss zu nehmen, entfallen damit“ , erklärte Andreas Kaiser. Häufigere Vermisstenmeldungen sind deshalb Alarmzeichen für die Polizei. So begann bei den meisten Intensivtätern der Einstieg in die Kriminalität. Ähnliches gilt für häufiges Schulschwänzen, das oft noch als Kavaliersdelikt betrachtet wird. „Weglaufen und Schulschwänzen setzen jedoch fast folgerichtig eine verhängnisvolle Entwicklung in Gang. Die Kinder und Jugendlichen brauchen etwas zum Essen und Trinken und Kleidung, die sie sich dann bei Ladendiebstählen beschaffen. Ihnen fehlt die Beschäftigung, Langeweile wird zum Ausgangspunkt von Straftaten. Es gibt keine positiven Vorbilder mehr.“

Polizei sucht Verbündete
Parallel zur erhöhten Aufmerksamkeit und dem Fahndungsdruck suchte die Polizei wie bei der Fachtagung Verbündete, um den Abstieg in die Kriminalität frühzeitig zu stoppen. Beispielsweise bei Schulen, die mehr Hinweise auf Schulschwänzer und besonders aggressives Verhalten liefern könnten. Breit angelegte gemeinsame Projekte sollen die Prävention verstärken.
Zunehmend gelingt es der Polizei, trotz der weiter hohen Dunkelziffer, die Straftaten von Kindern und Jugendlichen, einschließlich der Intensivtäter, besser aufzuklären. Das Amtsgericht sieht sich daher mit einer Vielzahl von Verfahren konfrontiert. „Die Polizei hat gut gearbeitet“ , sagte Amtsgerichtsdirektor Wolfgang Rupieper. Als Konsequenz hat er am Jahresbeginn einen vierten Jugendrichter eingesetzt, um eine schnelle Bearbeitung und Rechtsprechung fortsetzen zu können. „Die größte erzieherische Wirkung erreichen die Verfahren, wenn sie zügig anberaumt sind und möglichst bald nach der Tat ein Urteil gesprochen wird.“ Die Jugendrichter bemühen sich, sechs Wochen nach Eröffnung des Verfahrens mit den Verhandlungen zu beginnen.
Während die Zahl vieler Jugendstraftaten gleich bleibt, beobachtet Rupieper einen Anstieg der Gewaltdelikte. Neben den Risikofaktoren wie Gewalt in der Familie, soziale Benachteiligung der Familie und schlechte Zukunftschancen durch niedriges Bildungsniveau zeichnet sich ein weiterer Auslöser ab: „Immer wieder kommt bei den Prozessen ans Licht, dass der Täter oft unbemerkt vom Umfeld drogenabhängig ist und seine Taten als Beschaffungskriminalität zu werten sind.“ Polizei, Justiz, Verwaltung und Präventionsrat wollen Netzwerke mit Schulen und Vereinen enger knüpfen, um Jugendliche immun gegen Kriminalität zu machen und Gefährdungen früh zu erkennen.