Von Thomas Klatt

Was ist los mit diesem Land? Wie tief sitzt die Angst? Warum reden wir nicht offen über unsere Probleme? Ist das überhaupt noch möglich? Die Gräben sind tief. Die einen sagen: Wir schaffen das! Die anderen: Wir sind das Volk! Wie denn nun?

Das sind die Ausgangssituationen für die Ausstellung „Die Anderen sind Wir“, die den Untertitel „Bilder einer dissonanten Gesellschaft“ trägt. Sie zeigt vorwiegend fotografische Arbeiten der 2017 gegründeten Gruppe Apparat – junge Künstler, die allesamt etwa Anfang, Mitte 30 sind.

Nun sind obige Fragen weder von der Politik noch von Psychologen und Soziologen beantwortet worden. Aber zu spüren ist hier, wie junge Leute, die noch am Anfang eines professionellen Künstlerlebens stehen, um eigene Positionen ringen, sich selbst in den rauen Wind des deutschen Alltags stellen.

Kuratiert wird die Ausstellung von der gebürtigen Spanierin Cale Carrido und Carmen Schliebe, Kustodin für Fotografie am Cottbuser Landesmuseum. Den Werken der zehn Gastkünstler werden Arbeiten aus der Sammlung des Hauses und Leihgaben hinzugefügt.

Im Erdgeschoss wird der Besucher mit mehreren Werken von Ulrich Lindner empfangen, der in der Bombennacht von Dresden sieben Jahre alt war und 1984 aus der Erinnerung heraus Fotomontagen entwickelte. Die Stadt ist da nur zu ahnen, Lindner abstrahiert mit düsteren Tönen und dunklen Farben des Todes.

Ein Foto einer anderen Landschaft – auch das eine Montage – hat Maria Sturm mitgebracht. Es suggeriert im Riesenformat auf den ersten Blick eine Idylle, folgt dann aber düsteren Ahnungen der Endlichkeit und bevorstehender Zerstörung. Vor das Bild hängt sie ein Claude-Glas. Der leicht nach außen gewölbte Spiegel wurde im 18. Jahrhundert verwendet, um die Landschaft verkehrt herum sehen zu können. Maria Sturm spielt mit den aktuellen Ängsten und Überforderungen. Dem Claude-Glas, eine Erfindung der englischen Landschaftsmaler, gibt sie die Form eines Smartphones – als Symbol für das Oberflächliche unserer Gesellschaft.

„The Wolf is present“ heißen die Fotostrecke und die folgenden Montagen von Hannes Jung. Einen Wolf sieht man dabei nirgends. Auch Jung reflektiert mit den Verunsicherungen der Menschen. Auf mehreren Zeitungsseiten verschiedener Verlage ist nur das Wort „Wolf“ sichtbar, den Rest hat Jung wegretuschiert. Eine große Wochenzeitung des Nordens kommt da schon mal auf etwa 70 Wörter pro Seite.

Daniel Seiffert ist mit dem Foto-Essay „Raufaser“ dabei. Er wiederholt die Wege seiner Großmutter Irmgard Konrad, die, 1915 in Breslau geboren, später von der Gestapo verhaftet und nach Auschwitz deportiert wird. Die Rote Armee befreit sie auf dem Todesmarsch in den Norden. Seifert sammelt Fotografien seiner Großmutter und Erinnerungsstücke. Er versucht eine Identifikation.

Von Ravensbrück bis zu den deutschen (Ex)Nazis sind es nur wenige Schritte. Unter dem Titel „Haut, Stein“ fotografierte Jakob Ganslmeier Aussteiger aus der Neonaziszene. Raus aus der Szene? Na gut, aber wie gehen die Tätowierungen weg? Ganslmeier dokumentiert das Überzeichnen der Haut, das Unkenntlichmachen der Nazisymbole. Zugleich fotografiert er NS-Symbolik aus früherer Zeit, zum Beispiel wie sie an Häuserfassaden entfernt wurden, in den Umrissen jedoch noch immer erkennbar sind. Zwei Jahre hat Ganslmeier Aussteiger begleitet und anonyme Gesprächsprotokolle verfasst. Auch sie liegen aus.

Andrea Grützner hat das Spiel „Der kleine Großblock Baumeister“ ihrer Kindheit noch einmal reaktiviert und mit der Großformatkamera Fotomontagen geschaffen, die die Platte als Wohnmodell neu arrangiert. Auch bei Grützner geht es um Erinnerungen, aus denen sie Neues versucht. Hat diese Bauweise vielleicht doch Zukunft, wenn sie fantasievoller, individueller und auf ihre einzelnen Bewohner zugeschnitten wird?

Die Angst vor dem Fremden führt zur Flucht ins Unbekannte. Die Videoinstallation „Den Bach runter“ von Miguel Jahn und Jan-Christoph Hartung zeigt Auswanderer, ungewöhnlicherweise von Deutschland nach Ungarn, wo sich eine kleine Community am Balaton niedergelassen hat. Es ist nicht das idyllische Ungarn, das viele noch als Urlaubsziel kennen. Die beiden Filmemacher lassen die „Geflüchteten“ über ihre Beweggründe erzählen und respektieren dabei ihre Haltung.

„Wir tun uns schwer, uns mit anderen Positionen auseinanderzusetzen“, sagt Kuratorin Cale Garrido. Die gebürtige Spanierin hat die Gruppe behutsam in diese erste gemeinsame Ausstellung geführt. Schnell waren sich alle über die Arbeitsweise einig: Jeder sollte gleichberechtigt sein. Eine Hierarchie findet nicht statt.

„Können sich Menschen ändern?“, fragt Cale Garrido. Und sie meint nicht nur die „Umtätowierten“ aus der Ganslmeier-Serie. Kann aus Dissonanz doch etwas Konstruktives erwachsen? Manchmal schon.

Ausstellung bis 13.10., Di–So
10–18 Uhr, Landesmuseum für moderne Kunst, Am Amtsteich 15, Cottbus, Tel. 0355 49494040