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"Julian Assange hat uns nie beim Sex gestört”

Anke und Daniel Domscheit-Berg im Politik-Talk mit dem Cottbuser Landtagsabgeordneten Matthias Loehr (Linke) im gut besuchten Weltspiegel.
Anke und Daniel Domscheit-Berg im Politik-Talk mit dem Cottbuser Landtagsabgeordneten Matthias Loehr (Linke) im gut besuchten Weltspiegel. FOTO: pk
Cottbus. Anke und Daniel Domscheit-Berg kommen in den Cottbuser Weltspiegel zur Reihe "Der politische Film". Doch wer mehr über Wikileaks erfahren wollte, wird enttäuscht. Es ging um Wahlkampf. Peggy Kompalla

In der Reihe "Der politische Film" ist am Freitagabend im gut gefüllten Cottbuser Weltspiegel "Inside Wikileaks" gezeigt worden. Im Anschluss sitzt der Mitbegründer der Enthüllungs-Plattform Daniel Domscheit-Berg gemeinsam mit seiner Frau Anke auf dem Sofa beim Cottbuser Landtagsabgeordneten Matthias Loehr (Linke). Die drei duzen sich. Ein wichtiger Teil des Lebens des Politpaares ist kurz zuvor noch auf der großen Leinwand zu sehen gewesen. Dargestellt wird er von Daniel Brühl, sie von Alicia Vikander. Das Ehepaar hat ihre Probleme mit dem Film. So geht es im Gespräch auch viel weniger um ihre Vergangenheit mit Wikileaks, als um ihre politische Zukunft. Anke Domscheit-Berg will als Parteilose für die Linken in den Bundestag einziehen.

Etwas peinlich berührt rutschen Anke und Daniel Domscheit-Berg zu Beginn auf dem Ledersofa. Die Bilder des mehr als zwei Stunden langen Films sind noch in Erinnerung - darunter intime Momente des Paars. Deshalb stellt Anke Domscheit-Berg gleich klar: "Julian hat uns nie beim Sex gestört." Ihr Mann ergänzt: "Das ist ein Hollywood-Film, der Dinge überspitzt und vereinfacht." Für beide sei es aber erstaunlich, wie der Film im Kleinen so genau sein konnte, aber im Großen so falsch. Zumindest trägt Anke Domscheit-Berg tatsächlich rote Strumpfhosen - eines ihrer Markenzeichen - auch am Freitag. Film abgehakt. Es geht direkt in ihre Themen: digitale Grundrechte und staatliche Transparenz. Das Publikum hängt beiden an den Lippen. Es gibt immer wieder Zwischenapplaus. Man ist sich einig.

"Wir haben keinen Zweifel daran, dass wir uns mitten in einer industriellen Revolution befinden. Dazu brauchen wir parallel eine soziale Revolution", sagt Anke Domscheit-Berg. In den nächsten Jahrzehnten werden demnach Millionen Arbeitsplätze durch technische Erneuerungen verloren gehen. "Hartz IV ist keine Antwort darauf, aber das bedingungslose Grundeinkommen kann es sein", erklärt sie. Die Masse werde darüber entscheiden. Das habe sie die Wende in der DDR gelehrt. "Auch die unwahrscheinlichste Veränderung ist möglich." Diese Erkenntnis sei ihr persönlicher Endlosmotor, wie sie sagt. "Da haben wir Ossis einen Vorteil."

Anke Domscheit-Berg fordert leidenschaftlich digitale Grundrechte. "Das Briefgeheimnis gilt für Papier, aber für eine E-Mail schon lange nicht mehr." Die Gesetzgebung und damit der Schutz der Privatsphäre hinke der Realität weit hinterher. "Die digitale Welt ist wie das Wohnzimmer - dort liegen Liebesbriefe herum, werden Bankgeschäfte erledigt und sind vor allem Beziehungsnetzwerke offen. So ist die totale Erfassung des Individuums möglich", macht sie deutlich und schiebt hinterher: "Aber wir wollen in einer Demokratie freie Menschen. Wer überwacht wird, ist nicht frei." Überwachung sei auch in Zeiten des Terrorismus wenig hilfreich. Das hätten die Anschläge der jüngsten Vergangenheit gezeigt - egal ob in Frankreich, England oder Deutschland. "Durchweg alle Täter waren den Behörden als gefährlich bekannt."

Im Gegensatz dazu fordert Anke Domscheit-Berg einen transparenten Staat. "Ich will wissen, wer die Gesetze schreibt, wer welche Aufträge vergibt. Deshalb ist ein Transparenzgesetz dringend nötig." Sie selbst wolle als angehende Politikerin vorangehen und verspricht: "Von mir wird es einen Lobbykalender geben und ich werde meine Nebeneinkünfte offenlegen." Das hielten bislang nur wenige Bundespolitiker so. Dabei gelte wie bei so Vielem: "Wir müssen auch klein denken und damit als Leuchtturm andere unter Druck setzen."