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| 17:22 Uhr

Premiere
„Weniger arbeiten – mehr Italien!“

 Leonce und Lena nach Georg Büchner in der Aufführung des Jugendclubs am Staatstheater Cottbus.
Leonce und Lena nach Georg Büchner in der Aufführung des Jugendclubs am Staatstheater Cottbus. FOTO: Kross Marlies / Marlies Kross/Theaterfotografin
Cottbus. Darsteller des Jugendclubs des Staatstheaters Cottbus bringen Leonce und Lena auf die Bühne. Von Ingrid Hoberg

 Mit schlafwandlerischer Sicherheit tragen sie Stühle und anderes Mobiliar über die Zuschauerränge auf die Bühne, alles ein bisschen chaotisch, aber doch mit einem Ziel: Es soll ein Zuhause werden, in dem sie sich wohlfühlen, aber auch von der Welt abschotten können. 14 junge Leute im Alter von 15 bis 22 Jahren schaffen sich eine Wohngemeinschaft, in der Kommen und Gehen zum Prinzip gehört.

Der Herzschlag des Lebens ist zu hören, dann geht es zur Sache: Über den Laufsteg walken, flanieren, stolzieren, huschen je nach Charakter die Akteure der nächsten 70 Minuten. Jeder lässt dazu seine Musik krachen, um sich schließlich einen Platz in der „Komm-und-Geh“-WG zu sichern. Ein Aufschrei: „Ich bin offline!“  Ja, das ist schlimm. Schlimmer, noch langweiliger, das Leben einer Prinzessin und die Feststellung: „Man kann nicht nichts tun. Man kann auch nicht nicht kommunizieren!“  Dazu der provokante, kollektive Blick ins Publikum. Ja, die Geschichte geht auch das Publikum an, zu dem sich die Darsteller auf Augenhöhe befinden.

„Was machen wir jetzt?“ „Spieleabend!“, so die rettende Idee, mitten aus dem Leben gegriffen. „Ich kann mich nicht entscheiden!“, heißt es da auf der Bühne. „Ist alles so schön bunt hier!“, schrie dazu Nina Hagen, „Godmother of Punk“,  1978 auf ihrer Platte „Ich glotz TV“ ins Mikro. „Allein! Die Welt hat mich vergessen, ich hänge rum! … Keine Lust zu gar nichts.“ Diese musikalische Assoziation manch eines älteren Zuschauers hatten die jungen Leute auf der Bühne nicht – ist eben auch schon eine Omi, die Nina.

Ihre Befindlichkeiten finden die Darsteller bei einem, der vor weit längerer Zeit die Welt verändern wollte – bei Georg Büchner (1813 bis 1937), dem Dichter des Vormärz (zwischen 1830 und 1848/49). Die Auswahl seines Stückes haben sie zunächst im „Blindverfahren“ getroffen. Die Stationen der Reise zu Leonce und Lena können Theaterbesucher im Programmheft verfolgen. „Ich habe zunächst zehn Stücke ausgesucht, ohne die Titel zu nennen“, erklärt Theaterpädagogin Nadine Tiedge. Am Anfang steht eine leere Bühne, es gibt erste Ideen für die Ausstattung, für Figurenkonstellationen, Themen, Dialoge. Die Liste der Stücke wird kleiner, die Grundsituation der Inszenierung festgelegt und eine Entscheidung getroffen: für „Leonce und Lena“. „Ich hätte es mir auch leichter machen können, einfach ein Stück festgelegt und dann mit der Probenarbeit begonnen“, ergänzt Tiedge. „Doch sie liebten den Büchner-Text.“

Zwangsheirat, Arbeit, Langeweile, Liebe, Macht und Suizid sind Themen, die die jungen Leute in dem Lustspiel entdecken, das seiner Zeit einen satirischen Spiegel vorhielt. Die 14 Darsteller setzen sich mit dem Stoff auseinander, betrachten die Figuren. Dazu schreiben sie eigene Texte für ihre Fassung des Stücks. Es werden Video- und Tonaufnahmen gemacht. Eine Zeit des Arbeitens. Während eines Probenlagers werden die Rollen der WG-Bewohner und die Figuren des Büchner-Stücks zusammengeführt.

„In den letzten zwei Wochen haben wir jeden Nachmittag bis in den Abend an dem Stück gearbeitet. Das war sehr intensiv“, sagt Sophie Lehmann. Sie spielt an der Seite von König Peter (Saleh Alallwan) die Königin Petra, die es so in der Büchner-Fassung nicht gibt. „Ich wollte diese Figur mehr in den Vordergrund rücken“, sagt die 17-Jährige, für die es die zweite Produktion mit dem Jugendclub ist.

„Weniger arbeiten – mehr Italien!“, das ist die Forderung am Ende des Stückes gewesen. Doch gerade daran haben sich die Clubmitglieder in den letzten Wochen zum großen Vergnügen der Zuschauer nicht gehalten. Tosender Applaus für die Darsteller und Sängerin Linda Lehmann, Nadine Tiedge (Künstlerische Leitung), Hans-Holger Schmidt (Bühne), Katrin Ax (Kostüme) und Anne Haupt (Assistenz).

Karten für die Vorstellungen
am Mittwoch, 29. Mai, Dienstag, 4. Juni, Donnerstag, 6. Juni, Mittwoch, 12. Juni, Freitag, 14. Juni,  jeweils um 19.30 Uhr sind derzeit erhältlich im Besucherservice sowie online unter
www.staatstheater-cottbus.de,
Ticket-Telefon 0355 78242424. Für die nächste Vorstellung am Dienstag, 28. Mai, 19.30 Uhr, kann an der Abendkasse nach Restkarten gefragt werden.

 Leonce und Lena nach Georg Büchner in der Aufführung des Jugendclubs am Staatstheater Cottbus.
Leonce und Lena nach Georg Büchner in der Aufführung des Jugendclubs am Staatstheater Cottbus. FOTO: Kross Marlies / Marlies Kross/Theaterfotografin