Die Bürgerhäuser in der Neustädter Straße von Cottbus sind eine Freude für die Augen des Betrachters. Hier, in der Nummer 35, befand sich in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts das Möbel- und Warenkredithaus Levy & Lippmann. Der Kaufmann Julius Lippmann war seit 1911 Teilhaber dieses Geschäftes. Seine Ehefrau Berta entstammte der Familie Levy. Geboren 1892, war sie die Älteste von drei Geschwistern. Bruder Max kam 1894 zur Welt, die Schwester Gertrud im Dezember 1902. Der Vater starb schon 1912, die Mutter sieben Jahre später. Julius Lippmann führte das Geschäft der Schwiegereltern weiter, war seit 1928 dessen Inhaber. Seit 1919 lebte er mit seiner Frau Berta und dem Sohn Herbert in der Neustädter Straße 15. Alles war gut, bis zum Jahr 1933. Dann brach das Unglück dramatisch über sie herein. Denn: die Familien Lippmann und Levy waren Juden.

Nach der Reichspogromnacht am 9. November 1938 wurde Berta Lippmanns Bruder Max Levy gemeinsam mit anderen Cottbuser Juden verhaftet und in das KZ Sachsenhausen deportiert. Am 13. Dezember 1938 konnte er das Lager wieder verlassen. Damals wurde der Familie auch die Existenzgrundlage entzogen - laut Gesetz durften ab Ende 1938 jüdische Bürger keine Läden und Betriebe mehr führen. Eine schreckliche Wendung nahm das Leben von Gertrud, der jüngsten der drei Levy-Geschwister. Sie wurde von der Familie behütet, denn ein Herz- und ein Rückenmarksleiden verlangten Schonung. Im Oktober 1938 wurden jüdische Bürger mit polnischen Wurzeln nach Polen abgeschoben. Unter ihnen waren drei Freundinnen von Gertrud Levy. Diese versuchte zu helfen, schickte Kleidung nach, verkaufte Möbel aus dem verlassenen Haushalt. Und verstieß damit gegen Devisenbestimmungen. Im Januar 1939 wurde sie verhaftet und kam ins Cottbuser Frauenzuchthaus. Sie hielt die Haft nicht lange aus. Am 25. März 1939 erhängte sie sich im Gefängnis.

Berta und Julius Lippmann zogen im Oktober 1941 nach Berlin. Sie bewohnten ein Zimmer in der Choriner Straße, Stadtteil Prenzlauer Berg. Sicher hofften sie, so dem Zugriff der Häscher zu entgehen. Es war ein Irrtum. Julius Lippmann starb am 31. Dezember 1942 in Berlin. Seine Frau Berta wurde am 12. Januar 1943 im eiskalten Viehwaggon nach Auschwitz deportiert. Sie starb dort mit 51 Jahren. Neun Monate früher verschleppten die Nazis ihren Bruder Max in das Warschauer Getto. Seine Spuren verlieren sich dort. Keiner der drei Geschwister hat den Holocaust überlebt. Allein der Sohn Herbert Lippmann konnte nach Australien auswandern. In der Neustädter Straße 15 erinnert ein Stolperstein an Berta Lippmann. An Gertrud und Max Levy erinnern Stolpersteine in der Neustädter Straße 37 und in der Sandower Straße 2.

Quellen: AG Stolpersteine, Gedächtnisbuch 6 der Jüdischen Gemeinde