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| 02:33 Uhr

Judenhass macht auch vor Cottbuser Anwalt nicht halt

In der Bahnhofstraße 62 erinnern Stolpersteine an Hermann Hammerschmidt und weitere Familienangehörige.
In der Bahnhofstraße 62 erinnern Stolpersteine an Hermann Hammerschmidt und weitere Familienangehörige. FOTO: Michael Helbig/mih1
Cottbus. Es war in den 20er, Anfang der 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts, als zwei Sätze die Runde machten in Cottbus: "Wenn du Streit hast und rechtlichen Beistand brauchst, geh zu Hammerschmidts. Die verstehen ihr Fach. Erika Pchalek/epk9

"Der Vater Abraham hatte 1886 die Anwaltsdynastie begründet. Vier Söhne folgten dem Beispiel des Vaters und verschrieben sich der Rechtswissenschaft. Hans und Hermann praktizierten als Anwälte in der väterlichen Kanzlei. Die Familie war hoch geachtet in der Stadt. Der Cottbuser Anzeiger veröffentlichte zum 70. Geburtstag 1928 und zum 50. Anwaltsjubiläum von Abraham Hammerschmidt 1931 umfangreiche Würdigungen. Seinen Tod im Jahr 1934 erwähnte das Blatt mit keiner Zeile. Das muss nicht verwundern. Raste doch seit 1933 der Judenhass im Land. Und Hammerschmidts waren jüdische Bürger.

Nach dem Tod des Vaters übernimmt der älteste Sohn Hermann die Rolle des Familienoberhauptes. Das Leben wird immer komplizierter. Schon 1933 hatten die jüngeren Brüder Hans und Walter staatliche Vertretungsverbote bekommen und waren arbeitslos. Cottbuser Geschäftsleute, die ihre Rechtsstreitigkeiten bisher durch die Kanzlei hatten erledigen lassen, zogen sich zurück. Hammerschmidts mussten Personal entlassen. Ab November 1935 darf Hermann Hammerschmidt nicht mehr als Notar arbeiten. Nach der Pogromnacht 1938 holt ihn am frühen Morgen des 9. November die Gestapo aus dem Bett, schleppt ihn ins Gefängnis. Die Kanzlei in der Bahnhofstraße ist verwüstet. Es ist dem mutigen Einsatz seiner arischen Ehefrau Elisabeth zu verdanken, dass Hermann Hammerschmidt bald wieder frei kommt. Die Lagerhaft im KZ Sachsenhausen bleibt ihm erspart. Sein Bruder Walter dagegen stirbt wenige Tage nach der Entlassung aus dem KZ. Ende November 1938 verliert Hammerschmidt seine Anwaltszulassung. Er ist lediglich als jüdischer Konsulent für den Regierungsbezirk Frankfurt/Oder zugelassen. Die Akten aus jener Zeit erzählen eindringlich von menschlichem Leid und vom selbstlosen Einsatz des Anwalts für seine jüdischen Mitbürger. Die Repressionen werden immer unerträglicher. Im September 1941 wird das Vermögen der Familie eingezogen. Begründung: Der Reichsminister des Innern hat "…festgestellt, daß die Bestrebungen des Juden Hermann Israel Hammerschmidt … volks- und staatsfeindlich gewesen sind". Noch schützt ihn die arische Ehefrau vor der Deportation. 1944 kann auch sie nicht mehr helfen. Hermann Hammerschmidt wird ins Lager Schwetig (heute Swiecko) bei Frankfurt/Oder verschleppt und ermordet. Im Stadtteil Sandow trägt heute eine Straße seinen Namen. In der Bahnhofstraße 62 erinnern Stolpersteine an Hermann Hammerschmidt und weitere ermordete Familienmitglieder.

Quellen: Helmut Donner, Cottbuser Straßennamen erläutert, Euroverlag Cottbus GmbH, Wolfgang Hammerschmidt, Spurensuche, Psychosozial-Verlag 1996