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| 15:48 Uhr

Interview Jim Avignon
„Das Leben ist ein Ideengeber“

 Jim Avignon ist Maler, Musiker, Illustrator und Konzeptkünstler.
Jim Avignon ist Maler, Musiker, Illustrator und Konzeptkünstler. FOTO: auerswald concept gmbh
Burg. Der Berliner Pop-Art-Künstler Jim Avignon wird in Burg im Rahmen der „Fontane-Zeit-Entdecker“-Aktion ein Kunstwerk live gestalten. Dabei darf ihm das Publikum zuschauen. Die RUNDSCHAU sprach mit dem Ausnahmemaler über Kommerz, große Träume und zerstörte Kunstwerke auf der Dokumenta.

Seit den 80er-Jahren wohnen Sie in Berlin. Warum Berlin?

Avignon Ich kenne viele Großstädte, doch Berlin hat für mich eine ganz eigene Energie. Mir gefällt besonders, dass Statussymbole hier keine besondere Rolle spielen. Vielmehr geht es darum, wie originell man ist. Deshalb zieht Berlin vermutlich auch Künstler aus aller Welt an.

Im September machen Sie nun einen Abstecher nach Burg und werden ein Bild vor Publikum malen. Wie kann man sich das vorstellen?

Avignon Ein Großteil des Kunstwerkes ist bereits vorher fertig. Das letzte Teil wird live bei einer Kahnfahrt gemalt und ins Gesamtbild eingefügt. Im Prinzip kann alles, was an diesem Tag passiert, ins Motiv mit einfließen.

 Das Logo der „Fontane-Zeit-Entdecker“-Aktion stamm von Jim Avignon.
Das Logo der „Fontane-Zeit-Entdecker“-Aktion stamm von Jim Avignon. FOTO: Jim Avignon

Das hört sich nach viel Spontanität an . . .

Avignon Ja. Mich interessiert der Moment der Kreativität. Etwas vorher Geplantes zu wiederholen, ist keine so große künstlerische Herausforderung. Die schönsten Motive kommen aus dem Moment. Darauf baue ich.

Damit haben Sie bereits Erfahrung. Bei der Documenta in Kassel hatten Sie jeden Tag ein Bild gemalt und es anschließend vom Publikum zerstören lassen. Planen Sie das auch für Burg?

Avignon Nein. Das ist schon einige Jährchen her (lacht). Ich war damals noch jünger. Und es ging nicht darum, Kunst zu zerstören, sondern zu zeigen, dass Kunstwerke nicht nur gemacht werden, um Wertgegenstände zu schaffen, sondern für die Idee, für die Aussage, für die Kommunikation stehen. Aber Kassel ist 20 Jahre her. Ich war damals vor allem jung und rebellisch.

Die Preise auf dem Kunstmarkt erklimmen immer neue Höchstmarken. Sie hingegen verschenken mitunter sogar Ihre Werke. Ist das als Kritik am Kommerz zu interpretieren?

Avignon Ja. Mein Verhältnis zum Kunstmarkt ist schon immer schwierig gewesen und ist es auch heute noch. Natürlich muss ich von meiner Kunst leben, aber meine Bilder sind nicht als Anlage gemacht. Ich möchte nicht, dass sie im Safe verschwinden, um in ein paar Jahren für das Zehnfache weiterverkauft zu werden. Meine Bilder sollen von Menschen gekauft werden, die die Motive mögen und Spaß daran haben.

Sie sind ein echter Viel- und Schnellarbeiter. Durchschnittlich kommen Sie auf 4,37 Kunstwerke am Tag. Wo nehmen Sie die Ideen her? Fliegen sie Ihnen zu?

Avignon Wenn man mit offenen Augen durchs Leben geht, dann ist das Leben ist ein unentwegter Ideen- und Stichwortgeber. Es passiert so viel, was man malen kann, schöne und schlimme Dinge gleichermaßen. Die Welt ist in Veränderung. Es gibt so viele Dinge, die man kommentieren möchte. Mir reicht es schon, in der U-Bahn zu sitzen und die Mitfahrer zu studieren. Jedes Gesicht erzählt eine Geschichte. An Details wie Kleidung oder Gesichtsausdruck male ich mir aus, woher die Personen kommen und was sie erlebt haben.

Für das „Fontane-Zeit-Entdecker“-Projekt haben Sie auch das Logo entworfen. Wie sind Sie gerade auf dieses Motiv gekommen?

Avignon Ich liebe es, für komplexe Sachverhalte einfache Motive zu finden. Fontane hatte damals noch keine Schreibmaschine, er schrieb seine Ideen und Beobachtungen mit der Schreibfeder. Die Feder ist sein geistiges Fortbewegungsmittel, da schien es Sinn zu machen, ihm eine Feder als Rudel in die Hand zu geben.

Wie stehen Sie zu Fontane?

Avignon Ich muss gestehen, ich habe noch nicht allzu viel von Fontane gelesen, sein Leben aber schon studiert. Ich werde mich in den nächsten Wochen ausgiebig mit ihm befassen. Die Idee ist ja, aus den Gegenständen seiner Zeit eine Komposition zu erstellen, die etwas über ihn erzählt.

Gibt es in der Kunst Persönlichkeiten, die Sie beeindruckt haben? Auf einem Ihrer Bilder sind Sie mit Charlie Chaplin zu sehen.

Avignon Ja, mit der Art und Weise, wie Charlie Chaplin gearbeitet hat, kann ich mich am stärksten identifizieren. Wie er die Leute zum Lachen bringt, große, schwere Themen angeht, ihnen das Bedrohliche nimmt, ohne sie banal zu machen, beeindruckt mich wirklich. Das versuche ich in meiner Kunst auch.

Bevor Sie Künstler wurden, waren Sie Altenpfleger und Schulbusfahrer. Wie haben Sie zur Kunst beziehungsweise wie hat die Kunst Sie gefunden?

Avignon Also: Altenpfleger und Schulbusfahrer war ich nur während meiner Zivildienstzeit. Ich habe immer schon gezeichnet, und bin letztlich irgendwie in die Kunst hineingestolpert. Ich hatte damals nicht das Verlangen, Kunst zu studieren, ich wollte eher Kunst leben. Ausgestellt habe ich in Cafés und Bars und dort auch meine Motive gefunden. Die Bilder fanden großen Anklang, ich habe viele verkauft und konnte davon leben. Das mache ich nun so ähnlich schon seit fast 30 Jahren, bin damit aber eher eine Ausnahme im Kunstbetrieb.

Sie haben die Berliner Mauer bemalt, auch ein Flugzeug. Gibt es noch einen Traum, den Sie sich als Künstler erfüllen wollen?

Avignon Im Sinne eines Gegenstandes, den ich noch bemalen möchte, nicht. Ein Flugzeug mit meinem Design – das war schon das Non-Plus-Ultra. Ich war trotzdem erleichtert, als die Designs wieder übersprayt wurden, nachdem die Fluggesellschaft Deutsche BA pleite ging. All die Jahre hatte ich Alpträume, dass die Maschine mit meinem Motiv verunglücken könnte.

Kein Wunsch mehr offen?

Avignon Doch. Ein Traum für mich wäre, für einen Spiel- oder Animationsfilm eine Motivwelt zu erschaffen. So etwas wie die Traumsequenz von Salvador Dali im Hitchcock-Film „Spellbound“ (deutscher Titel: „Ich kämpfe um dich“/d. R.). Das habe ich tatsächlich noch nie gemacht.