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"Jetzt habe ich hier den Schlüssel"

Prominenter Besuch: Siegmar Faust (r.) zeigt Liedermacher Wolf Biermann (l.) und dem Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, im Zuchthaus in Cottbus eine "Tigerkäfig" genannte Zelle .
Prominenter Besuch: Siegmar Faust (r.) zeigt Liedermacher Wolf Biermann (l.) und dem Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, im Zuchthaus in Cottbus eine "Tigerkäfig" genannte Zelle . FOTO: dpa
Cottbus. Kalt, dunkel und feucht ist der Kellerraum des Hauses 2 in der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus. "Hier war mal das Ofenrohr", sagt Siegmar Faust und zeigt auf eine runde zubetonierte Stelle in der Wand. Die Isolationszelle kennt Faust nur zu gut. Luise Poschmann / dapd

Das heutige Vorstandsmitglied des Vereins Menschenrechtszentrum Cottbus war dort Mitte der 1970er-Jahre wegen "staatsfeindlicher Hetze" 401 Tage inhaftiert. Seit der Eröffnung einer Ausstellung und der Sanierung eines Teils der Haftanstalt gibt er regelmäßig Führungen. "Jetzt habe ich hier den Schlüssel", sagt Faust nicht ohne Stolz.

Der heute 68 Jahre alte Zeitzeuge blickt auf ein bewegtes Leben zurück. Geboren wurde er im sächsischen Dohna, nach dem Abitur verschlug es ihn nach Leipzig, wo er Kunsterziehung und Geschichte studierte. Seit 1968 wurde der damals bekennende Marxist von der Staatssicherheit der DDR beobachtet und verfolgt.

"Dissident war ich schon sehr früh, aber zuerst nicht prinzipiell gegen das System", erklärt Faust. "Von der Theorie des Staates war ich überzeugt, dann kam die Konfrontation mit der Wirklichkeit." Wegen "Disziplinlosigkeit und politischer Unzuverlässigkeit" sowie der Organisation einer Lesung mit angeblich staatsfeindlicher Lyrik wurde Faust exmatrikuliert. Er versuchte, einige Schriften im Westen zu veröffentlichen und schrieb in der Deutschen Bibliothek moderne Literatur aus dem Westen per Hand ab. 1971 wurde er festgenommen und in die Untersuchungshaftanstalt der Stasi in Leipzig gebracht.

"Ich war empört, dass ich wie ein Schwerverbrecher behandelt wurde", erzählt Faust. Die erste Woche in Haft sei die schlimmste seines Lebens gewesen. Zweimal sei er auch körperlich misshandelt worden, sagt Faust, doch viel schlimmer seien psychische Qualen gewesen. 1972 wurde eine Amnestie erlassen, die auch politische Häftlinge umfasste. Faust kam frei und war in den nächsten Jahren Hilfsarbeiter in einer Papierfabrik.

Nach dem Beitritt der DDR zu den Vereinten Nationen (UN) 1973 besorgte sich Faust über Umwege die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, vervielfältigte das Papier und hängte es in seinem Betrieb aus. Als ihm ein Ausreiseantrag verweigert wurde, verfasste er gemeinsam mit Bekannten eine Petition. Darin verwies er auf die Mitgliedschaft der DDR in der UN und forderte seine Menschenrechte ein. Zu vier Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt, kam er in das Zuchthaus Cottbus, wo er als politischer Gefangener weiterhin für Unruhe sorgte und die Ereignisse schriftlich festhielt.

"Ich habe mich als Chronist mit dem inneren Auftrag gefühlt, mir zu merken, was passiert", sagt Faust. Seine schriftstellerische Tätigkeit wäre ihm im Cottbuser Zuchthaus fast zum Verhängnis geworden. Über andere Häftlinge bekam er Papier und Stifte und begann, eine handgeschriebene Zeitung anzufertigen. Als Parodie auf die SED-Parteizeitung "Neues Deutschland" nannte er sie "Armes Deutschland" - ein Satireblatt, das sich ironisch mit der Weltpolitik auseinandersetzte und kritisch auf die Wahrung der Menschenrechte verwies. "Die anderen Häftlinge haben mich geschützt, ich habe dort viel Solidarität erfahren", sagt Faust. In Einzelhaft hätten ihm die Gefangenen das Papier und die Stifte durch das Ofenrohr geschmuggelt. Die 13 fertigen Schriften versteckte er unter seinem Fäkalienkübel - dem einzigen Ort, wo die Wärter nicht genau suchten. "In Cottbus war es so weit, dass ich endlich Opposition war", sagt Faust. 1976 wurde er durch die Intervention eines Bekannten beim Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker vom Westen freigekauft.

In den 1990er-Jahren war er Beauftragter für die Stasi-Unterlagen in Sachsen, doch den Großteil seiner vergangenen Jahre verbrachte Faust mit Vorträgen als Zeitzeuge.

Im kommenden Jahr soll in der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus eine Dauerausstellung eröffnet werden. Doch schon jetzt führt er häufig Schulklassen und andere Besucher herum. "Ich habe mir mein Leben eigentlich anders vorgestellt", sagt der 68-Jährige und fügt hinzu: "Aber wenn es nun einmal so sein sollte, dann kann ich auch was Sinnvolles damit anfangen und den Leuten davon erzählen ."

Zum Thema:
Der Verein Menschenrechtszentrum Cottbus wurde im Oktober 2007 überwiegend von ehemaligen politischen Gefangenen der DDR gegründet. Nach eigenen Angaben verfolgt er das Ziel, die Geschichte der DDR-Haftanstalt in Cottbus aufzuarbeiten und einen Beitrag zur Versöhnung zu leisten. Der ehemalige politische Häftling und Brandenburger CDU-Politiker Dieter Dombrowski ist Vorstandsvorsitzender. Im Mai 2011 konnte der Verein das ehemalige Gefängnis Zuchthaus Cottbus vom privaten Eigentümer erwerben. Am 4. September 2012 wurden nach einer ersten Sanierung einige Teile des Hafthauses 1 für Besucher geöffnet. Für Ende des Jahres 2013 ist die Eröffnung einer Dauerausstellung geplant, die zurzeit von Historikern und Zeitzeugen konzipiert wird. www.menschenrechtszentrum-cottbus.de