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"Jeder Mensch braucht eine Chance"

Sabrina Hahm und KLS-Chef Kai Lehmann sind ein gutes Team.
Sabrina Hahm und KLS-Chef Kai Lehmann sind ein gutes Team. FOTO: hil
Cottbus. Inklusion ist ein sperriges Wort und sorgt häufig für Ängste und Unbehagen. Wie lohnend die Integration von Menschen mit Behinderung im Berufsalltag sein kann, beweist der Cottbuser Handwerksbetrieb KLS. Der Inhaber Kai Lehmann wurde mit dem ersten Inklusionspreis der Handwerkskammer ausgezeichnet. Andrea Hilscher

Kai Lehmann ist seit 2002 Chef der Firma KLS, die Malerarbeiten, Bodenbelagsarbeiten, Fassaden und Trockenbau übernimmt. 21 Mitarbeiter hat die Firma, derzeit werden drei Lehrlinge ausgebildet. Unter ihnen ist auch Sabrina Hahm aus Großräschen.

Kai Lehmann, der in der Handwerkskammer aktiv im Berufsbildungsausschuss mitwirkt, hat das junge Mädchen im vergangenen Jahr auf dem ersten inklusiven Frühstück in Großräschen kennengelernt.

"Bei dieser Gelegenheit konnten sich die jungen Leute in Ruhe bei den unterschiedlichsten Firmen vorstellen, ihre Bewerbungsmappen abgeben und kleinere Arbeiten vorzeigen", so Lehmann. "Mit der Zeit bauten die künftigen Azubis ihre Hemmungen ab - durch ihre Behinderungen gehen sie nicht so selbstbewusst auf andere Menschen zu wie andere Jugendliche."

Kai Lehmann, der regelmäßig Azubis aufnimmt, war angetan von Sandras freundlicher, höflicher Art. Auch ihre Bewerbungsmappen und ihre Zeichnungen gefielen dem Cottbuser. Er ist überzeugt: "Jeder Mensch braucht eine Chance."

Sabrina Hahm hat einen Förderschulabschluss, ist lernbehindert. Nach einem Praktikum bei KLS konnte sie dennoch einen Ausbildungsvertrag unterschreiben. "Und bis heute haben wir unsere Entscheidung nicht bereut", bekräftigt der Maler- und Lackierermeister. "Rücksicht ist auch eine Form von Ausgrenzung", sagt er. Deshalb gilt für Sabrinas Ausbildung: keine Ausnahmen. Sie wird behandelt wie jeder andere Lehrling auch. Mit Zusatzunterricht versucht die angehende Bauten- und Objektbeschichterin, ihre Lerndefizite auszugleichen.

Christian Jakobitz, Inklusionsberater der Handwerkskammer: "Sabrina hat in den vergangenen Monaten sehr große Fortschritte in ihrer Persönlichkeitsentwicklung gemacht." Deshalb wurde das ursprüngliche Ausbildungsziel - ein vereinfachter Berufsabschluss - bereits jetzt umgewandelt: Sabrina soll einen regulären Abschluss machen. Kai Lehmann: "Mit dem vereinfachten Abschluss kann man zunächst den Druck aus der Ausbildung nehmen, die Hürden für Menschen mit Behinderung senken. Aber Sabrina hat das Zeug für mehr." Für den Ausbilder kostet die Beschäftigung mit lernbehinderten Jugendlichen mehr Zeit. "Aber wir bekommen dafür sehr viel Engagement und Einsatzbereitschaft zurück", sagt der Firmenchef.

Und Sabrina Hahm? Die ist begeistert von ihrem Job. "Ich bin ja noch im ersten Lehrjahr, aber ich bin sicher, dass die Arbeit für mich genau das richtige ist", sagt sie zufrieden.

Damit sie und die anderen Azubis von KLS in Ruhe und mit viel Praxisbezug arbeiten können, hat Kai Lehmann seine Baustelle am künftigen paralympischen Zentrum in Cottbus als Lehrlingsprojekt definiert. "Die Stadt hat dafür gute Konditionen bekommen, im Gegenzug können die jungen Leute arbeiten, ohne Angst vor jedem Fehler haben zu müssen. Wenn eine Wand nicht gleich korrekt verputzt ist, fangen sie eben noch mal von vorn an." Lehmann hofft, dass zumindest einige seiner Azubis der Firma treu bleiben. "Die meisten gehen in andere Städte oder gleich ins Ausland."

Beim zweiten inklusiven Frühstück der Handwerkskammer war er mit seinem Ausbilder Torsten Reyke erneut zu Gast. Kai Lehmann wurde für sein Engagement mit dem Inklusionspreis der Handwerkskammer ausgezeichnet. "Außerdem habe ich wieder einen ganzen Stapel Bewerbungen gesammelt", erzählt er. Wenn alles passt, wird er auch in diesem Jahr einen Azubi mit Handicap einstellen.

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