ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 19:03 Uhr

Jahrestag
Ein Shalom zum Gedenken an Auschwitz

 Einige Hundert Cottbuser sangen am Sonntagnachmittag vor der Synagoge „Shalom Chaverim“.
Einige Hundert Cottbuser sangen am Sonntagnachmittag vor der Synagoge „Shalom Chaverim“. FOTO: Michael Helbig
Cottbus. Hunderte Cottbuser singen vor der Synagoge, zeitgleich demonstriert „Zukunft Heimat“ nur wenige Meter entfernt.

Wie ein Lauffeuer hatte sich die Nachricht über das Internet verbreitet: Chöre und Sänger sollten an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau auf besondere Weise erinnern. Vor und nach der Gedenkfeier in der Synagoge auf dem Schlosskirchplatz sollten sie den hebräischen Kanon „Shalom Chaverim“ anstimmen.

Dem Aufruf folgten mehrere Hundert Menschen, die sich rasch verteilte Zettel mit Textzeilen teilten. „Der Friede des Herren geleite Euch“ heißt die übersetzte Botschaft, und sie rührte viele Menschen zu Tränen. Stadtverordnetenvorsteher Reinhard Drogla (SPD) stimmte in den Chor ebenso ein wie Wissenschaftsministerin Martina Münch (SPD) und zahlreiche Politiker. Gekommen waren viele internationale Studierende der BTU, Eltern mit ihren Kindern, Rentner und Besucher aus den umliegenden Kreisen. Bürgervereinschef Michael Tietz aus Schmellwitz: „Dieses Datum spricht für sich. Wir müssen uns gegen Diskriminierung in jeder Form wehren und dafür sorgen, dass nicht vergessen wird, was an schrecklichem Unrecht geschehen ist.“

In der Synagoge spielte die Musikerin Anke Wingrich, dazu las Pfarrerin Johanna Melchior das Kaddish. Das Gotteshaus war so überfüllt, dass die Türen zeitweise geschlossen werden mussten. Besondere Freude kam auf, als sich herumsprach, dass auch die Nachkommen von Max Schindler, die sich nach einem Cottbus-Besuch schon auf der Rückreise befunden hatten, extra für die Gedenkfeier zurückgekehrt waren, um der Jüdischen Gemeinde ihre Referenz zu erweisen.

Zahlreiche Gäste beklagten , dass Oberbürgermeister Holger Kelch (CDU) nicht zu der Gedenkveranstaltung gekommen war. „Er hätte ein wichtiges Zeichen setzen können“, sagten Viele – denn zeitgleich zu dem „Shalom“ auf dem Schlosskirchplatz hatte der Golßener Verein „Zukunft Heimat“ vor dem Stadtbrunnen zur Kundgebung aufgerufen. Die Trommler der Dresdner Volksliedertafel versuchten, mit „Märkische Heide“ die Sänger vor der Synagoge zu übertönen.

Auf dem Heronplatz versammelten sich einige Hundert Demonstranten. Namentlich wollten sie sich nicht zur zeitgleich stattfindenden Gedenkveranstaltung äußern. Ein Rentner: „Der Termin ist unglücklich gewählt, aber ein Deutscher muss heute hier bei uns stehen.“ Zwei Frauen: „Das ist Demokratie. Wir dürfen hier demonstrieren.“ Auch Christoph Berndt, der für die AfD in den Landtag ziehen will, bezog sich auf den Auschwitz-Gedenktag: Er bat, sich nicht von den Teilnehmern der „Gegenveranstaltung“ vor der Synagoge provozieren zu lassen. Zudem verwies er auf Antisemitismus bei Zuwanderern.

(hil)