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| 12:44 Uhr

Cottbus
„Ich war ein echter Sonnyboy“

Gerhard Printschitsch als Fürst Pückler Pückler vor dem..Marstall des Branitzer Schlosses ..
Gerhard Printschitsch als Fürst Pückler Pückler vor dem..Marstall des Branitzer Schlosses .. FOTO: TheaterNative C
Gerhard Printschitsch gründete die TheaterNative C.                                      Zu seinem 70. Geburtstag sprach die RUNDSCHAU mit ihm. Von Ulrike Elsner

Herr Printschitsch, Sie haben die Leitung der TheaterNative C nach 28 Jahren in jüngere Hände gegeben. Wie fühlt sich das an?

Printschitsch Wir bereiten uns ja seit zirka fünf Jahren darauf vor, und hatten mehrere Bewerber. Zum 1. Januar 2018 hat nun Hauke Tesch das Theater übernommen und ich wünsche ihm, dass er es schafft, die TheaterNative C erfolgreich weiterzuführen.

Jetzt können Sie sich ein wenig mehr Ruhe gönnen?

Printschitsch Ein bisschen schon. Ich freue mich darauf, mehr Zeit für meine Familie zu haben. Aber ich spiele ja auch noch meine Rollen in der Kleinen Komödie weiter. Außerdem inszeniere ich hier momentan die schwarze Kriminalkomödie „Ein Mordssonntag“ mit neuen Schauspielerinnen, die am 31. März Premiere haben wird.

Wann haben Sie eigentlich zum ersten Mal auf der Bühne gestanden?

Printschitsch Mit acht Jahren habe ich in den Ferien in der Steiermark das erste Mal Theater gespielt und von da an hat sich der Wunsch festgesetzt, Schauspieler zu werden. Sehr zum Leidwesen meines Vaters. Aber ich habe das sehr eisern verfolgt, an der Akademie für Musik und darstellende Kunst in Graz Schauspiel studiert und mich entschlossen, nach Abschluss des Studiums 1968, in die DDR zu gehen. Da alle großen Theaterkünstler vom Schauspieltheater der DDR schwärmten, fiel es mir als Mitglied der Kommunistischen Partei Österreichs nicht schwer, mich in Anklam zu bewerben. Ich wurde ins Ministerium für Kultur nach Berlin eingeladen, um vor der Anklamer Theaterleitung vorzusprechen und wurde prompt engagiert.

Wie hat die DDR-Provinz den Österreicher aufgenommen?

Printschitsch Ich war ein richtiger Sonnyboy. Bei der üblichen Vollversammlung zu Beginn der Spielzeiteröffnung wurden verdiente Kollegen ausgezeichnet. Ich jubelte bei jedem Ausgezeichneten und rief Bravo, da Auszeichnungen in Österreich etwas ganz Besonderes sind. Dann wurde ein älterer Techniker zu seiner Auszeichnung aufgerufen und sagte: „Wenn der neue Kollege aus dem kapitalistischen Ausland noch mal Bravo ruft, lehne ich es ab, meine Auszeichnung entgegenzunehmen.“ Da wusste ich, hier laufen die Dinge etwas anders. Begeistert war ich auch, als eine Probe abgebrochen wurde und alle zu einer politischen Versammlung zusammengerufen wurden, was in Österreich undenkbar wäre. Es ging um den Einmarsch der Sowjettruppen in die  CSSR. Der Intendant verlas ein Schreiben, in dem man dieses Vorgehen begrüßte und forderte die Anwesenden zum Bekenntnis per Handzeichen auf. Das taten auch alle, nur ich nicht. Auf die Frage: „Warum nicht?“, antwortete ich, dass ich im Sender Freies Berlin eine ganz andere Darstellung der Vorgänge gehört habe. Ich wurde sofort ins Intendantenzimmer zitiert, wo ich von einem Genossen ordentlich zusammengefaltet wurde.

Wie lange waren Sie in Anklam?

Printschitsch Zwei Jahre, dann wollte ich zurück nach Österreich. Das Ministerium unterbreitete mir daraufhin die Angebote, nach Magdeburg oder Cottbus zu gehen. Also bin ich erst ein Wochenende nach Magdeburg gefahren, wo es keine einzige Vorstellung am Theater gab. Vierzehn Tage später habe ich dann ein Wochenende in Cottbus verbracht, und gleich am Freitagabend „Die Räuber“ und am Sonntag vor dem Branitzer Schloss eine Ballettaufführung mit Eberhard Finck gesehen. Da wusste ich, das ist meine Stadt.

Was sich bestätigt hat?

Printschitsch Ich habe viel gespielt, den Antipholus von Ephesus in Shakespeares „Komödie der Irrungen“, „Charlys Tante“, die tschechische Komödie „Das sündige Dorf“  und anderes mehr. Und ich bekam gleich im ersten Jahr das Angebot, in Lübben ein Kabarett zu leiten, bis ich später aus politischen Gründen abgesetzt wurde. Mit der Zeit habe ich aber gemerkt, dass es mich sehr interessiert, zu inszenieren, und ein Studium der Schauspielregie an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch begonnen. Danach habe ich in Radebeul, Fürth, am Staatstheater Karlsruhe und in Berlin Regie geführt, war zwei Jahre am Schauspielhaus Graz als Regisseur tätig und wurde für ein Jahr auf eine Gastprofessur an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Graz berufen.

1989 haben Sie die TheaterNative C gegründet.

 Printschitsch Den Plan gab es bereits im Sommer 89, schon damals war uns klar, Cottbus braucht eine Alternative zum großen Haus am Schillerplatz. Im November wurde die Konzeption beim Rat des Bezirkes eingereicht, aber wir hatten weder da noch beim Rat der Stadt Erfolg. Jeden Tag wurde ich vorstellig, nachdem Siegfried Wallendorf nach zwei Gesprächen die Hoffnung bereits aufgegeben hatte. Ende Dezember war es dann doch endlich so weit. Wir durften mit einem Gewerbeschein unser Theater eröffnen, in der Stadthalle auf der Podiumbühne. Als im Jahr 2000 der Umbau der Stadthalle begann, sind wir in die Interimsspielstätte auf dem ehemaligen Naco-Gelände in der Karl-Liebknecht-Straße 102 gezogen, bis sich der Unternehmer, Herr Heyde, bei mir meldete und uns den kleinen ruinösen Bauernhof in der Petersilienstraße 24 anbot, der noch heute unsere Spielstätte ist. Eine Million Mark hat er für den Umbau zur Verfügung gestellt, die nötige weitere halbe Million haben wir innerhalb kürzester Zeit durch Sponsoring aufgetrieben. Im Juni konnte die neue Spielstätte der TheaterNative C eröffnet werden, in einer Zeit, wo anderswo in Deutschland Theater dichtgemacht wurden.

Was sind für Sie die Höhepunkte in 28 Jahren TheaterNative C?

Printschitsch Es gab so viele Höhepunkte, der erste war aber ohne Zweifel die Eröffnung unseres 1. Cottbuser Theatersommers mit der Piaf-Inszenierung in der Stadthalle. Obwohl wir die Aufführung vierzehn Tage verlängert haben, mussten wir an einigen Abenden Leute wieder nach Hause schicken, weil wir ausverkauft waren. Was sich mit „Campiello“ im Innenhof des Wendischen Museums fortsetzte. Im Rathaus hieß es immer: „Ja, da haben Sie Glück gehabt mit einem guten Stück und guten Schauspielern.“ Dann habe ich den „Jedermann“ vor der Kahrener Kirche gemacht, der wieder ein Riesenerfolg war und der zehn Jahre lang aufgeführt wurde. Was unter anderem auch Pfarrer Huppatz zu verdanken ist. Danach hieß es: „Naja, das liegt an den Spielstätten.“ Es folgte das Musical „Im Weißen Rössl“ in der Friedrich-Ebert-Passage, und von da an förderte die Stadt unser Sommertheater. Eine besondere Wertschätzung unserer Arbeit erfuhren wir auch durch die Aufnahme der TheaterNative C als erstes privates Theater Brandenburgs in die Magisterarbeit von Sina Solaß, die sich an der Universität Leipzig mit der Thematik „Freie Theaterszene Ostdeutschlands – Entwicklung seit der Wende“ auseinandersetzte und ihre Arbeit erfolgreich verteidigte.

Und Tiefpunkte?

Printschitsch Auch die gab es reichlich, unter anderem nach jeder Ablehnung unserer Fördermittelanträge und nach der abrupten Einstellung der ABM. Aber mir war klar, dass es bei einem Privatunternehmen nicht nur gute Zeiten geben wird. Ende Dezember 2002 fehlte uns beispielsweise eine wichtige Unterschrift aus der Stadtverwaltung. Kulturamtsleiter Bernd Warchold war uns damals sehr behilflich. Ihm ist zu verdanken, dass diese Unterschrift noch vor Silvester geleistet wurde. Und wir konnten uns immer der Unterstützung unseres Publikums und unserer Theaterfreunde sicher sein, die die Stadt in kritischen Zeiten mit Unterschriftensammlungen um den Erhalt der TheaterNative C baten.

 Am 31. März hat „Ein Mordssonntag“ Premiere. Was würden Sie außerdem noch gern auf die Bühne bringen?

 Printschitsch Im vergangenen Jahr habe ich eine wunderbare Komödie in Karlsruhe gesehen: „Spanisch für Anfängerinnen“ mit einem Sänger, einem Gitarristen und einem Spanischlehrer. Es würde mich sehr reizen, dieses Stück zu inszenieren und mitzuspielen.

Bei der TheaterNative C?

Printschitsch Das liegt in den Händen des Trägervereins, der Theategesellschaft C, und des neuen Theaterleiters. Vorschlagen werde ich es ihnen auf jeden Fall. Es ist aber auch nicht ausgeschlossen, dass ich anderswo inszeniere und spiele. In den zurückliegenden 28 Jahren, die ich die TheaterNative C geleitet habe, musste ich das eine oder andere Angebot ablehnen, darunter auch drei Hauptrollen, zwei in Filmen und eine in einer Fernsehserie, weil mir einfach die Zeit dafür fehlte. Aber es freut mich natürlich, dass ich meinem Nachfolger ein Theater übergeben kann, das sich eines treuen Publikums, treuer Sponsoren und Mäzene erfreut und für nicht wenige Schauspieler auch das Sprungbrett für Engagements an großen Theatern war. Ich hoffe sehr, dass es Herrn Tesch gelingt, die hart erarbeitete gute Situation, in der sich die TheaterNative C bei meinem Ausscheiden befand, zu erhalten oder besser noch auszubauen.

Mit Gerhard Printschitsch
sprach Ulrike Elsner.