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| 19:43 Uhr

Musik & Politik
„Lieder sind keine Magisterarbeiten“

Einer trage des anderen Last. Da hat Monchi (unten) von Feine Sahne Fischfilet wohl etwas falsch verstanden.
Einer trage des anderen Last. Da hat Monchi (unten) von Feine Sahne Fischfilet wohl etwas falsch verstanden. FOTO: Bastian Bochinski
Die Band Feine Sahne Fischfilet spielt am 21. Juni im ausverkauften Gladhouse. Die RUNDSCHAU sprach vorab mit Sänger Jan „Monchi“ Gorkow über rechte Fußball-Fans, den Verfassungsschutz und die Gründe für ihren Spontan-Auftritt in Cottbus.

Monchi, Sie spielen mit Feine Sahne Fischfilet am 21. Juni in Cottbus. Den Termin gab es relativ spontan. Wie ist es dazu gekommen?

Monchi Wir haben gerade als Band das Privileg, relativ viele Leute zu erreichen und spielen in diesem Jahr einen großen Festival-Sommer. Einen Tag nach Cottbus stehen wir auf der Hauptbühne beim Hurricane-Festival vor mehr als 70 000 Leuten. Wir waren uns als Band einig, dass wir ein paar Warm-up-Shows spielen, um reinzukommen.  Da hatten wir uns halt Cottbus ausgeguckt, weil wir auch in Mecklenburg-Vorpommern mitbekommen haben, dass Cottbus gerade so ein zweites Dresden werden soll.  Die Neonazis fokussieren sich immer mehr auf diese Stadt. Wir haben aber auch mitbekommen, dass sich immer wieder auch viele Leute dagegenstellen.  Es gibt also auch noch coole Leute, und die wollen wir als Band unterstützen.

Es gab in Cottbus auch Stimmen, die Ihren Auftritt hier öffentlich kritisiert haben. Unter anderem kam die Kritik von der AfD. Grund war die bis 2015 andauernde Beobachtung durch den Verfassungsschutz. Wie sehen Sie diese Kritik?

Monchi Das ist uns als Band völlig egal. Und wer wie die AfD Neonazis in den eigenen Reihen hat, erst recht. Da muss man sich nur reinziehen, was der Gauland mit dem Vogelschiss gerade wieder erzählt hat. Wenn uns diese Leute nicht Scheiße finden würden, dann hätten wir was falsch gemacht. Unser Anspruch ist es nicht, irgendwelche AfD-Wähler oder –funktionäre umzustimmen.  Wir wollen für die Leute da sein, die sich dem Rechtsruck nicht hingeben. Das halten wir für wichtig. Deshalb machen wir das mit Cottbus Nazifrei zusammen. Solche Leute wollen wir supporten. Wir finden es einfach gut, wenn Leute nicht einfach nur sagen, das ist alles Scheiße hier, sondern wir einfach versuchen, gemeinsam etwas zu reißen.

Wie entstehen solche Entscheidungen eigentlich? Gerade diese politische Haltung von Ihnen hat ja auch Konsequenzen. So hat bei Feine Sahne Fischfilet schon mal der Bandbus gebrannt etc.

Monchi Alle Entscheidungen bei uns werden immer zu sechst getroffen. Wir haben gerade ganz viele Anfragen aus Städten bundesweit für solche Auftritte. Da setzen wir uns mit auseinander und quatschen darüber. Ich hatte zum Beispiel über die Situation in Cottbus längere Artikel gelesen, von den  Demonstrationen, von diesem Verein Zukunft Heimat, hab diese Diskussion im rbb angeschaut. Dann haben wir in der Band darüber gequatscht. Finden wir das richtig? Finden wir das wichtig? Bringt das den Leuten auch etwas? Wird das irgendwie inhaltlich begleitet? Es soll in Cottbus ja auch einen Vortrag von Cottbus Nazifrei geben.  Wir denken, das mit Cottbus ist die richtige Entscheidung und hoffen auf einen coolen Abend.

Sie haben selbst eine Vergangenheit in der Ultra-Szene von Hansa Rostock. Und wenn Sie sich eh mit der Situation in Cottbus beschäftigt haben, ist ja vielleicht auch der Ku-Klux-Klan-Auftritt im Umfeld der Aufstiegsfeierlichkeiten des FC Energie bekannt. Bei solchen Vorfällen gibt es auch immer wieder Vorwürfe an den Verein, dass er sich zu wenig von rechts distanziert.  Was kann ein Verein gegen solche Leute tun?

Monchi Der Umgang des Vereins mit diesen Sachen ist schon krass. Dass es Neonazis in der Fanszene gibt, ist keine Überraschung. Es ist an der Zeit, dass sich Leute aus dem Verein noch viel klarer positionieren müssen. Solche Probleme dürfen nicht kleingeredet werden. Der Fokus muss ganz klar auf die coolen Leute gelegt werden. Es kann nicht sein, dass solche Vereinigungen wie Ultima Raka ihre Arbeit einstellen und im Stadion Fahnen vom Bündnis Energiefans gegen Neonazis heruntergerissen werden. Genau solche Leute müssen unterstützt werden. Das sind keine Nestbeschmutzer. Mit diesen Leuten gemeinsam muss der Verein und müssen die Fans Position beziehen. Natürlich kannst du einen überzeugten Nazi nicht umstimmen, aber du kannst ihm das Feld nehmen. Es gibt da keine Patentlösung, aber nichts zu machen, ist auf jeden Fall keine Lösung.

Die Band wurde einige Jahre vom Verfassungsschutz beobachtet. Sie waren in der Ultra-Szene von Hansa aktiv. Wie gehen Sie als Band jetzt mit solchen Geschichten um?

Monchi Für uns ist das kein Riesenthema mehr. Wir gucken nach vorne. Es ist ein Teil der Bandgeschichte. Da wir es immer öffentlich und nie ein Geheimnis daraus gemacht haben, hat uns das auch Aufmerksamkeit gebracht. Wir haben es ja schon oft genug gesagt, dass wir es nach wie vor für erbärmlich halten, dass der Verfassungsschutz mehr über uns schreibt als über den NSU, der auch in Mecklenburg-Vorpommern gemordet hat, oder mehr über uns als über alle Nazibands zusammen. Das ist das schon eine Zustandsbeschreibung dieser Behörde.

Apropos „diese Behörde“. Neben den Nazis ist Ihr Verhältnis zur Polizei durchaus schwierig. Zumindest wenn man sich einige Liedtexte anhört. Was ist in Ihrem Leben passiert, dass das so ist?

Monchi Lieder sind keine Magisterarbeiten. In so einem Vierzeiler versuchen wir einfach, Emotionen auf einen Punkt zu bringen. Und wenn du Situationen erlebst, wo Bekannte und Freunde von dir in Kriegsgebiete wie Afghanistan abgeschoben werden, und dir ein Polizist sagt, ich mach hier nur meinen Job, dann erzeugt das viel Wut in dir. Und die Musik ist eben unser Versuch, diese Sachen zu verarbeiten.

Apropos Musik. Vor ein paar Jahren kannte Feine Sahne Fischfilet kaum jemand, jetzt ist sie eine der, wenn nicht DIE angesagteste deutsche Band. Wie gehen Sie damit um?

Monchi Es ist genial. Wir versuchen, alles mitzunehmen. Das neue Album „Sturm und Dreck“ war oben in den Charts. Auf unserer Tour war jedes Konzert ausverkauft. Das ist unglaublich. Vor vier Jahren haben wir in Cottbus vor 100 Leuten gespielt. Wir wissen genau, dass das auch ganz schnell vorbei sein kann. Wir lieben die Musik, die wir machen. Wir lieben das, was wir gerade machen dürfen. Und so versuchen wir natürlich, auch etwas zurückzugeben und nicht nur große Festivals zu spielen. Sondern auch mal an die Orte zu kommen, wo wir auch schon vorher waren, und deshalb spielen wir jetzt in Cottbus.

Mit Jan „Monchi“ Gorkow sprach
Daniel Steiger