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Internationale Kongresse in der Gedenkstätte

Sylvia Wähling leitet das Menschenrechtszentrum mit großem Engagement – im Ehrenamt.
Sylvia Wähling leitet das Menschenrechtszentrum mit großem Engagement – im Ehrenamt. FOTO: Michael Helbig
Interview der Woche. Als in der Lausitz zum ersten Mal das Wort "Menschenrechtszentrum" fiel, konnte sich kaum jemand vorstellen, wie schnell aus dieser Utopie ein sehr greifbares – und überaus erfolgreiches Projekt werden würde. Sylvia Wähling, Leiterin der Gedenkstätte Zuchthaus, ist von Anfang an dabei. In der RUNDSCHAU spricht sie über Erfolge und Rückschläge, die bewegenden Momente im Ehrenamt und über ihre Pläne für die Zukunft: Sie will in Cottbus ein internationales Kongresszentrum schaffen.

In der RUNDSCHAU spricht sie über Erfolge und Rückschläge, die bewegenden Momente im Ehrenamt und über ihre Pläne für die Zukunft: Sie will in Cottbus ein internationales Kongresszentrum schaffen.

Frau Wähling, Sie leiten die Gedenkstätte Zuchthaus im Ehrenamt. Wie viele Stunden Arbeit investieren Sie in diese Aufgabe?
Das zähle ich nicht. Ich bin jeden Tag bis tief in die Nacht im Büro, bin nahezu jedes Wochenende in der Gedenkstätte. Wenn ich mir vor viereinhalb Jahren wirklich Gedanken darüber gemacht hätte, was ich hier anfange - ich hätte es wohl nicht getan. Ich bin Politologin, habe weder vom Bauen und Sanieren noch von Finanzen eine Ahnung. Früher konnte ich nicht mal eine Glühbirne allein einschrauben. Und wenn ich darüber nachdenke, dass wir jetzt Millionen bewegen ... Aber zum Glück sind meine beiden geschäftsführenden Vorstandskollegen ähnlich gestrickt wie ich. Nach dem Motto ,Augen zu und durch' packen wir die Aufgaben an. Und wenn ich samstags um 23 Uhr meinen Schatzmeister anrufe und drei Stunden über ein Problem diskutiere, ist das völlig normal. Mit einem angestellten Buchhalter wäre das völlig unmöglich.

Wurde Ihnen dieses Engagement in die Wiege gelegt? Gibt es dafür einen biografischen Hintergrund?
Nein, ich denke, nicht. Ich engagiere mich einfach seit 26 Jahren für die Menschenrechte, ich kann gar nicht anders. Das Thema ist mir unheimlich wichtig. Seit der Wende lebe ich in den neuen Bundesländern und das Schicksal der Menschen hier geht mir sehr nahe. Geschichte ist nichts Ab-straktes, sie begegnet mir jeden Tag. Der Müllmann, die Verwaltungsfrau, der Politiker - sie alle sind Zeitzeugen und haben Dinge erlebt, die es lohnen, erzählt zu werden. Hier in der Gedenkstätte erzählen sie ganz besondere Geschichten. Es sind die Geschichten von Menschen, die zu Unrecht inhaftiert waren. Meist junge Kerle, die mit 18, 20 oder 23 eingesperrt wurden. Sie sind traumatisiert. Manche von ihnen haben noch nie darüber gesprochen, dass sie inhaftiert waren. Neulich ist mir ein Mann begegnet, der hat dieses Thema noch nicht einmal mit seinen eigenen Eltern oder seinem kleinen Bruder angesprochen. Und diese Männer, heute so um die 60, sitzen dann vor mir und brechen plötzlich in Tränen aus. Das ist schon sehr bewegend.

Warum war das Sprechen über die Zeit im Gefängnis so schwierig? Schließlich wurden viele politisch Inhaftierte in den Westen freigekauft. Dort hätten sie ohne Angst vor Repressalien reden können.
Natürlich geht jeder Mensch mit seinen Erfahrungen anders um. Aber mir sind zum Beispiel viel Ärzte begegnet, die Angst hatten, im Westen über ihre Haftzeit zu sprechen, weil sie befürchteten, dadurch irgendwie in einem schlechten Licht dazustehen. So nach dem Motto: ,Irgendwas wird schon drangewesen sein, das sie ihn eingesperrt haben.' Es gibt sicher auch ehemalige Häftlinge, die sehr abgeklärt und offen sind. Aber jeder von ihnen hat seine Häftlingsmacke, das lässt sich wohl nicht ablegen.

Häftlingsmacke?
Ja, so bestimmte Muster, die sich eingebrannt haben. Ein Bekannter von mir hat dreimal versucht, seinen Universitätsabschluss zu machen. Er ist jedes Mal gescheitert. Weil die Prüfungssituation ihn zu sehr an die Verhörsituationen erinnerte. Die Geschichte ist eben nichts Abgeschlossenes, sie reicht bis in die Gegenwart. Und genau darauf zielen wir mit unserer Arbeit hier. Wir wollen die Geschichte des Zuchthauses dokumentieren, aber mit der Lebenswirklichkeit der Menschen im Hier und Jetzt verknüpfen. Das ist das besondere unserer Arbeit hier, an diesem authentischen Ort. Nehmen Sie etwa die Aufführung von Fidelio im Sommer. Der Intendant Martin Schüler hat die Situation der Damen in Weiß in Kuba mit in seine Inszenierung eingebunden. Und die bunten (Kunststoff-)Gladiolen, die wir diesen Frauen geschenkt haben, sind jetzt in Havanna bei ihren Demonstrationen präsent. Darum geht es uns - ein Nachdenken über den Wert der Freiheit anzuregen.

Die Arbeit der Gedenkstätte wurde bereits mehrfach ausgezeichnet (siehe Kasten). Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?
Es ist tatsächlich erstaunlich, welche Aufmerksamkeit unsere Arbeit bereits nach so kurzer Zeit wecken konnte. Wir sind, anders als alle anderen Gedenkstätten, in privater Hand. Wir sind nicht nur Betreiber der Gedenkstätte sondern auch Eigentümer der Immobilie. Weder der Bund noch das Land haben jemals versucht, uns in unsere Arbeit hineinzureden, wir können unsere Vorstellungen tatsächlich umsetzen. Die Situation hier ist natürlich ungewöhnlich: Dass ehemalige Häftlinge ihr Gefängnis kaufen und daraus eine Gedenkstätte machen, ist ein Signal, das in vielen Ländern wahrgenommen wird. Aber entscheidend für unseren Erfolg ist wohl das interaktive, sehr moderne und kreative Konzept unserer Arbeit. Wir dokumentieren nicht nur die Geschichte der Häftlinge und drücken auf die Tränendrüse, wir bringen unsere Besucher dazu, sich aktiv mit der Vergangenheit - und ihrer eigenen Lebenswirklichkeit - auseinanderzusetzen. Wenn Schüler hier bei einem Workshop ein Gedicht über die Freiheit schreiben oder an unserer Kletterwand erspüren, wie gefährlich Flucht sein kann, dann passiert etwas mit ihnen. Dann denken sie über ihre eigene Situation nach, erkennen den Wert von Freiheit und Demokratie. Und im Idealfall werden sie dazu angeregt, sich selbst dafür einzusetzen, dass die Menschenwürde auch anderswo in der Welt geachtet wird.

Ist die Gedenkstätte denn jetzt fertig? Oder gibt es Pläne für die Zukunft?
Bei uns gibt es nahezu täglich Veränderungen, fertig im Sinne von statisch ist hier nichts. Aber natürlich haben wir Pläne. Unsere Vorstellung wäre, hier ein internationales Kongresszentrum zu schaffen. Im ehemaligen Hafthaus 3 könnte man ein Bettenhaus einrichten, so dass Kongressgäste gleich auf dem Gelände übernachten können. Die Pentaconhalle ließe sich sehr gut zu einem Veranstaltungsraum ausbauen. Diese Pläne lassen sich aber nur zusammen mit der Stadt realisieren, schließlich müssen sie ins Stadtentwicklungskonzept eingebettet werden. Aber es wäre eine schöne Möglichkeit, Cottbus weg von dem Thema Braunkohle ins Gespräch zu bringen.

Welche Art von Kongressen würden hier in Cottbus Sinn machen?
Wir haben hier einen authentischen Ort, das zeichnet uns aus und macht uns interessant für Besucher aus der ganzen Welt. Die Themen Freiheit, Demokratie, Unterdrückung und Widerstand lassen sich an einem solchen Ort wunderbar bearbeiten. Wir pflegen schon jetzt Kontakte zum neuen Solidarnosc-Zentrum in Danzig. Der Hungerstreik von ein paar Hundert Häftlingen am 17. Dezember 1981 in Solidarität mit der Gewerkschaft Solidarnosc war in Polen bis heute ein sehr unbekanntes Thema. Es verbindet uns aber mit den Polen, weil dort die Solidarnosc-Bewegung noch ein sehr wichtiges Thema ist. Aus der Grenznähe ergeben sich reizvolle Aufgaben für uns. Zusammen mit Zielona Gora können wir unsere gemeinsame Geschichte bearbeiten. Überhaupt gibt es viele inhaltliche Bezüge zu den osteuropäischen Ländern, die sich ähnlich wie wir, mit Opposition und Widerstand auseinandersetzen.

Tolle Ideen. Aber derzeit gibt es noch nicht einmal finanzielle Sicherheiten für das nächste Jahr.
Wir führen in wenigen Tagen Gespräche mit dem Bund und dem Land. Dabei geht es genau um das Thema und darum, ob und wie der Bund ab 2016 sich wieder an der Finanzierung unserer Arbeit beteiligen wird. Aber 2015 wird tatsächlich eine Durststrecke. Deshalb haben wir eine Unterschriftenaktion gestartet. Wir wollen bis zum Beginn der Haushaltsberatungen des Landtages im März möglichst viele Menschen für unser Anliegen mobilisieren und so etwas moralischen Druck auf die Landesregierung aufbauen. Es reicht nicht, bei schönen Feiern stolz auf uns zu sein. Lippenbekenntnisse helfen uns nicht weiter. Wir brauchen schlicht und einfach Geld.

Mit Sylvia Wähling sprach

Andrea Hilscher

Zum Thema:
Das Menschenrechtszentrum hat in diesem Jahr bereits drei Preise gewonnen: Diese Woche wurde es im Rahmen eines Wettbewerbs der Bundeszentrale Politische Bildung zu 25 Jahren Mauerfall geehrt. Im März erhielt die Gedenkstätte den Sonderpreis für Zivilcourage und Gemeinsinn der TMB Tourismus-Marketing Brandenburg GmbH, im November den Sonderpreis des Hohenschönhausenpreises. Sylvia Wähling durfte sich in die Ehrenchronik der Stadt Cottbus eintragen und wurde mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande gewürdigt.

Zum Thema:
Sylvia Wähling, 52, wurde in Griechenland geboren. Sie lebt seit 1980 in Deutschland. Sie studierte Politikwissenschaften und Völkerrecht in Bonn und arbeitete seit 1993 für die Sächsische Landeszentrale für Politische Bildung. Sie leitet die Gedenkstätte Zuchthaus und ist Vorstandsmitglied der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM).

Zum Thema:
Kennen auch Sie Persönlichkeiten, die etwas zu sagen haben? Dann schlagen Sie uns Gesprächspartner vor: Lausitzer Rundschau, Straße der Jugend 54, 03050 Cottbus, oder perE-Mail an die Adresse:redaktion@lr-online.de.