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| 07:57 Uhr

Integrationsdebatte
Schwierige Lösungssuche

rbb Talk in der Alten Chemiefabrik.Ein halbes Jahr nach der ersten Debatte hat der Rundfunk Berlin Brandenburg (rbb) am Donnerstagabend in der Alten Chemiefabrik in der Cottbuser Parzellenstraße erneut zu einem Talk unter dem Titel Vor Ort „Nachgefragt: Cottbus unerhört?!“ eingeladen. Auf dem Podium diskutierten mit Moderator Andreas Rausch (3.v.l.) Christoph Berndt (AfD) (l), Prof. Dr. Dierk Borstel (2.v.l.), Holger Kelch (CDU) (2.v.r.) und Martin Gorholt (SPD) (r)
rbb Talk in der Alten Chemiefabrik.Ein halbes Jahr nach der ersten Debatte hat der Rundfunk Berlin Brandenburg (rbb) am Donnerstagabend in der Alten Chemiefabrik in der Cottbuser Parzellenstraße erneut zu einem Talk unter dem Titel Vor Ort „Nachgefragt: Cottbus unerhört?!“ eingeladen. Auf dem Podium diskutierten mit Moderator Andreas Rausch (3.v.l.) Christoph Berndt (AfD) (l), Prof. Dr. Dierk Borstel (2.v.l.), Holger Kelch (CDU) (2.v.r.) und Martin Gorholt (SPD) (r) FOTO: Michael Helbig
Cottbus. Eine Talkrunde zum Thema Zuwanderung zeigt Erfolge, Probleme, Lösungsansätze. Von Andrea Hilscher

Die Bedenken im Vorfeld waren groß: Die Macher der RBB-Sendung „Cottbus unerhört“ hatten in den vergangenen Tagen mehrere Absagen von Talkgästen aus Reihen von SPD und Grünen kassiert. Sie mussten sich fragen lassen, ob ein öffentlich-rechtlicher Sender wenige Monate vor der nächsten Kommunalwahl gut da­ran tut, dem Verein „Zukunft Heimat“ und der AfD mit ihren asylfeindlichen Parolen ein Podium zu bieten. Zudem hatten das Kampagnen-Netzwerk „Ein Prozent“ und Vertreter der Identitären Bewegung im Vorfeld massiv versucht, ihre Anhänger zur Teilnahme an der Veranstaltung zu bewegen.

Der RBB ging am Donnerstagabend dennoch auf Sendung – ab 19 Uhr im Netz, ab 21 Uhr im TV – und ließ seine Talkgäste, das Publikum und wichtige Funktionsträger aus Cottbus diskutieren. Ohne die befürchteten Krawalle, mit einigen frischen Ideen und einer sehr klaren Wahlprognose.

Rund 150 Besucher waren gekommen, deutlich weniger als bei der ersten Sendung im Frühjahr. Die Moderatoren Andreas Rausch und Christian Matthée hatten sich den Chef von „Zukunft Heimat“, Christoph Berndt, eingeladen, dazu Oberbürgermeister Holger Kelch (CDU), Martin Gorholt (SPD), Chef der Staatskanzlei in Brandenburg, und Dierk Borstel, Rechtsextremismus-Experte der FH Dortmund.

Holger Kelch sieht die Stadt auf einem guten Weg. „Es ist deutlich ruhiger geworden.“ Wichtige Schritte dazu seien die Bürgerdialoge gewesen, außerdem die finanzielle Unterstützung seitens des Landes. Hier müsse allerdings noch mehr passieren, Gespräche mit der Landesregierung liefen bereits. Wichtig für ihn: einen rechtlichen Rahmen zu schaffen, um Flüchtlinge möglichst schnell in Arbeit zu bringen.

Martin Gorholt sieht ebenfalls deutliche Erfolge bei der Integration, spricht von 20 Prozent der 2015/16 eingereisten Flüchtlinge, die Arbeit oder eine Ausbildung haben. Das Niveau von Polizeikräften in der Stadt will er halten. „Die kleine Gruppe krimineller Ausländer müssen wir rechtsstaatlich bekämpfen, notfalls abschieben.“

Christoph Berndt sieht weder in mehr Polizei noch in mehr Sozialarbeit eine Lösung. Für ihn sind offene Grenzen und Zuwanderung die Ursache aller Probleme. Er verweist auf überproportional hohe Anteile von Geflüchteten an Gewaltkriminalität.

Sven Bogacz, Leiter der Polizeidirektion Süd, bestätigt diese Einschätzung fürs erste Halbjahr 2018, sagt aber auch: „Wir hatten in den ersten Monaten des Jahren 4000 Delikte, 600 weniger als im Vorjahr.“ Besonders die Eigentumsdelikte seien rückläufig. Die Zahl der Intensivtäter unter den geflüchteten könne man an zwei Händen abzählen. Den Rufen aus dem Publikum nach „Abschieben, Abschieben“ antwortete Martin Gorholt mit Verweis auf humanitäre Verpflichtungen, sagt aber auch: „Stadt, Land und Bund müssen stärker werden, wenn Flüchtlinge sich nicht an die Regeln halten.“

Dierk Borstel beobachtet als Wissenschaftler aus Dortmund seit Monaten, wie sich die Situation in Cottbus verändert und warnt vor Pauschalisierungen auf allen Seiten. „Die bringen uns nicht weiter. Wir müssen die Situation, so wie sie ist, verbessern.“ Er schätzt, dass ein Großteil der Flüchtlinge dauerhaft in Deutschland bleibt.

Matthias Koziol, Vizepräsident der BTU, hofft auf gelingende Integration. „Wir sind darauf angewiesen, dass Cottbus einen guten Ruf hat und dass Menschen zu uns kommen. Aus anderen Teilen von Deutschland und aus anderen Teilen der Welt.“ Nur so habe die Lausitz eine Chance im europaweiten Rennen um Fachkräfte.

Eine aktuelle Wahlumfrage im Auftrag des RBB sieht die AfD bei 30 Prozent, als stärkste Kraft in Cottbus.