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| 17:22 Uhr

Integration
Wenn das Fremde ein Gesicht bekommt

 Die Arbeiten zum Thema Integration eröffnen den Schülern neue Gedankenwelten.
Die Arbeiten zum Thema Integration eröffnen den Schülern neue Gedankenwelten. FOTO: Kai Sprenger
Cottbus. Ein Geflüchteter und ein Deutscher treten gemeinsam vor eine Schulklasse und erzählen. Was dann passiert, ist spannend. Von Andrea Hilscher

Kai Sprenger ist Lehrer am Cottbuser Fürst-Pückler-Gymnasium, unterrichtet Deutsch, Geschichte und Politik. Als er von einem Projekt der Potsdamer „Stiftung für Engagement und Bildung“ hörte, wurde er hellhörig. Die Idee ist simpel: Ein Geflüchteter und ein Deutscher treten gemeinsam vor eine Klasse, erzählen von ihren Erlebnissen, arbeiten mit kleinen Rollenspielen und Filmen, um ein Nachdenken über das Thema Integration anzuregen.

„Ich fand das interessant“, sagt Kai Sprenger. Er meldete sich und eine 10. Klasse für das Projekt „Menschen treffen Menschen“ an. „Wir merken im Unterricht und bei den Gesprächen auf dem Schulhof schon, dass das Thema in Cottbus rumort“, sagt er. Seine Schüler seien dabei niemals fremdenfeindlich, trotzdem würden auch kritische Aspekte von Zuwanderung angesprochen. „Die jungen Leute reflektieren, was sie von ihren Eltern und ihrem Umfeld an Debatten mitkriegen.“

Es versprach also spannend zu werden, als Amru Abdalmahmoud (22) und Thilo Stopper (27) sich für einen Tag im Gymnasium anmeldeten. Amru Abdalmahmoud ist palästinensischer Syrer und seit Ende 2015 in Deutschland. Er erzählte den Schülern von seinem Leben zu Hause und davon, dass er nicht zum Wehrdienst eingezogen werden wollte. Heute studiert er in Potsdam  Informatik. Sein Projekt-Partner Thilo Stopper studiert Soziologie und Geschichte – er ist mit gemischten Gefühlen nach Cottbus gekommen. In Potsdam hätten ihn im Büro alle gewarnt, hier sei ein schwieriges Pflaster. Letztlich aber, so sagte er abschließend, habe er den Tag mit den Schülern ganz anders wahrgenommen.

Nach einer Vorstellungsrunde und einem Quiz zu statistischen Angaben über Migranten, einer  WDR-Dokumentation über Flucht nach Deutschland  und Bildern aus der syrischen Heimat von Amru Abdalmahmoud – sein Zuhause vor und nach der Zerstörung – ging es dann ans Eingemachte. Zehn Schüler sollten die Klasse verlassen und sich auf dem Flur auf ihre Rollen als Flüchtlinge vorbereiten, die als Neuankömmlinge ihre ersten  Asylanträge ausfüllen müssen. Kai Sprenger: „Sie haben sich gut vorbereitet, Argumente gesammelt, warum sie fliehen mussten.“ Als sie dann aber zurück in die Klasse, ins „Büro“ kamen, trafen sie dort nur auf Amru und eine Mitschülerin. Beide weigerten sich, Deutsch zu sprechen. Prompt waren die „Flüchtlinge“ heillos überfordert, konnten sich nicht mehr verständlich machen.

„Das war eine überraschende Erfahrung für meine Schüler“, sagt Kai Sprenger. Eine Erfahrung, die den allermeisten Migranten im Alltag nicht erspart bleibt. Selbst wenn sie schon erste Deutschkenntnisse erworben haben, sagen viele von ihnen: Gerade auf dem Ämtern wird so schnell gesprochen, dass wir Probleme haben, alles zu verstehen.

Kai Sprenger und seine Schüler haben am Ende dieses ungewöhnlichen Schultages viel gelernt. Über Flucht und Migration, über sich selbst, über das Zuhören-Können. „Ich war überrascht über das Ausmaß an Ehrenamtlichkeit, dass es in diesem Bereich gibt“, sagt Kai Sprenger. „Als Amru erzählt hat, wer ihm in den ersten Jahren hier alles unter die Arme gegriffen hat – Hut ab.“ Das alles seien Leute, die oft als „Gutmenschen“ verspottet würden, die im besten Fall ein Danke­schön für ihre Arbeit ernten, oft aber verhöhnt oder beschimpft werden. „Es hat sich also für uns alle gelohnt, dass Thilo und Amru aus Potsdam zu uns gekommen sind“, sagt der Lehrer zufrieden.